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Wattenweiler

18.09.2019

Frauenfußball im Selbstversuch: Laufen, zielen, schießen, treffen

Mit den Spielerinnen des SV Wattenweiler hat sich unsere Autorin auf den Fußballplatz gewagt. Der Zusammenhalt und der Umgang miteinander haben sie überzeugt. Im Bild von links: Andrea Pfeiffer, Laura Bästlein, Antje Hutflötz, Magdalena Zecha, Jana Müller, Anna Link, Ronja Schnitzler, Selina Rösch, Viktoria Farion, Marina Rüttger, Deborah Spalutto und Angelika Stalla.
Bild: Dizenta

Fußball ist gar nicht so einfach, hat unsere Autorin festgestellt. Was sie letztlich überzeugt hat, ist das Miteinander des Teams.

Wenn jemand rein gar nichts von Fußball versteht, dann bin ich das. Und wenn jemand über einen Ball an den Füßen nur stolpern kann, dann bin ich das ebenfalls. „Das ist doch ideal, um Fußball ganz unvoreingenommen auszuprobieren“, sagten die Kollegen. Außer mir gibt es offenbar wenige, die so wenig davon verstehen und den Sport, über den so viele expertenhaft reden, mehr oder weniger unvoreingenommen ausprobieren können.

Frauenfußball: Bis 1970 waren Spiele verboten

Dabei gab es ja schon mal eine Zeit, in der ich gerne Fußball gespielt hätte. Für Mädchen aber war das damals, in den frühen 70er-Jahren, undenkbar. Im Verein ohnehin – bis 1970 waren Fußballspiele für Mädchen verboten – und selbst die Jungs in der Nachbarschaft waren nur bereit, mich im Tor abzustellen. Das wollte von denen keiner machen. Ich aber auch nicht. Wenn, dann wollte ich schon Tore schießen. So waren meine Fußballambitionen bald begraben. In den 80ern, als der Frauenfußball erstmals boomte und es im Landkreis Günzburg zahlreiche Teams gab, war es für mich zu spät.

Immer mit dem Ball in Bewegung bleiben. Laufen, zielen, schießen und treffen – gar nicht so einfach, stellte Redakteurin Angelika Stalla (rechts) fest.
Bild: Dizenta

Beim SV Wattenweiler gibt es heute zwei Damenmannschaften. Die eine spielt in der Bezirksliga, die andere in der Kreisklasse. Die insgesamt 30 Mädels aus einem Umkreis von 20 Kilometern sind zwischen 16 und 30 Jahre alt und trainieren gemeinsam jeden Dienstagabend. Außerdem gibt es im Verein noch eine weibliche B-Jugend.

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Die Aussicht vom Sportplatz in Wattenweiler ist gigantisch

Trainer Siegfried (Siggi) Weiß und Co-Trainer Christoph Dizenta nehmen mich für ein Training auf. So ziehe ich meine schon etwas in die Jahre gekommenen Joggingschuhe und Laufhosen an und warte auf dem Sportplatz in Wattenweiler. Die Aussicht von diesem über dem Dorf gelegenen Platz ist schon mal gigantisch. Die Mädels, die nacheinander aus der Umkleidekabine kommen, sind neugierig auf den Trainingsgast und wir gehen zum Übungsplatz. Heute sind nicht alle da. Es sind noch Ferien.

Der Trainer erklärt, was gemacht werden soll und teilt die Spielerinnen in zwei Teams. Sie verteilen sich auf zwei Parcours. Ich könne mir das ja zunächst anschauen und dann bei Andrea und Deborah und zwei anderen mitmachen, sagt er. Ich bin zunächst erleichtert, hatte ich schon befürchtet, dass ich viele Kilometer mit viel Jüngeren einfach nur laufen und schon beim Aufwärmen aufgeben muss. Ich schaue also zunächst zu. Die Mädchen stehen im Viereck. Andrea spielt zu Deborah und läuft los. Deborah spielt zurück und läuft ebenso los. Andrea spielt wieder zu Deborah, die zur nächsten spielt und diese dann an ihrem Platz ablöst. Alle bewegen sich, haben ständig Ballkontakt. Das genau ist der Zweck der Übung, erklärt mir der Trainer dann später.

Jetzt steige ich ein. Das System habe ich eigentlich begriffen. Zuschauen und Mitmachen unterscheiden sich jedoch. Ich stehe, der Ball kommt, ich gebe zurück. „Du musst loslaufen“, ruft mir Andrea zu. Genau, so war das. „Jetzt zu Anna“. „Wer ist das?“, frage ich. Laufen, den Ball kriegen, entscheiden wohin damit, den Ball halbwegs in die richtige Richtung loswerden und schon wieder laufen. „Und das nach der Arbeit“, sagen die Mädels lachend, bei denen das irgendwie flüssiger geht und die mich mit

Der Sonnenuntergang auf dem Sportplatz in Wattenweiler schafft eine prächtige Kulisse für das Training der Damen.
Bild: Dizenta

„Zu-mir-Rufen“ unterstützen, damit nicht die ganze Übung komplett zum Stehen kommt, wenn ich an der Reihe bin. Wirklich zielgenau bin ich nicht. All jene, die von mir angespielt werden sollen, müssen wohl ein bisschen mehr laufen. Nebenbei wird gequatscht, über die neu begonnene Ausbildung, die Arbeit, das Wochenende.

Das Passspiel bringt es an den Tag: Unsere Autorin spielt mit dem rechten Fuß

Der Trainer ruft. Jetzt wird gedehnt. Ganz statisch und ohne Ball, was es für mich eindeutig einfacher macht. Doch die nächste Ansage kommt bald, „schnelles Passspiel im Quadrat“ heißt es. Ich bin wieder mit denselben Fußballerinnen in der Gruppe. „Du spielst ja links“, stellen sie fest. „Ich nehme immer den Fuß, an den der Ball kommt“, erkläre ich. Das ist mal links, mal rechts, ich bin ja froh, wenn ich treffe. Andrea erklärt mir dann, wie die Füße am besten stehen. Ich übe stoppen und schießen, probiere rechts und links aus. Das schnelle Passspiel der anderen wird bei mir eine Übung der Grundbegriffe. „Rechts bist du besser“, sagen sie dann.

Sprints stehen an. Wer den Sieg nach Hause tragen will, muss nicht nur Kondition für 90 Minuten haben, sondern auch schnell sein. Ich mache mit, langsamer als die anderen. „80 Prozent“ hatte der Trainer ja am Anfang gesagt. Jetzt wird nicht mehr geredet. Die Sonne geht unter und färbt den Himmel rot. Der Fußballplatz hat wirklich eine wunderbare Aussicht. Allerdings greifen auch die Stechmücken an. Nach Mücken schlagen oder Davonlaufen heißt die Devise. Der ideale Moment fürs Sprinttraining.

Ansage vom Trainer: Nicht langsamer werden!

Mit einer Spielvariante geht es weiter. Vier spielen in der Abwehr, die anderen üben in der Überzahl „Pressing“. Es muss ein Tor fallen, erst dann darf aufgehört werden. „Nicht langsamer werden“, „drauf, drauf, drauf“, „miteinander reden“, ruft der Trainer auf den Platz. Immer wieder werden Spielzüge nachgestellt, wie es hätte laufen sollen. Die Spielerinnen sollen trainieren, den Gegnerinnen Druck zu machen. Ich mache Pause, lasse mir die Abläufe erklären, höre und schaue zu.

Kein böses Wort fällt. „Damenfußball ist ehrlich, nicht hinterhältig“, erklärt Trainer Weiß und lobt den Teamgeist seiner Spielerinnen, die auch außerhalb des Trainings viel gemeinsam unternehmen. Co-Trainer Dizenta hatte eingangs ähnliches gesagt. Nur deshalb mache er das schon so viele Jahre. Der Zusammenhalt der Spielerinnen sei einfach großartig. Jetzt verstehe ich das.

Wir schießen aufs Tor. Der Ball wird hin und her gepasst und soll dann von der Spielerin in der Mitte ins Tor geschossen werden. Bei den Fußballerinnen klappt das gut. Ein dumpfer Schlag am Schluss und der Ball ist im oder weit über dem Tor. Ich bin unschlüssig. Man muss ganz schön weit schießen, um den Ball überhaupt bis zum Tor zu bringen.

Endlich kullert der Ball ins Tor

Die anderen meinen, das müsse ich doch probieren. Sie machen mir Mut. Also gut. Beim ersten Versuch bin ich froh, dass ich überhaupt weiß, wann ich wohin schießen muss. Der Ball kullert letztendlich kläglich am Tor vorbei. Der Torhüter muss sich nicht einmal bewegen. „Noch ein Versuch“, sagt jemand. Und ja, ich mache es noch einmal. Auch wenn schon allein das Geräusch, wenn ich den Ball treffe, bei mir ganz anders ist als bei den Spielerinnen. Viel weniger dynamisch. Aber zumindest treffe ich den Ball und er bewegt sich tatsächlich in Richtung Tor. Ja! Dort steht aber Trainer Siggi, genau da, wo der Ball hinrollt. Ich war schon so froh, dass ich überhaupt den Ball getroffen hatte. Zielen war nicht mehr drin. Siggi lacht, geht einen Schritt zur Seite und der Ball rollt ganz, ganz langsam über die Linie. Danke! So fühlt sich das also an.

Wenn ich ein wenig jünger wäre, wäre ich dabei. Nicht wegen des Torgefühls. Der Teamgeist und das Miteinander, das schon im Training der Wattenweiler Mädels zu spüren war, haben mir gefallen.

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