1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. Die schwierige Lage in der Gastronomie

Landkreis Günzburg

19.06.2018

Die schwierige Lage in der Gastronomie

Ingrid Osterlehner aus Röfingen (Gasthof Sonne) ist Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes. Auch sie braucht für ihr Lokal mehr Personal.
Bild: Bernhard Weizenegger

Hotels und Gasthöfe in der Region Günzburg finden kaum mehr Personal. Was sind die Gründe? Und was wünschen sich Wirte von der Politik?  

Die Nachrichten aus dem Nachbarlandkreis Neu-Ulm sind alarmierend: In Illertissen hat die Krone geschlossen, weil dem Wirt das Personal fehlte und die Gäste ausgeblieben sind. In Weißenhorn wird der Gasthof Zum Löwen noch bis 28. Juli bestehen. Der Geschäftsführer wird den Familienbetrieb nur als Hotel weiterführen. Personalmangel ist auch hier der Grund.

Solche drastischen Folgen sind aus dem Landkreis Günzburg bislang nicht bekannt. Aber die Branche ist relativ verschwiegen. Zwar träfen sich die im Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) organisierten Gastronomen und Hoteliers aus dem Landkreis Günzburg alle zwei Monate zu einem Stammtisch. Über die eigene wirtschaftliche Situation werde da aber nicht geredet, berichtet die Günzburger Dehoga-Kreisvorsitzende Ingrid Osterlehner. Das Legoland sei für die gastronomischen Betriebe aus dem Umland ein belebendes Element. Der Landkreis werde als Urlaubsregion stärker wahrgenommen als noch vor Jahren. Und die Essgewohnheiten hätten sich „zum Positiven“ verändert. „Heute werden mehr Feste in Gasthäusern gefeiert als früher. Das gönnen sich die Leute inzwischen“, sagt Osterlehmer. Sie kennt aber auch den limitierenden Faktor: „Es fehlen diejenigen, die uns helfen sollen.“ Osterlehner sucht aktuell nach einer Putzkraft und einer Spülkraft in der Küche – bis jetzt ohne Erfolg. Dass sich der Personalmangel auf das gastronomische Angebot auswirkt, steht für die Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes außer Frage. „Das Mittagsgeschäft geht zurück. Da überlegt sich mancher mit knappem Personal, ob er nicht die Öffnungszeiten unter der Woche auf abends beschränken soll.“

„Irgendwann haben die Inhaber die Schnauze voll“

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Als „extrem leer“, beschreibt Peter Vohle den Fachkräftemarkt für die gehobene Gastronomie. 50 Jahre war er selbst in der Hotelerie tätig. Heute unterstützt er seine Tochter im Hotel Schreiegg’s Post in Thannhausen. Ob im Service oder in der Küche, überall gibt es Engpässe. Vielen jungen Leuten würde die Disziplin für die Arbeit mit den Gästen fehlen. „Niemand möchte am Wochenende bis spät in die Nacht arbeiten. Irgendwann haben die Inhaber die Schnauze voll, alleine gelassen zu werden und öffnen immer seltener.“ Auch sei Thannhausen, so Vohle, nicht der Nabel der Welt. Mit einer guten Ausbildung würde kaum mehr einer in die Region ziehen.

Familienbetriebe können die Lücken durch Mehreinsatz und eine entsprechende Organisation manchmal noch schließen. Im Traubenbräu in Krumbach sind vier Personen (ein Koch, zwei Küchenhilfen und ein Auszubildender) für die Küche zuständig. Georg Ringler kann auf insgesamt acht Personen im Service zurückgreifen. Das entspricht aber nicht acht Vollzeitstellen: auch stundenweise Beschäftigte und Teilzeitkräfte gehören dazu. Ringlers Familie ist für den Hotelbetrieb zuständig.

Die Bezahlung sei nicht das Problem für die wenigen Bewerber, die einen Ausbildungsplatz in der Gastronomie erlernen wollen. Die ist Ringler zufolge „gar nicht mehr so schlecht“. Was viele junge Menschen abschrecke, seien die Arbeitszeiten – oft bis in den späten Abend oder in die Nacht hinein, häufig am Wochenende. „Wir arbeiten dann, wenn andere feiern“, bringt es der Traubenbräu-Chef auf den Punkt. Er selbst leitet in der fünften Generation das unternehmen und möchte seine Tätigkeit nicht missen. Bevor der 44-Jährige 1998 nach Krumbach zurückgekehrt ist, war er im Allgäu und in Italien beim Arbeiten. Das seien wertvolle und zum Teil einzigartige Berufserfahrungen gewesen „In unserer Branche hat man tatsächlich die Chance, die Welt kennenzulernen, wenn man will“, sagt er.

Wer übernimmt den Betrieb?

Ringler meint, dass es in vielen Fällen keine Antwort auf die Frage gibt, wer das Gasthaus einmal weiterführen wird. Diese ungeklärten Nachfolgereglungen sind aus seiner Sicht eien ein wichtiger Grund für das Wirtshaussterben. „Wenn klar ist, wer einmal den Betrieb übernehmen wird, hat man eine ganze andere Motivation und beißt auf Durststrecken auch durch“, sagt er.

Die Regulierungsbürokratie macht Ringlers zufolge den Gastronomen-Beruf zusehends unattraktiv: Jeden Tag müsse etwa dokumentiert werden, welche Temperatur das Kühlhaus habe. „Ich betrete es rund 50 Mal am Tag. Bei jeder Kleinigkeit würde ich sofort reagieren, da brauche ich keine Dokumentation dazu.“ Das seien zwar alles für sich genommen Kleinigkeiten. Aber die vielen Kleinigkeiten wirkten abschreckend. „Wir wollen unsere Gäste bewirten und nicht im Büro sitzen müssen.“

39 neue Ausbildungsverträge wurden nach Angaben der Industrie- und Handelskammer im Kreis Günzburg 2017 in der Gastrobranche geschlossen (2016: 36). Insgesamt liegt die Zahl der Auszubildenden in diesem Bereich bei 84 (in der Regel: dreijährige Ausbildungszeit) – auch weil im Schnitt jede vierte begonnene Ausbildung nicht beendet wird.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren