Kissendorf/Leipheim

22.11.2015

"Das ist es"

Offensichtlich sehr zufrieden mit den Leistungen ihres Schülers: Klavierpädagogin Alla Gonchar mit dem Leipheimer Tastentalent Angelo Zanon.

Wie es der 19-jährige Angelo Zanon in nur zwei Jahren zum Tastentalent gebracht hat.

Am Anfang war der Sturm. Entfacht auf dem Olymp musischer Eingebung. Entsandt vom Jupiter sinfonischer Allmacht und pianistischer Seelentiefe: Ludwig van Beethoven. Sturmsonate op. 31/2 Allegretto. Dazu als klassikferner Abweichler: Der maritim verwegene Soundtrack aus „Fluch der Karibik“. Der Leipheimer Angelo Zanon, 19 Jahre alt, stellte sich bei der „Gala junger Talente“ im Rahmen der Leipheimer Tastentage (GZ berichtete) dem Publikum. Und er begeisterte: Galoppierte mit Verve durch das Gleichmaß angehäufter Sechzehntel und ließ sein jünglinghaftes Draufgängertum in praller Klangfülle baden. Der Moderator verkündete es sichtlich beeindruckt, der Jungtastenlöwe hat gerade mal etwas über zwei Jahre Klavierunterricht. Oha! Das klingt spannend. Wie geht denn so etwas?

Vor zwei Jahren hat er angefangen

Szenenwechsel. Grundschule Kissendorf. Im Musiksaal steht der prächtige schwarze Flügel. Alla Gonchar, Klavierpädagogin aus Augsburg mit Zweigstelle in Bibertal, dekoriert den Fußboden vor dem Flügel mit Notenmaterial. Bach, Beethoven, Chopin. Auftritt Angelo, der Klavierlernende. Etwas außer Atem, weil zu spät. „Wenn ihr meine Sonate verstehen wollt, müsst ihr auch den „Sturm“ von Shakespeare lesen“, zitiert die Lehrerin den Schöpfer des Musikstücks.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Zunächst: Geistig und körperlich entkalken

Sie liest aber nicht, sondern setzt sich ans Tasteninstrument und sagt fröhlich: „Wir machen uns mit Improvisation warm“. Wie – Improvisation? Nach nur zwei Jahren Unterricht? Das gehöre unbedingt dazu, erklärt sie, und es gelte für jeden Anfänger. Vom ersten Tag an. „Der Knackpunkt ist“, doziert sie, „zu entkalken, geistig und körperlich“. Dann entkalken sie. Vierhändig. Zuerst er links die Unter-, sie rechts die Oberstimme, dann wird gewechselt. Klingt gut, klingt flüssig. Sie steigert das Tempo. Angelo hält mit. Locker. Dann wirft sie irgendwann „Jetzt mit Oktaven“ ein. Er spielt mit Oktavengriffen, beidhändig. „Synkopen!“ – die nächste Vorgabe. Irgendwann landen sie in aufgepeppt tangoartiger Metaphorik. Cool!

"Etwas saftiger"

Beethoven wäre begeistert. Alla Gonchar ist es nicht. „Du musst mehr Fingerkuppe nutzen“ demonstriert sie. „Etwas saftiger“, und tastet seine Finger ab. „Die Melodie solltest du mitsingen“ flicht sie ein, Melodie stecke in jeder Seele, der Rhythmus sei im Blut und der Tanz spreche ihn aus. Überraschend leise und perlend sanft geht es weiter. „Weniger ist mehr!“, sagt die Lehrerin: Laut könne „jeder Depp“ spielen!

Sie möchte ihr Können weitergeben

Alla Gonchar ist in der Ukraine geboren, in Russlands tiefstem Sibirien aufgewachsen, seit 14 Jahren in Deutschland beheimatet und beherrscht die deutsche Sprache so perfekt wie das Piano. Als Klavier- und Musikpädagogin ausgebildet an den Universitäten Kiew und Augsburg, hatte sie nie das Ziel Klaviervirtuosin vor Augen, sondern wollte bereits als Kind Klavierlehrerin werden. Ihr Anliegen, spricht die 38-Jährige offen aus, sei von Anfang an die Lehrtätigkeit, das „Weitergeben“ gewesen, seit nunmehr 16 Jahren. Das Aufwecken, Vermitteln, Formen. „Eine Aufgabe, die ich liebe“. Ein lang anhaltender Prozess.

Von der Blockflöte zum Klavier

Auch bei Angelo? Er hatte mit drei Jahren eine ungeliebte Blockflöte in die Hand gedrückt bekommen, sie mit acht aus Gründen eines anhaltenden Asthmaleidens durch die Klarinette ersetzt. Das Asthma schwand, die Klarinette auch, von nun an war Saxofon angesagt. Bis, ja bis zu jener schicksalsschweren Musikparty, bei der er mit dem hemmungslosen Improvisationsgebaren eines Jazzpianisten konfrontiert wurde.

„Das ist es“, lautete das Fazit dieser Nacht der herzentflammten Erkenntnis. Die nahm er dann, entbrannt und erleuchtet, wild entschlossen mit nach Hause. Zum Zwecke unmittelbarer Umsetzung.

Zweieinhalb Jahre später im Musiksaal der Kissendorfer Grundschule. Auf dem Notenständer des Flügels liegt inzwischen Band I „Wohltemperiertes Klavier“ von Bach und Nocturnes von Chopin. Worte der Lehrerin erster Teil: „Ohne Bach geht gar nichts.“ An seinen Werken könne man das musikalische Wesen erfassen. Zweiter Teil: „Mit Chopin lernt man das Pianospiel.“ Der Schüler poetisiert, fantasiert, repetiert, die Maestra lobt: „Angelo, du bist klasse!“ Der so Geadelte äußert sich mit dem Ausdruck beschwörender Läuterung: „Ich liebe klassische Musik.“ Da lässt die leise Selbstbelobigung einer Siegreichen nicht lange auf sich warten: „Ziel erreicht.“

Und was ist das Ziel?

Aber – Moment mal. Ziel? Der spitzenmäßige Tastenkönner hat doch im fernen Stuttgart bereits ein Studium des Technologiemanagements aufgenommen. Ja, ja. Schon. Aber ist die Faszination Klavier, der magische Ruf Bachs und Beethovens damit vom Winde verweht? Mal abwarten!

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20DSC_0198.tif

Auftraggeber Bundeswehr

ad__galaxy-tab-a-10--summer@940x235.jpg

Sommerpaket

Digitale Zeitung inkl. gratis Tablet. Mit unserem Sommerpaket haben Sie
Ihre Heimat im Handgepäck dabei. Buchbar nur bis 30. August!

Jetzt Sommerpaket bestellen!