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Günzburg

17.06.2020

Explosion am Bahnhof Günzburg: 15 Menschen hatten Schutzengel

Eine Lagerhalle ist am Dienstagmorgen in der Nähe des Günzburger Bahnhofs explodiert. Übrig blieb ein großes Trümmerfeld und viele beschädigte Gebäude in der näheren Umgebung. Etwa 200 Einsatzkräfte der Feuerwehr, des Rettungsdienstes und des Technischen Hilfswerks waren im Einsatz.
Bild: Mario Obeser

Plus Ob Gasflaschen in der leer stehenden Lagerhalle nahe des Bahnhofs die Explosion am Morgen verursacht haben, ist noch unklar. In den Trümmern wird nach Verschütteten gesucht.

Die Stille am Günzburger Bahnhof ist bedrückend. Die Bäckerei und der Buchladen sind geschlossen, die Bahnsteige verwaist. Kein Zug, kein Taxi, kein Bus, nur ein Mann und eine Frau, die am Bordstein sitzen und in ihr Smartphone starren. Sie sind hier gestrandet und kommen im Moment nicht weiter. Hinter ihnen flattern Absperrbänder im Wind. Davor haben sich Polizisten postiert, die das Gelände absperren. Feuerwehrleute laufen auf und ab, Blaulicht leuchtet überall auf. Ein paar Meter weiter, auf der anderen Seite der Gleise am Volksfestplatz, zeigt sich ein riesiges Trümmerfeld. Holzbalken, Mauerreste, alles liegt auf einem großen Areal verstreut. Kurz zuvor ist hier eine Lagerhalle explodiert, Teile flogen über 100 Meter weit durch die Luft. 15 Menschen scheinen einen Schutzengel gehabt zu haben, sie wurden nur leicht verletzt.

Am Mittwochmorgen ist ein leerstehendes Gebäude neben dem Günzburger Bahnhof durch eine Gasexplosion völlig zerstört worden. Auch benachbarte Gebäude sind betroffen.
13 Bilder
Gasexplosion am Günzburger Bahnhof: Haus ist völlig zerstört
Bild: Mario Obeser

Um kurz nach sieben Uhr gibt es einen „Riesenschlag“, gefolgt von einer „riesigen Staubwolke“, erzählt Melanie Mück-Spengler später. Sie ist die Eigentümerin des Gebäudes, in dem eine Normafiliale ist, ihr Wohnhaus steht direkt daneben. Als sie nach dem Knall auf den Balkon eilt, sieht sie in der Ferne noch Trümmerteile herunterfliegen. Eine Staubschicht legt sich auf den Boden des Balkons. Im Geschäft ist bis auf ein paar kaputte Scheiben alles heil geblieben.

Explosion am Bahnhof Günzburg: Druckwelle ist kilometerweit spürbar

Doch die Auswirkungen der Explosion sind enorm, die Druckwelle ist kilometerweit spürbar. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei ist eine leer stehende Lagerhalle des Kleintier- und Geflügelzüchtervereins nahe des Bahnhofs explodiert. Dominic Geißler, Sprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd-West, berichtet später von mehreren Gasflaschen, die in der Halle geborgen wurden. Ob sie die Explosion verursacht haben, kann er nicht sagen.

Explosion am Bahnhof Günzburg: 15 Menschen hatten Schutzengel

Weil unklar ist, ob eine weitere Explosion folgt, wird ein Großeinsatz ungewohnten Ausmaßes eingeleitet. In der Spitze sind 200 Kräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst und Technischem Hilfswerk (THW) vor Ort, hinzu kommen 60 bis 70 Polizisten. Die Kriminalpolizei Neu-Ulm übernimmt die Ermittlungen, unterstützt von Spezialisten des Landeskriminalamts. Um alles besser zu koordinieren, wird am Volksfestplatz, in unmittelbarer Nähe der Explosionsstelle, eine Einsatzzentrale eingerichtet und ein Zelt aufgebaut. Die Szenerie erinnert an einen Kriegseinsatz, erst Recht, wenn man einen Blick auf das Trümmerfeld wirft. Die Halle ist teilweise eingestürzt, die Dachbalken hat es meterweit umhergeschleudert.

Günzburg: Bahnhof zeitweise gesperrt - auf den Gleisen liegen Meter lange Holzstücke

Die Druckwelle hat eine regelrechte Schneise geschlagen. Sogar auf den Gleisen liegen bis zu vier Meter lange Holzstücke, Teile der Oberleitung hängen herab. An den Gebäuden am Bahnhof sind die Fensterscheiben geborsten, Gewerbe- und Wohnhäuser im Umkreis von mehr als 100 Metern sind beschädigt, Dachziegel herabgestürzt, Autos auf dem angrenzenden Pendlerparkplatz zerstört. In einem Asylbewerberheim direkt neben dem Bahnhofsgebäude wird das Dach eingedrückt, die Unterkunft muss evakuiert werden. 20 beschädigte Gebäude und 77 kaputte Fahrzeuge listet die Polizei am Ende auf. Der Sachschaden wird laut Sprecher Dominic Geißler wohl in den niedrigen Millionenbereich gehen.

Doch alles in allem habe man „Riesenglück“ gehabt, sagt Kreisbrandrat Stefan Müller. Dass nur 15 Menschen leicht verletzt wurden – die meisten erlitten Knalltraumata, einer eine Schulter- und ein anderer eine Augenverletzung – grenze an ein Wunder. „Normalerweise sind hier viele Pendler und Schüler unterwegs. Zum Zeitpunkt der Explosion war kein einziger Reisender am Bahnsteig.“ Er selbst war am frühen Morgen noch bei einem Einsatz in Offingen, eilte direkt weiter nach Günzburg.

In Günzburg hat es am Mittwoch eine Explosion in einem leerstehenden Haus in der Nähe des Bahnhofs gegeben.
Video: Mario Obeser

Lagerhalle explodiert in Günzburg: Polizeihubschrauber kreist über der Unglücksstelle

Nachdem zunächst eine Drohne in die Luft geschickt wird, um Bilder der Zerstörung von oben zu bekommen, hebt um neun Uhr noch der Polizeihubschrauber ab und kreist immer wieder über der Unglücksstelle. An Bord auch Christian Eisele, Kommandant der Günzburger Feuerwehr, mit einer hochauflösenden Kamera. Sein Eindruck danach: „Die Zerstörung ist massiv. So etwas habe ich in 40 Jahren bei der Feuerwehr noch nicht erlebt.“

Landrat Hans Reichhart will eigentlich in Sachen Digitalisierung nach München reisen, fährt stattdessen zum Günzburger Bahnhof. Da die Unterkunft für die Asylbewerber nicht mehr bewohnbar ist, kümmert er sich sofort um eine neue Bleibe. „Wir haben extremes Glück gehabt, wenn man sich das Trümmerfeld anschaut“, sagt er. Sein Respekt und Lob gilt den Einsatzkräften. „Was hier geleistet wird, ist enorm. Die Alarmierungskette hat hervorragend funktioniert.“

Gepostet von Tracey Rannersberger am  Dienstag, 16. Juni 2020

Nach Explosion in Günzburg: Personensuchhundestaffel rückt aus

Kurze Zeit später muss er mitansehen, wie die Personensuchhundestaffel anrückt. In den Trümmern wird nach möglicherweise verschütteten Menschen gesucht. Zwei Hund schlagen an, die Einsatzkräfte beginnen daraufhin, mit Händen zu graben. Auch Stunden nach dem Unglück gibt es keine Entwarnung. Die Asbestbelastung des alten Gebäudes macht den Helfern zu schaffen, wie der Polizeisprecher sagt. Gefahr für die Bevölkerung bestehe aber keine. Am Nachmittag ist der Einsatz noch in vollem Gange.

Die Feuerwehrmänner müssen außerdem alle Gebäude begehen, die Polizei Anwohner befragen. Arnold Preuß ist auch darunter, er wohnt nur wenige Meter vom Unglücksort entfernt. Die Explosion hat er nur aus der Ferne mitbekommen. Er ist gerade auf dem Weg zum Büro, als ihn der Anruf eines Freundes sofort umkehren lässt. Eine Tür seines Partystadels hat es aus der Angel gerissen, Dachziegel abgedeckt, im Hausinneren liegen Scherben. All das ist ihm relativ egal. Hauptsache, es kam niemand zu Schaden. Seine Frau sei nur 20 Minuten vor der Explosion über die Behelfsbrücke zum Bahnhof gegangen. „Das ist surreal, ich will mir gar nicht ausmalen, was alles hätte passieren können.“

Lesen Sie dazu den Kommentar von Till Hofmann:

Einsatz nach Explosion in Günzburg: Eine klasse Leistung!

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