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Prävention

19.04.2018

Diese Übung soll Leben retten

Realistisch ist Schülern der Mittelschule Burgau demonstriert worden, was aus einer Fahrt unter Alkohol- oder Drogeneinfluss entstehen kann.
Bild: Peter Wieser

An der Mittelschule Burgau klärt eine Veranstaltung auf, welche tödlichen Folgen Rauschmittel wie Alkohol und Drogen im Straßenverkehr mit sich bringen können.

Ein Glas zu viel, eine Droge zu viel, zu schnell: Immer wieder kommt es nach Veranstaltungen und Partys zu schweren Unfällen, nicht selten mit tödlichem Ausgang. Was bleibt, sind schreckliche Bilder, die sich den Helfern an der Unfallstelle bieten – nicht zuletzt, wie Angehörige, Eltern, Geschwister oder Freunde von dem Unglück getroffen werden. Besonders tragisch ist es dann, wenn die Schuld nicht das Unfallopfer, sondern ein anderer trägt. Alle drei Jahre findet an der Mittelschule Burgau für die achten, neunten und zehnten Klassen ein Präventionstag statt. Jeder Schüler macht somit an einer solchen Veranstaltung mit. Zuletzt hatten sich gut 60 Ehrenamtliche beteiligt.

Was steckt dahinter, warum dieser Aufwand? Initiator ist die Mittelschule Burgau in Zusammenarbeit mit Institutionen des Landratsamts, verschiedenen Netzwerken, Polizei und zahlreichen Ehrenamtlichen aus Feuerwehr, Johannitern und Notfallseelsorge. Rektorin Elisabeth Schlachter bringt es am späten Mittwochnachmittag vor den 235 Jugendlichen auf den Punkt: „Wenn es uns gelingt, nur ein Leben zu retten, dann hat sich diese Veranstaltung zu 100 Prozent bezahlt gemacht.“ Sie erzählt davon, wie sie vor Kurzem zu einem tödlichen Verkehrsunfall hinzugekommen war, bei dem zu hohe Geschwindigkeit die Ursache war. Bei den Schülern in der Aula herrscht zunehmend Stille. Was in den nächsten beiden Stunden noch auf sie zukommen wird, wissen sie nicht. In den Räumen der Schule finden zunächst verschiedene Workshops statt. Mit der Spezialbrille, die das Sichtfeld bei einem erhöhten Promillewert simuliert, läuft mancher schon einmal recht ziellos durch das Klassenzimmer. Was sind die Auswirkungen regelmäßigen, übermäßigen Alkoholgenusses oder macht Cannabis denn wirklich nicht süchtig? „Du nimmst das Zeug, dann bist du cool“, mögen sich viele denken – doch ist das wirklich so?

Eine lebenslange Schuld

Mark Schmid, Kriminaloberkommissar und Präventionsbeauftragter bei der Kripo Neu-Ulm, klärt nicht nur über die rechtlichen Folgen nach einem Unfall unter Alkohol- oder Drogeneinfluss auf, sondern auch über die lebenslange Schuld, die man nach einem tödlichen Ausgang mit sich trägt. Das anschließende Video, das die letzten Gedanken eines jungen Mädchens nach einem von einem betrunkenen Autofahrer verursachten Unfall widerspiegelt, gibt den Jugendlichen zu denken. Auf dem Parkplatz an der Burgauer Grundschule steigen Fiete, Sofie, Franziska und Melike in einen VW Polo und einen auf der Seite liegenden Golf. Christian Schulz von den Johannitern hat die vier soeben noch geschminkt, das Unfallszenario soll möglichst authentisch aussehen. Wie ist das denn, wenn man jetzt in so einem verbeulten Fahrzeug sitzt und von der Feuerwehr herausgeschnitten werden soll? „Es ist schon ein komisches Gefühl. Man macht sich schon Gedanken, wenn das jetzt Wirklichkeit wäre“, sagt Melike.

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Inzwischen sind die Schüler eingetroffen und werden direkt mit der Situation konfrontiert. „Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Vater und Mutter an die Unfallstelle kommen und ihr Kind versterben sehen“, wendet sich Kriminaloberkommissar Schmid an die Jugendlichen. „Ihr habt euer Leben noch vor euch.“ Ein weiteres Mal gibt er ihnen mit, nicht in das Fahrzeug eines unter Alkohol oder Drogen stehenden Fahrers zu steigen. Stattdessen sollten sie lieber die Eltern anrufen und sich abholen lassen.

Fahrzeug wird mit Rettungsschere geöffnet

Die jetzt eingetroffenen Johanniter beginnen mit der Erstversorgung der „Verletzten“. Die Feuerwehr Burgau beginnt, mit Rettungsschere und Spreizer das erste Fahrzeug zu öffnen. Beim zweiten wendet sie die Oslo-Methode an. Bei dieser wird der Wagen nach gezielten Einschnitten mit der Rettungsschere an Ketten auseinandergezogen und stellt sich auf. Eine Methode, wenn es ganz schnell gehen muss. Susanne Metz und Elisabeth Ludwig von der psychologischen Notfallseelsorge des Bistums Augsburg reden den Unfallopfern gut zu. In der Realität würden sie auch für hinzugekommene Angehörige da sein. Gleichzeitig ist das Piepsen des Pulsoximeters zu hören, welches an der Fahrzeugtüre hängt und unter anderem die Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung eines Patienten misst.

Heiko Feist, Bereitschaftsleiter bei den Johannitern, kommentiert das Geschehen, das die Jugendlichen aufmerksam – nicht so wie die Gaffer an der Autobahn – verfolgen. „Man sollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen“, „Das kann ganz schnell schiefgehen“, „Es könnten die letzten Stunden sein“ und „So was möcht’ ich nicht erleben“, sagen Lisa, Anna-Sophie, Julia und Oliwia aus der 10bM. Auch das Video habe sie unheimlich berührt.

Zwei zerstörte Wracks bleiben übrig

Inzwischen sind die Verletzten versorgt, übrig sind nur noch zwei zerstörte Fahrzeugwracks. Nur die Martinshörner der Feuerwehr, die gerade in Richtung Mindelaltheim zu hören sind, lassen über das Geschehen ein weiteres Mal nachdenken. Dieses Mal handelt sich um einen echten Einsatz mit der Drehleiter, zu der die Burgauer Wehr gerade gerufen wird.

Mark Schmid gibt den Jugendlichen noch eines mit auf den Weg: „Passt’s auf euch auf.“ Und Elisabeth Schlachter fügt hinzu: „Der Aufwand war groß.“ Aber: Vielleicht wurde an diesem Nachmittag tatsächlich ein Leben gerettet.

Mehr Fotos von der Übung finden Sie hier.

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