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Krumbach

17.08.2017

Die verborgene Geschichte eines kleines Hauses

Beim ersten Blick möchte man es kaum glauben. Das Haus am Übergang der Brühlstraße in die Synagogengasse hat eine besondere historische Bedeutung. Vorne rechts Willi Fischer, Vorsitzender des Krumbacher Heimatvereins.
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Beim ersten Blick möchte man es kaum glauben. Das Haus am Übergang der Brühlstraße in die Synagogengasse hat eine besondere historische Bedeutung. Vorne rechts Willi Fischer, Vorsitzender des Krumbacher Heimatvereins.
Bild: Peter Bauer

1831 wurde in Hürben ein jüdisches Tauchbad eingerichtet. Was der Krumbacher Heimatverein jetzt plant.

Ein kleines Haus am Übergang der Brühlstraße in die Synagogengasse, unbeachtet von den meisten Passanten. Doch da sind diese seltsam abgeschrägten Wände, die wie ein Fremdkörper wirken. „Dieses kleine Haus steht für ein besonderes Kapitel der jüdischen Geschichte in Hürben“, sagt Willi Fischer, Vorsitzender des Krumbacher Heimatvereins. Die Geschichte des kleinen Hauses ist eine Zeitreise zurück in das 19. Jahrhundert. Im Jahr 1831 wurde an dieser Stelle eine Mikwe erbaut.

Mikwe? Vielen Menschen der Gegenwart wird dieses Wort fremd sein. Eine Mikwe ist ein jüdisches Tauchbad. Genutzt wurden die Ritualbäder beispielsweise von Frauen, um nach einer Monatsblutung, nach einer Geburt oder auch einige Tage vor der Hochzeit geistig „gereinigt“ zu werden. „Genutzt wurde eine Mikwe auch von Männern“, erklärt Willi Fischer, Vorsitzender des Krumbacher Heimatvereins. Zum Beispiel „nach dem Geschlechtsverkehr“ oder wenn es Kontakt mit dem Blut eines Toten gab. Wer zum jüdischen Glauben überwechseln wollte, nahm dort ebenfalls ein Bad.

Vergleichbarer Fall in Buttenwiesen

Wie Fischer weiter erläutert, befindet sich das Haus seit Langem in Privatbesitz und ist vermietet. Im unteren Bereich gebe es noch die Reste der früheren Mikwe. Der Heimatverein ist nun an das Landesamt für Denkmalpflege herangetreten und wünscht sich, dass die Mikwe unter Denkmalschutz gestellt wird. Dies war vom Amt bislang abgelehnt worden, Fischer möchte nun einen neuen Anlauf unternehmen. Auch Bürgermeister Hubert Fischer hatte zuletzt im Bauausschuss klargemacht, dass er sich dafür einsetzen wolle. Willi Fischer verweist auf einen vergleichbaren Fall in Buttenwiesen. Dort sei die frühere Mikwe in die Denkmalliste aufgenommen worden. Die Räumlichkeiten würden sich in Buttenwiesen im Besitz der Gemeinde befinden.

Tauchbad: Der Begriff lässt den einen oder anderen vielleicht an ein großes Bad denken. Doch die Dimensionen einer Mikwe sind überschaubar. Mit Blick auf die Krumbach-Hürbener Mikwe spricht Fischer von etwa ein auf zwei Metern mit einer Tiefe von rund 2,50 Metern. Die Mikwe befand sich im Besitz der jüdischen Gemeinde.

Das, was dann in Krumbach in den 30er und 40er Jahren passiert, steht stellvertretend für das Grauen an vielen Orten Deutschlands. 1938 wird das Ritualbad von den Nazis beschlagnahmt und verkauft. „Meines Wissens wurde die Mikwe nach dem Krieg sogar vorübergehend als Ziegenstall genutzt“, sagt Willi Fischer. Ab 1952 wurde die Mikwe dann zu einem Wohnhaus umgebaut und erweitert. Heute deutet kaum mehr etwas auf die ursprüngliche Bedeutung des Gebäudes hin.

Ichenhausen und das bis 1902 selbstständige Hürben (seit 1902 ein Teil Krumbachs) waren über Jahrhunderte die bedeutendesten jüdischen Gemeinden in der heimischen Region. Die meisten Mitglieder hatte die jüdische Gemeinde Hürben im Jahr 1811 erreicht. Laut Heimatverein lebten in Hürben 493 Christen und 421 Juden, was einem Anteil von 46 Prozent entspricht. Während in Hürben die Anzahl der jüdischen Einwohner im 20. Jahrhundert stark rückläufig war, blieb der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Ichenhausen lange relativ hoch. 1933 wurden bei 2490 Einwohnern 350 Bürger jüdischen Glaubens gezählt (rund 14 Prozent der Bevölkerung). Beide Gemeinden wurden durch die Nazis völlig ausgelöscht. Schweigen, vergessen, verdrängen: So kann in hohem Maß die unmittelbare Nachkriegszeit mit Blick auf den Umgang mit diesem dunklen Geschichtskapitel umschrieben werden. Die nach dem Krieg von der Stadt Ichenhausen gekaufte Synagoge wird zunächst als Feuerwehrhaus genutzt. In Krumbach wird erst im Jahr 1971 an der Stelle der zerstörten Synagoge ein Gedenkstein aufgestellt. Doch allmählich weicht diese Haltung einer neuen Offenheit. 1985/87 wird die Ichenhauser Synagoge als „Haus der Begegnung“ umfassend saniert. Im Jahr 2004 gibt es in Ichenhausen eine besondere Eröffnung: Die ehemalige Mikwe der Synagoge war für rund 45000 Euro saniert worden. „Ein zusätzlicher Ort der Erinnerung und des Erinnerns ist entstanden“, freute sich Dr. Georg Simnacher, damals Vorsitzender des Stiftungsrates der ehemaligen Synagoge, bei der feierlichen Eröffnung des Kellerraums.

Heimatverein hat jüdische Geschichte Krumbachs wiederholt zum Thema gemacht

Die seinerzeit entdeckten Holzstücke lassen vermuten, dass sich schon um 1735 dort jüdische Gläubige einem rituellen Bad unterzogen. Eventuell reicht die Geschichte der Mikwe gar zurück in die Zeit des 17. Jahrhunderts. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in jüdischen Privathäusern dann oft eigene Bassins.

In Krumbach hat der Heimatverein die jüdische Geschichte des Ortsteils Hürben wiederholt zum Thema gemacht. 2004 wurde an der Stelle, an der die Hürbener Synagoge 1939 in Flammen aufging, ein Denkmal errichtet. 2014 wurde auf Initiative von Stadtrat Willi Kielmann eine Gedenktafel für die 14 deportierten und ermordeten Krumbach-Hürbener Juden aufgestellt. Gerhard Weiß, 2. Bürgermeister und derzeit amtierender Bürgermeister im Rathaus (Hubert Fischer befindet sich in Urlaub) betont ebenfalls, dass die Stadt Krumbach hinter der Initiative des Heimatvereins stehe. Er kann sich ergänzend vorstellen, dass die frühere Synagoge am Synagogendenkmal durch eine große Fotografie dargestellt wird und damit das frühere Aussehen dieses Bereichs veranschaulicht wird. Willi Fischer, Vorsitzender des Krumbacher Heimatvereins, möchte den Weg des Gedenkens entschlossen weitergehen. Die Krumbacher Mikwe unter Denkmalschutz: Das ist dem Heimatverein ein wichtiges Anliegen. Fischer wünscht sich eine einvernehmliche Lösung aller Beteiligten. Sein Anliegen ist es, die jüdische Geschichte mit all ihre Wechselfällen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Nicht zuletzt daran denkt er beim Blick auf das kleine Haus in der Synagogengasse.

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