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Konzertreihe

16.06.2015

„Die Jahreszeiten“ am Ende des Frühlings

Der Musikalische Frühling im Schwäbischen Barockwinkel machte J. Haydns „Jahreszeiten“ komplett hörbar. Beteiligt neben Heilig Geist Ensemble Günzburg, Kammerorchester Russ (Geislingen), die Solisten (von links) Stefan Mußak, Priska Eser und Alexander Kiechle unter Leitung von Wolfram Seitz.
Bild: Kircher

Haydns Volksoratorium kostete den Komponisten wie das ausführende Heilig Geist Ensemble eine Menge Kraft. Warum sich das gelohnt hat

Vier „Schöpfungen“ gegenüber zwei „Jahreszeiten“. Nicht nur in der regionalen Aufführungspraxis von Joseph Haydns (1732-1809) Oratorien dominiert in der Publikumsgunst eindeutig das erste seiner beiden Schwesterwerke. Ist denn das Zweite nur halb so gut wie seine Vorgängerin? Immerhin jammerte der 68-Jährige nach zweijähriger Kompositionsmühsal hörbar vor sich hin: „Die Jahreszeiten haben mir den Rest gegeben. Ich hätte sie nicht schreiben sollen!“ Trotzdem, der Erfolg (Uraufführung 1801) war grandios, und ließ aufhorchen. Die Stimmen vieler Kritiker aber auch: zu viel Tonmalerisches, zuviel Biedermeierisches, zu viel Papa-Haydnzopfisches.

Und heute steht das Werk nach wie vor im Schatten seiner „Schöpfungs“-Vorgängerin. Weil im ersteren Engel und im zweiten Bauern die Hauptrolle spielen? Oder weil die Jahreszeiten halt auch nicht mehr das sind, was sie früher mal waren. Zumindest wettermäßig.

Für die sogenannten bürgerlichen Tugenden gilt ähnliches. „O edler Fleiß, von dir kommt alles Heil“ – na schön, kann man noch gelten lassen. Aber: „Außen blank und innen rein muss des Mädchens Busen sein!“ – um sittlich cooler Ehewürden. Da schlagen wir mal lieber nicht nach bei Facebook, Twitter und so! Musikalisch gesehen zollen wir stattdessen dem Heilig Geist Ensemble und seinem Leiter Wolfram Seitz Lob und Dank für die Aufführung dieses zwar mit beglückendem Wohlklang ausgestatteten, nichtsdestoweniger aber enormen Einsatz, akribische Detailarbeit und langen Atem einfordernden Werkes des Beinahe-Opern-Genres im Musikalischen Frühling. Nahezu hörbar der Schweiß, den die Erarbeitung dieser anspruchsvollen zweieinhalb-Stunden-Gottesanbetung wohl gekostet hat.

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Seitz’ Konzept des hurtigen Vorwärtsdranges, der Frische und des Schwunges – um keinerlei Verdacht Haydnscher Naturfrömmelei und Gefühlstapsigkeit aufkommen zu lassen – geht auf. Voll und ganz. Der Ackermann eilet nicht mehr nur. Vorwärtspreschend tänzelt er geradezu aufs Feld und trällert wohlgemut das Thema aus der Sinfonie mit dem Paukenschlag vor sich hin. Ein pfiffiger Scherz, den ihm der Komponist da in die Furchen gelegt hat.

Dank des „Jahreszeiten“-erfahrenen Russ-Orchesters Geislingen kommt alles leicht und eingängig daher. Vom düsteren Moll des weichenden Winters, über die Blitze schleudernde Flöte mit fortissimo donnerndem, trompetenüberlagertem Sommergewitter, bis zu dionysisch urkräftigem Sauf- und Rauschbehagen. Mit nicht ermüdender Energie, mit manchmal geradezu ungestüm wirkender Präsenz, sinfonisch strahlend, gestärkt, gemangelt und gebügelt.

Was aber wäre der Seitzsche Entwurf eines schlackenlos jugendlichen Haydn ohne einen auf Präzision getrimmten, leuchtkräftigen heilig-geist Chor, der alle Formen ländlich tonaler Volkstümlichkeit in koloristisch vokale Genüsslichkeit umsetzen kann. Mal mit sturmwütend fugierter Vollgriffigkeit, mal aus tonmalerischen Tiefen poetische Verlebendigung schöpfend für ein gottseliges „Welche Freude, welche Wonne“-Heileweltspektrum. Zur stimmlichen Vervollkommnung trug ein mit voller Inbrunst agierendes, hochklassiges Solistenensemble bei. Priska Eser gestaltete ihre Rezitative und Arien mit hellem, angenehm weich timbriertem Sopran und viel Gespür für Haydns melodischen Charme. Stefan Mußak gab sich als vitaler Bauernbursch, dessen biegsam leuchtend tenorale Strahlekraft sich sowohl „der Hitze Wut“ als auch der „Schönen aus der Stadt“ gewachsen zeigte. Immer wieder eine Neuentdeckung: der junge Bassist Alexander Kiechle, dessen kantabler Schmelz, dessen tragfähig fundierte Kraft, geschmeidige Koloraturfähigkeit und liedhafte Leichtigkeit entzückt und beglückt.

Alles in allem: Orchestraler Glanz, chorischer Furor und stimmliche Bravour unter einen Hut gebracht von einem imposant sich in Szene setzenden Jungdirigenten, dieses Haydnsche Volksoratorium, diese „Apotheose von der Schöpfung“ wie Pfarrer Ulrich Däubler es bezeichnete.

Stehende Ovationen, Bravo-Jubel, überschäumende Begeisterung.

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