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Deutsche Einheit

01.10.2020

Deutsche Einheit: Mit dem Wind nach Osten - meine Erfahrungen mit der DDR

Die DDR verblasst. Der Länderaufkleber kann auch im übertragenen Sinn verstanden werden. Gesehen 1990 in Rudolstadt.
Bild: Till Hofmann

Als Elfjähriger schickte der heutige GZ-Redaktionsleiter einen Luftballon mit Zettel unten dran auf die Reise. Er flog in die DDR. Im Thüringer Wald ging ihm die Puste aus.

Papst Johannes Paul II. besucht zum ersten Mal sein Heimatland Polen. Die Nato fasst ihren Doppelbeschluss zur Nachrüstung von Atomwaffen. Und Studentenführer Rudi Dutschke stirbt an den Spätfolgen eines Attentats. Für mich ist die Bedeutung dieser Ereignisse nur im Rückblick einzuordnen. Interessiert hat mich das 1979 als Elfjähriger herzlich wenig.

Und auch, dass am 16. September zwei Familien mit einem selbst gebastelten Heißluftballon eine spektakuläre Flucht aus der DDR gelungen war, habe ich erst später registriert. Zwei Jahre danach kam der lebensgefährliche Grenzüberflug als Disney-Produktion in die Kinos: "Mit dem Wind nach Westen" hieß der Streifen. Ich hatte zu dieser Zeit auch einen Ballon, einen viel kleineren. Menschen konnte er nicht transportieren. Aber einen Zettel. Darauf war die Bitte geschrieben, der Finder möge sich doch melden.

Nach 270 Kilometern war er gelandet - ausgerechnet in der DDR

Der in die Freiheit entlassene Luftikus ließ sich von keiner politischen Großwetterlage beeinflussen. Innerdeutsche Grenze? Kalter Krieg? Eiserner Vorhang? Meinen Ballon hat nur ein nordöstlicher Wind beeindruckt, bis ihm nach ungefähr 270 Kilometern die Puste ausging. Er war gelandet - in der Deutschen Demokratischen Republik, ausgerechnet.

So war der Blick von einem ehemaligen Grenzturm aus an der Grenze von Bayern zu Thüringen (2010).
Bild: Till Hofmann

Als Beweis schickte mir Familie Dehmel - Vater Karl-Heinz, der Harzer (Forstfacharbeiter), Mutter Elke (Sachbearbeiterin in einem großen Chemiebetrieb), Tochter Mandy, die gerade die erste Klasse besuchte - den Rest des weit gereisten Luftballons mitsamt Anhang. Mandys Schwester Corina war damals noch gar nicht geboren.

"Auf dem Forstberg habe ich ihn bei einem Spaziergang gefunden", erzählt mir Karl-Heinz Dehmel 31 Jahre später. Er zeigt auf die Bäume im steilen Bergwald. "Da war's ungefähr."

"18. 5. 82 Wir hoffen immer, dass wir uns auch einmal persönlich kennenlernen, wenn es auch noch ein paar Jahre dauern sollte. Wie denkst Du darüber?" E.

Der Zufall, trotz dieser unmenschlichen Grenze zueinandergefunden zu haben, war wie ein Geschenk. Postkarten, Briefe, Päckchen wechselten von West nach Ost und Ost nach West. Meistens tauschten Elke, Mandy und ich Belanglosigkeiten aus. Mancher Satz war aber nicht ohne. Schließlich wusste keiner, was noch in Ordnung war und was nicht mehr akzeptiert wurde von einer Staatsmacht, die sich um das Briefgeheimnis nicht scherte.

Ohne Datum "Ich habe vor etwa 14 Tagen ein Paket an Dich abgeschickt. Leider kam es am Wochenende wieder zurück. Wegen einigen Paar Söckchen für Dich ist es nicht durch den Zoll gegangen. Ich hatte schon öfters das Glück. Es gibt bei uns sehr viel, das wir nicht schicken dürfen. Ich habe das Verbotene rausgenommen und es heute nochmal weggeschickt. Hoffentlich kommt es diesmal an." E.

Attraktives Angebot zur Wiedervereinigung: Anschlag in Thälendorf. Oktober 1990.
Bild: Till Hofmann


Kurz vor Weihnachten 1989 standen die Dehmels vor unserer Haustür. Mit dem Trabbi nach dem Fall der Mauer auf großer Fahrt. "Es war ein euphorisches Gefühl. Alles war in diesem Land so fremd und doch so hell für uns", erzählt Elke.

Zur Feier des Tages: 0,5 Liter Krone Pils für 0,90 DM

Der Gegenbesuch folgte ein Jahr später: Auch in Thälendorf wurde in den 3. Oktober 1990 hinein gefeiert. Wir wollten alle einen Zipfel vom Mantel der Geschichte erhaschen. Im Saal des Gemeindehauses wurden hart gekochte und schwarz-rot-golden bemalte Eier verteilt. An die Musik kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber 20 Jahre alte Dias zeigen, dass ordentlich getanzt wurde - und kräftig gebechert. Kurz vor Mitternacht bereiteten eine Handvoll Thälendorfer einige Feuerwerksraketen vor. Unter der Fußmatte der Dorfkirche lag ein Schlüssel, mit dem das Gotteshaus aufgesperrt wurde. In der Stunde null haben sie die Glocken geläutet. Es ging noch lange in dieser historischen Nacht, die wir im "Getränkestützpunkt Kater Mikesch" fortsetzten. "Zur Feier des Tages kostet 0,5 l Krone Pils, Special Kellertrunk und Hefe-Weißbier nur 0,90 DM (bei sofortigem Verbrauch)", war an der Außentür angeschlagen.

Der Stacheldraht, die Wachposten auf ihren Türmen und in den Erdbunkern an der 1393 Kilometer langen deutsch-deutschen Grenze waren verschwunden. Ein 40 Jahre andauernder Spuk war vorüber. Und auch unser Interesse aneinander. Sporadisch telefonierten wir nur noch oder schrieben uns.

20 Jahre danach

20 Jahre hat es gedauert, bis ich wieder den Weg zu den Dehmels nach Thälendorf fand. Mandy hat mit ihrem Mann in der Nähe einen denkmalgeschützten, heruntergekommenen Bauernhof gekauft und steckt ihre ganze Freizeit in dieses Lebenswerk. Corina arbeitet in Frankfurt am Main bei der Stadtverwaltung. Elke hat keine Arbeit, aber in dem großen Haus und mit zwei Hunden genügend zu tun. Und ihre 81 Jahre alte Mutter Irmgard ist ganz froh darüber. "So habe ich wenigstens jemanden um mich."

Karl-Heinz, inzwischen 57 Jahre alt, ist in Saalfeld für den Stadtwald verantwortlich. Als ich jetzt zu Besuch war, hat er gerade die Bewerbungen seiner möglichen Nachfolger durchgeblättert. In zwei Jahren will er aufhören. "Mehr als 90 Leute haben sich beworben, sogar aus Bayern", sagt er ein wenig überrascht. Mit Mandys Eltern spaziere ich am Tag der Abreise und knapp 20 Jahre nach der Wiedervereinigung durchs Dorf. Der Getränkestützpunkt Kater Mikesch kam mir in der Erinnerung viel größer vor. Jetzt dient der Raum als Abstellkammer. Likörflaschen stehen in einem Wandregal. Tische sind mit der Platte nach unten auf dem Boden zwischengelagert.

Das Bild Honeckers noch immer an der Wand

Auf einem roten Wimpel steht mit gelber Schrift aufgenäht "Bestes Kollektiv im Wettbewerb". Ein Globus zeigt, wohin Reisefreiheit überall führen kann. "Sie haben immer von Weltanschauung gesprochen", meint Karl-Heinz. "Aber die Welt durften wir uns niemals anschauen." Fast sanftmütig wirkt der Blick des jüngeren Erich Honecker. Das Bild des einst mächtigsten Mannes der DDR hängt nach wie vor an der Wand. In diesem unaufgeräumten Räumchen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Der ewige Honecker: 1990 hing er noch im Getränkestützpunkt Kater Mikesch in Thälendorf. 20 Jahre später auch. Der Raum diente 2010 nur noch als Abstellkammer.
Bild: Till Hofmann

"Thälendorf, den 13. 11. 89 Inzwischen ist so viel passiert, wie manchmal nicht in Jahrzehnten, vor allem was die politischen Ereignisse bei uns angeht. Ja, wir haben schon Angst gehabt, dass es zum Bürgerkrieg kommt. Aber so konnte es nicht weitergehen. Wer hätte vor Monaten je gedacht, dass man uns heute diese Reisefreiheit zusichert. (...) Wie werdet Ihr bloß mit dieser Invasion von DDR-Bürgern fertig?" E.

Ungewöhnliche Deutschstunde

Am Abend zuvor war ich bei Mandy und ihrem Mann Frank zu Gast. Auch die Eltern der beiden und Oma Irmgard setzten sich an die üppig gedeckte Tafel. Zwischen Thüringer Rostbratwürsten, Fleisch und Salaten, Sekt und Selters war auch noch Raum für eine ungewöhnliche Deutschstunde.

Leidenschaftlich argumentiert Franks Vater Peter für die versunkene DDR, die nicht mehr aus Ruinen auferstehen wird. Das Schulsystem, der Gemeinschaftssinn untereinander, die eigene Biografie: von heute auf morgen sei das nichts mehr wert gewesen. Weg, verschwunden, abgewickelt. "In diesem Land bin ich auch nach 20 Jahren noch nicht angekommen", sagt der gelernte Schlosser. In der DDR "habe ich Turbinen bewegt, war eine Persönlichkeit, habe Jugendliche zu Facharbeitern entwickelt. Ich habe mich wohlgefühlt."

Eine eindringliche Ermahnung: "Schießt ja nicht!"

Wenig später beginnt der Mann zu weinen, als er an seine Telefonate mit dem Sohn denkt, der Stasi-Objekte zu bewachen hatte. Bei den Montagsdemos 1989 in Gera spitzte sich die Lage zu. "Schießt ja nicht!", hatte der Vater seinen Sohn im Feldwebelrang und dessen Kameraden stets beschworen.

"Thälendorf, den 8. 1. 90 "Es war sehr schön bei Euch. Man hat vor allen Dingen mehr über das Land und das Leben dort erfahren. Es war für uns doch viel Neues, was man vorher nur aus dem Fernsehen kannte." M.

Eine ähnliche Situation hat Karl-Heinz Dehmel auch erlebt. Die Betriebskampfgruppe der örtlichen Werkzeugmaschinenfabrik und des Forstbetriebes wurde in Saalfeld zusammengeholt. Man sollte mit Gewehren im Anschlag um die Kirche, in der sich die Staatsfeinde aufhielten, einen Ring ziehen. Karl-Heinz hielt nichts von solchen Einsätzen. "Ich könnte selbst in der Kirche sitzen", sagte er den Genossen. Und: "Wer mir den Befehl gibt, auf friedliche Bürger zu schießen und mir eine Waffe in die Hand drückt, dem schieß ich die Rübe runter." Die Antwort seines Chefs, "Du bist ein richtiger Staatsgegner", verhallte ohne Wirkung. Die Mitglieder der Betriebskampfgruppe gingen wieder nach Hause, die Kirchgänger blieben unbehelligt.

Zeit des Umbruchs

"Thälendorf, den 03. 09. 91 Dass in der UdSSR zurzeit (...) beunruhigende Veränderungen vor sich gehen, verfolgen wir natürlich. Aber selbst bin ich immer noch genügend mit eigenen Problemen belastet, sodass ich vieles nur am Rande mitbekomme. (...) Was ist, wenn wir unsere Arbeit verlieren oder gesundheitliche Probleme bekommen? Ich möchte auf keinen Fall, dass wir das Haus verlieren, meinen Eltern eine Menge Sorgen noch auf ihre alten Tage bereiten und den Kindern nicht die Möglichkeit eines Studiums geben können." E.

Familie Dehmel im Oktober 1990 vor dem Ortsschild von Thälendorf.
Bild: Till Hofmann


Karl-Heinz hatte nie das Bedürfnis, seine Stasi-Akte einzusehen. "Mir hat nie jemand was getan." Dass seine Familie unter Beobachtung stand, wurde ihm erst ein gutes Jahr vor dem Ende der DDR klar. Sein Wunsch, ein eigenes Jagdrevier zu erhalten, wurde lange nicht erfüllt. Offensichtlich wussten SED-Funktionäre und staatliche Behörden den Dehmel nicht so richtig einzuschätzen. Die redselige Frau des Dorfpolizisten verquatschte sich schließlich: "Du kriegst die Jagd, der Manfred hat's befürwortet", wusste sie von ihrem Mann. Und auch auf die Frage, warum die Angelegenheit so diffizil gewesen sei, hatte sie eine Antwort: "Wegen der Westkontakte." Die werde er nicht verleugnen, sagte Karl-Heinz. Schließlich lebe seine Cousine in Lüneburg. Die Frau schüttelte den Kopf: "Nee, es geht um die Ballonfreundschaft."

"Dass ich das noch erleben darf"

Nicht einmal 24 Stunden hat der Kurzbesuch zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung im abgelegenen Thälendorf gedauert. Elkes Mutter Irmgard, so gut wie blind, umarmt mich. "Dass ich das noch erleben darf", sagt sie zum Abschied. Ich verspreche ihr, eine so lange Pause nicht mehr zuzulassen. Nächstes Jahr komme ich wieder - ganz privat.

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