1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. Der Einbrecher kommt – und sie hören ihn nicht

Kreis Günzburg

16.07.2016

Der Einbrecher kommt – und sie hören ihn nicht

Alarmanlagen halten Diebe nicht unbedingt von ihrem Vorhaben ab. Foto: Bodo Marks
2 Bilder
Gegen Einbrecher sollte man sich absichern.
Bild: Bodo Marks (dpa)

Beinahe hätte es ein Einbrecher in sein Haus geschafft. Rudolf Preis hat es nicht einmal mitbekommen. Der Günzburger ist gehörlos. Was man in solchen und anderen Fällen tun kann.

Beinahe hätte es ein Einbrecher in sein Haus geschafft. Rudolf Preis hat es noch nicht einmal mitbekommen. Der Günzburger ist gehörlos, vor 20 Jahren bemerkte er den Einbruchsversuch erst, als sein Schlüssel nicht mehr sperrte, weil ein Metallstück im Schloss steckte. Erfolgreich war der Dieb damals zum Glück nicht, die Sorge, es könnte jemand im Haus sein und er würde seelenruhig weiterschlafen, hat Preis aber noch immer.

Deshalb war es ihm besonders wichtig, die Infoveranstaltung der Landkreis-SPD auch für Gehörlose zugänglich zu machen. Auf seine Initiative kam die Gebärdendolmetscherin Michaela Möckl aus Augsburg zum Vortrag nach Ichenhausen. Dort erklärte SPD-Kreisrat und Kriminalhauptkommissar Peter Hirsch, wie sich Häuser und Wohnungen besser vor ungebetenen Gästen schützen lassen – mit Dolmetscherin Möckl für Hörende und Gehörlose.

Vorbeugen können beide Gruppen selbstverständlich gleich. Hirsch stellte Systeme vor, mit denen Fenster und Türen nachgerüstet werden können und erklärte, worauf Hausbesitzer beim Türschloss achten sollten. Außerdem wies er darauf hin, Türen immer abzuschließen und nicht nur ins Schloss zu ziehen. Fenster müssten immer geschlossen sein. „Ein gekipptes Fenster ist ein offenes Fenster“, sagte der Polizist, der bei der Kriminalpolizei in Neu-Ulm für alles zuständig ist, was sich um das Thema Vorbeugung dreht.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Die meisten Einbrecher kämen immer noch über aufgehebelte Fenster und Terrassentüren in die Häuser. Profigerät sei nur selten im Einsatz, erklärte Hirsch. „Das kreisrunde Loch in der Scheibe, das gibt es fast nur im Fernsehen.“ Deshalb seien Sicherheitssysteme auf jeden Fall sinnvoll. Oft höre er den Einwand, dass Diebe sich immer irgendwie Zugang zum Haus verschaffen könnten. Das sei jedoch nicht richtig. „Auch ein Einbrecher macht eine Kosten-Nutzen-Rechnung“, sagte der Experte. Alles, was länger als fünf Minuten dauere, sei für Einbrecher uninteressant. Das gelte auch für Banden, die im Raum Günzburg und Neu-Ulm wegen der verkehrsgünstigen Lage immerhin die Hälfte der jährlich etwa 400 Einbrüche verüben.

Für Gehörlose gibt es ein Notfall-Fax

Hirsch forderte dazu auf, lieber einmal zu oft bei der Polizei anzurufen. „Im schlimmsten Fall sind wir eben 20 Minuten umsonst unterwegs.“ Gerade Banden können häufig nur deshalb gefasst werden, weil Anwohner ungewöhnliche Dinge beobachten. Für Gehörlose funktioniert das Verständigen der Polizei etwas anders: Da sie nicht telefonieren können, gibt es ein Notfall-Fax, das für verschiedene Fälle genutzt werden kann. In dem Vordruck können sie schnell angeben, was passiert ist und schriftlich Kontakt mit der Polizei aufnehmen. Das funktioniert jedoch nur von zuhause, unterwegs müssen sie sich mit SMS behelfen. Diese Möglichkeiten hatte Preis vor 20 Jahren noch nicht – er musste zur Dienststelle fahren und sich dort verständlich machen.

Wie ruft jemand Hilfe, wenn er nicht reden kann? Ein Notfall-Telefax ist für viele Menschen, die unter einer Behinderung leiden, oft die einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen.
Bild: Bernhard Weizeengger

Obwohl sich seit 2002, als die Gebärdensprache als offizielle Fremdsprache anerkannt wurde, einiges getan hat, hat Deutschland nach Ansicht der anwesenden Gehörlosen im internationalen Vergleich noch einiges nachzuholen. Vor allem in Amerika sei es für Gehörlose sehr viel einfacher, sich zu verständigen. Viele Polizisten beherrschen die Gebärdensprache oder das Fingeralphabet, Behördengänge seien unproblematisch, übersetzt Dolmetscherin Möckl.

In Deutschland müssen die Gehörlosen, die nicht als taub-stumm bezeichnet werden möchten, ihre Dolmetscherkosten meist selbst übernehmen. Deshalb fordern sie, dass ihre Kommunikations-Barriere im neuen Teilhabegesetz, das sich mit der Inklusion von Behinderten beschäftigt, stärker berücksichtigt wird. „Wir haben nur diese eine Einschränkung“, sagt Andreas Senger vom Gehörlosenverein Günzburg/Neu-Ulm. Um diese zu überwinden, brauchen sie einen Dolmetscher. Eine Situation wie in Amerika ist noch weit weg – die bayerische Landesregierung hat den Unterricht der Gebärdensprache an Schulen vor einigen Jahren abgelehnt.

Infos zum Thema Einbruchsicherheit gibt es unter www.k-einbruch.de. Generelles zu Verbrechen und Vorbeugung unter www.polizei-beratung.de und www.pfiffige-senioren.de. Das Formular für Gehörlose ist unter www.gznu.de abrufbar.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren