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Kriminalität

31.01.2020

Gift in der Muttermilch

Nur einen Tag alt war das jüngste Frühgeborene, das nach einer Betäubungsmittelspritze mit dem Tod rang. Die Ärzte gehen davon aus, dass keiner der fünf Säuglinge Folgeschäden davontragen wird.

Hat eine Krankenschwester versucht, fünf Säuglinge zu töten? Nur durch eine ungewöhnliche Konstellation kam die Uniklinik Ulm überhaupt auf die Spur dieses Verbrechens. Eine Chronologie

Dr. Ortraud Beringer war in jener Nacht dabei. In den frühen Morgenstunden des 20. Dezember 2019 bekamen fünf Säuglinge auf einer Überwachungsstation der Kinder- und Jugendklinik auf dem Michelsberg in Ulm massive Atemprobleme. Ihre Atmung setzte aus, die Herzfrequenz veränderte sich, der Zustand war akut lebensbedrohlich. Die Mitarbeiterinnen der Schicht, zwei Ärztinnen und vier Krankenschwestern riefen Hilfe – Beringer gehörte zu denjenigen, die einsprangen. Drei der fünf Kinder mussten künstlich beatmet werden. Um einen Schlauch in die Lunge zu legen, braucht es mindestens zwei Personen. Beatmungsgeräte sind auf der Überwachungsstation nicht fest an den Betten installiert. Das Personal brachte die Kinder auf die Intensivstation. „Das Team hat immens gearbeitet in dieser Nacht“, berichtet Beringer. Drei bis vier Stunden habe all das gedauert. Dann, sagt die Oberärztin, seien die Kinder in Sicherheit gewesen. Stabil waren die Babys nach Angaben des Universitätsklinikums Ulm, zu dem die Kinderklinik gehört, erst nach 48 Stunden. Ob auch die Frau bei der Rettung mitgeholfen hat, die den Zustand der Kinder verschuldet hat? Beringer wehrt ab: „Dazu möchte ich nichts sagen.“

Eine der sechs Frauen, die in jener Nacht Schicht auf der Überwachungsstation hatte, befindet sich seit Dienstag dieser Woche in Untersuchungshaft. Die Krankenschwester, nach Angaben der Staatsanwaltschaft eine junge Frau, Deutsche und ohne Beziehungen ins Ausland, soll die Säuglinge mit dem Betäubungsmittel Morphin vergiftet haben. Am Tag nach ihrer Festnahme informieren Polizei und Staatsanwaltschaft knapp. Am Donnerstag geben die Ermittler bei einer Pressekonferenz ausführlicher Auskunft – und lassen doch viele Fragen offen. „Wir stehen erst ganz am Anfang der Ermittlungen“, betont der Leitende Oberstaatsanwalt Christof Lehr, Chef der Ulmer Staatsanwaltschaft.

Ins Rollen gekommen sind diese Ermittlungen nur dank einer ungewöhnlichen Situation. Alle fünf Kinder, es waren Frühchen und Neugeborene, zeigten die gleichen Symptome. Das Klinikteam ging zunächst von einer Infektionskette aus. Doch entsprechende Untersuchungen ergaben: Die Säuglinge waren nicht infektiös. Dass es die Kinderklinik nicht darauf beruhen ließ, wertet Udo X. Kaisers, der Leitende Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des Uniklinikums, als Beweis dafür, wie gewissenhaft sich seine Mitarbeiter für das Wohl der Patienten einsetzen. „Wir haben uns nicht zufriedengegeben mit der nahe liegenden Lösung“, sagt er am Donnerstag bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz des Klinikums wenige Stunden nach der Erklärung der Ermittlungsbehörden.

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Die Rechtsmedizin des Uniklinikums untersuchte den Urin der fünf Babys toxikologisch, noch vor Weihnachten wurden die Proben dort eingereicht. Doch wegen der Feiertage verzögerte sich die Auswertung. Erst am Abend des 15. Januar lagen die Ergebnisse vor: Die Experten wiesen im Urin Morphin nach. Das Betäubungsmittel ist eines der stärksten, die es gibt. An dieses Medikament, räumt Kinderklinik-Chef Klaus-Michael Debatin ein, habe man gar nicht gedacht. Die Verantwortlichen fürchteten eher eine Schadstoffbelastung, zum Beispiel durch die Klimaanlage, und wollten die Ursache ausfindig machen.

Die Kinderklinik setzt Morphin unter anderem bei Neugeborenen drogenkranker Mütter ein, zum Entzug. Morphin wird aber auch als Schmerzmittel verwendet, wenn Menschen künstlich beatmet werden. Doch nur bei drei der fünf Säuglingen war dies nötig. Warum also enthielt der Urin aller fünf Kinder Spuren des Gifts?

Die Uniklinik bildete am 16. Januar eine Task Force und erstattete am 17. Januar bei der Polizei Strafanzeige wegen des Verdachts des versuchten Totschlags. Die Polizei bildete eine Ermittlungsgruppe, der bis zu 35 Beamte angehörten. Am 28. Januar, also am Dienstag dieser Woche, durchsuchten die Polizisten die Privaträume von fünf Klinikbeschäftigten, die zur Tatzeit Schicht hatten – und die Klinik selbst. Im Spind einer Krankenschwester entdeckten die Beamten eine Spritze, mit der den zum Saugen zu schwachen Neugeborenen üblicherweise Muttermilch oder Babynahrung verabreicht wird. Das Landeskriminalamt untersuchte die Spritze und ihren Inhalt. Die Experten fanden eine Mischung aus Muttermilch und Morphin. Noch am selben Abend nahm die Polizei die Krankenschwester, der der Spind gehörte, fest.

Sie hat nach Angaben der Ermittler umfassende Angaben gemacht, die Tat bestreitet die Frau allerdings. Zugang zum verschlossenen Schrank mit Betäubungsmitteln hatte die Krankenschwester – genauso wie die anderen fünf, die an dem Tag der Tat in der Schicht arbeiteten.

Die Uniklinik hat auch eigene Ermittlungen angestellt und Vorfälle in der Vergangenheit geprüft: Könnte es sein, dass schon einmal Frühchen und andere Neugeborene vergiftet worden sind? Anhaltspunkte dazu habe man nicht gefunden, betonen die Professoren Kaisers und Debatin. Und könnte ein anderer der Krankenschwester die Spritze untergeschoben haben? Udo X. Kaisers will sich nicht an Spekulationen beteiligen. Natürlich werde man diese Frage prüfen, kündigt Christof Lehr, der Leiter der Staatsanwaltschaft, an. Die Ermittlungsbehörden sehen einen dringenden Tatverdacht gegen die junge Frau – deswegen und wegen der Gefahr einer Flucht sitzt sie in Haft.

Die Klinik-Verantwortlichen zeigen sich betroffen. Man habe mit den Eltern gesprochen und bitte um Entschuldigung. „Wir werden hart dafür arbeiten, das verloren gegangene Vertrauen wieder zu erarbeiten“, kündigte Kaisers an. "Seite 1

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