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Ettenbeuren

05.05.2020

Der Krieg endet mit einem Schicksalsschlag für die Familie

Manfred Krumm mit seiner Mama kurz nach Kriegsende. Sein Vater war durch eine der letzten Granaten in Ettenbeuren getötet worden.
Bild: Sammlung Krumm

Plus Manfred Krumm erzählt über den Tod des Vaters in Ettenbeuren in den letzten Kriegstagen im April 1945. Die Schrecken bleiben in der Familie unvergessen.

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist die Meldung im Radio: „Feindliche Flieger über dem Reichsgebiet.“ Sie erfüllte mich jedes Mal mit großer Angst, da ich als Kind nicht wusste, was und wo das Reichsgebiet ist. Ich vermutete es daher über unserem Haus.

Eine andere Erinnerung, vermutlich aus den letzten Tagen des Krieges: In der Abenddämmerung ziehen deutsche Soldaten zu Fuß und mit Pferdefuhrwerken durch unser Dorf. Sie wecken heute noch in mir einen gehetzten Eindruck.

Eine Granate trifft das Elternhaus

Die schlimmste Erinnerung habe ich jedoch an den letzten Tag des Krieges in meiner Heimatgemeinde Ettenbeuren, Landkreis Günzburg. Den ganzen Tag über hörte ich immer wieder mehr oder weniger fern die Einschläge von Artilleriegranaten. In den Abendstunden des 26. April 1945 erzählte ein Bekannter meinen Eltern, die mit mir am Küchenfenster standen, dass es nicht so gefährlich wäre. Die Einschläge gingen auf die Felder zwischen den Orten. In diesem Moment jedoch schlug eine Granate mitten im Ort zwischen zwei Häusern ein, vielleicht 100 Meter von meinem Elternhaus entfernt. Aufgeschreckt durch die plötzlich so nahe Gefahr schickte mein Vater meine Mutter und mich in den Keller, dessen Zugang sich gleich beim Fenster befand, an dem wir standen. Er selbst wollte noch irgendetwas holen und rannte aus der Küche. Meine Mutter und ich waren noch auf der Treppe zum Keller, als erneut ein ungeheurer Knall und Lärm, dazu Staub und Dreck unser Haus erfüllten. Wir konnten noch die Kellertüre schließen und warteten auf den Vater.

Das Bild hat sich eingebrannt

Nachdem einige Zeit vergangen war und er noch immer nicht zurückgekommen war, gingen meine Mutter und ich wieder nach oben. Beim Öffnen der Kellertür machten wir die grausige Entdeckung: Eine Granate war mitten in unserem Haus explodiert, genau an der Stelle, an der sich mein Vater befand. Die Granate richtete nicht nur große Schäden an unserem Haus an, sondern tötete auch meinen Vater. Er, dessen Stimme ich gerade noch einige Minuten vorher vernommen hatte, war mitten in einem großen Schutthaufen begraben, nur der Kopf schaute heraus, ein Auge war geschlossen, das andere offen. Mutter, gelernte Krankenschwester, stellte dann noch fest, dass die Granate ihm eine Hand und einen Fuß abgerissen hatte.

In Panik verließ meine Mutter mit mir das zerstörte Haus. Durch den menschenleeren Ort (die Leute befanden sich alle in den Kellern), umgeben von einer unwirklichen, geisterhaften Stille rannten meine Mutter und ich zu einer bekannten Familie, um dort Sicherheit zu finden.

Die Wehrmacht sprengt eine Brücke

Dort erlebte ich als Fünfjähriger den nächsten Schrecken an diesem Tag: Die deutsche Wehrmacht sprengte wenige Stunden später eine Brücke, die nicht weit vom Haus des Bekannten entfernt war. Die Soldaten wollten den Feind am Vorrücken hindern. Ohne Erfolg.

Am nächsten Tag besetzten die amerikanischen Truppen meinen Heimatort. Damit war der Krieg am 27. April 1945 für Ettenbeuren endgültig zu Ende. Zu Ende waren auch die angsterregenden Meldungen im Radio von „feindlichen Fliegern“.

Zuvor hatte eine der letzten Granaten, die in unseren Ort einschlugen, großen Schaden an unserem Haus angerichtet und meinen Vater getötet, der als dörflicher Schlosser vom Wehrdienst freigestellt war.

Das zu realisieren dauerte für mich als fünfjähriges Kind noch sehr lange.

Manfred Krumm stammt aus Ettenbeuren und erinnert sich in diesen Tagen an das Kriegsende vor 75 Jahren. Ettenbeuren wurde am 27. April 1945 durch Soldaten der amerikanischen Armee besetzt (= befreit). Seine Geschichte erschien 2013 in einer Serie „Oma und Opa erzählen“ und dem gleichnamigen Buch der Augsburger Allgemeinen.

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