1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. Herzstillstand nach Einsatz: Dieser Retter wurde gerettet

Günzburg

08.10.2019

Herzstillstand nach Einsatz: Dieser Retter wurde gerettet

Zwischen Feuerwehrauto und Rettungswagen kennt sich Marcel Mayer aus – der Günzburger ist erfahrener Feuerwehrmann.
Bild: Mario Obeser

Plus Marcel Mayer ist Feuerwehrmann in Günzburg. Nach einem Einsatz bleibt sein Herz stehen. Wie er wieder ins Leben zurückgeholt wurde.

Für Marcel Mayer ist der 8. Oktober 2018 ein ganz besonderer Tag. Es ist der Tag, an dem er fast sein Leben verloren hätte – und auch der Tag, an dem der Feuerwehrmann mit der Hilfe seiner Kameraden und Einsatzkräften des Rettungsdienstes selbst zum Geretteten wurde. Heute, ein Jahr später, ist Marcel Mayer klar: „Ohne diese Menschen hätte ich es nicht geschafft.“

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Der Tag zuvor war eigentlich ein ganz normaler Tag im Leben des aktiven Mitglieds der Freiwilligen Feuerwehr Günzburg. Um 23.25 Uhr sein Funkmelder: In Günzburg musste eine Wohnungstüre geöffnet werden. Marcel Mayer leistete, wie schon so oft in seinem Leben, Hilfe für andere. Nach dem Einsatz unterhielt er sich noch ein wenig mit seinen Feuerwehrkameraden im Feuerwehrhaus. Seine Freundin Steffi schlief an diesem Abend auf dem Sofa ein. Als er rund eine Stunde nach dem Alarm heimkehrte, war sie bereits ins Schlafzimmer gegangen. Eine scheinbare Nebensächlichkeit, doch in diesem Fall war es ein wirklicher Glücksfall.

Freundin Steffi begann mit der Wiederbelebung

Denn wenige Minuten, nachdem sich Marcel Mayer ins Bett gelegt hatte, bemerkte seine Freundin, wie er nach Luft zu ringen begann. Sie erinnert sich, dass er auf Ansprache nicht reagierte. Als er nur noch Schnappatmung aufwies, bekam Steffi es mit der Angst zu tun und wählte sofort den Notruf 112. Ihr Anruf wurde von der Integrierten Leitstelle für Feuerwehr und Rettungsdienst in Krumbach entgegengenommen. Der Disponent am Telefon leitete die junge Frau zu Wiederbelebungsmaßnahmen an und alarmierte umgehend den Rettungsdienst.

Herzstillstand nach Einsatz: Dieser Retter wurde gerettet

Notfallsanitäter Fabian Lindinger vom BRK Günzburg befand sich zu diesem Zeitpunkt mit einem Rettungswagen bei einem Einsatz auf dem Günzburger Marktplatz, als ihn die Integrierte Leitstelle Donau-Iller über Funk fragte, wie schnell er einen Einsatz, die Reanimation eines 35-Jährigen, übernehmen könnte. Der Sanitäter hatte eine Patientin im Rettungswagen, die aber keiner umgehenden Hilfe bedurfte. Also entschied Fabian Lindinger kurzerhand, mit der Patientin zum Einsatzort zu fahren und dort die Erstversorgung zu übernehmen. Diese Entscheidung war der nächste glückliche Umstand an diesem Abend, der Schlimmeres verhindern würde, darüber sind sich die Beteiligten heute einig. Als Lindinger dann mitgeteilt bekam, dass es sich bei dem Patienten um einen Feuerwehrmann handelt, der zuvor bei der Türöffnung gewesen war, wurde ihm schnell bewusst, um wen es sich handeln musste. Marcel und er kennen sich schon seit vielen Jahren.

Sieben Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen

Parallel dazu alarmierte die Leitstelle das Notarztfahrzeug aus Günzburg sowie den Rettungswagen aus Jettingen zum Einsatzort. Währenddessen war es Marcels Freundin Steffi, die Wiederbelebungsmaßnahmen durchführte, etwa sieben Minuten lang, bis das erste Fahrzeug des Rettungsdienstes eintraf. Sieben Minuten, die sich für die junge Frau wie eine Ewigkeit anfühlten.

Das Team des Rettungsdienstes führte die Reanimation fort. Marcel wurde beatmet, mehrfach defibrilliert und mit Medikamenten versorgt. Darüber hinaus forderten die Retter die Feuerwehr Günzburg zur Rettung des Patienten über den Balkon mittels Drehleiter an.

Auch Markus Mayer kam zum Einsatzort – Freundin Steffi hatte in diesen schrecklichen Minuten den Bruder ihres Freundes angerufen. Markus, der selbst auch bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv ist, kam sofort vorbei. Dass sein Bruder in guten Händen ist, war ihm sofort klar, als er einen kurzen Blick in das Zimmer geworfen hatte, in dem Lindinger und seine Kollegen, die er aus zahlreichen gemeinsamen Einsätzen kannte, Marcel betreuten. Obwohl er selbst völlig aufgewühlt war, versuchte er einen kühlen Kopf zu bewahren und Steffi Halt zu geben.

Mit einer Drehleiter retten die Feuerwehrkameraden den Patienten

Der Kampf ums Überleben ging währenddessen weiter. Nachdem Marcel zum dritten Mal durch den Defibrillator geschockt worden war, konnten die Retter wieder einen Puls feststellen. Erstes Aufatmen bei den Einsatzkräften. Marcel Mayer wurde daraufhin stabilisiert und in Narkose versetzt. Danach konnte er, mittels der Drehleiter der Feuerwehr, schonend über den Balkon gerettet werden.

Nachdem zwischenzeitlich die Patientin des vorherigen Einsatzes am Marktplatz, welche die ganze Zeit über im Günzburger Rettungswagen gewesen war und von einem der Rettungsdienstmitarbeiter betreut wurde, von dem Rettungswagen aus Jettingen in ein Krankenhaus gefahren wurde, konnte nun Marcel in das Fahrzeug eingeladen werden. Er wurde zuerst zur Stabilisierung in die Klinik nach Günzburg gebracht, um dann später auf die Intensivstation der Klinik in Krumbach verlegt zu werden.

Kriseninterventionsteam ist für die Angehörigen und die Feuerwehrleute da

Marcels Bruder Markus hat als langjähriger Feuerwehrmann schon viele tragische Einsätze erlebt. Doch wenn der eigene Bruder betroffen ist, ist die Dimension eine ganz andere. Trotz dieser Tatsache war er ständig für Steffi und ihren zwölfjährigen Sohn da. Doch auch er bekam Unterstützung: Die kurze Zeit später eintreffende Mitarbeiterin des Kriseninterventionsteams des BRK übernahm die Betreuung aller Beteiligten. Sie half, dieses dramatische Erlebnis zu besprechen und aufzuarbeiten. Kostbare Stunden, die für Markus, Steffi und den zwölfjährigen Sohn von unschätzbarem Wert waren. Der Bub, welcher während des gesamten Einsatzes in einem Nebenzimmer geschlafen hatte, hatte glücklicherweise nichts von der Reanimation mitbekommen. Er kam erst später hinzu.

Das Kriseninterventionsteam kümmerte sich jedoch nicht nur um die Familie von Markus Mayer. Da sich alle, Rettungskräfte und Patient sehr gut kannten, hatte das KIT zusätzlich eine weitere Mitarbeiterin zum Feuerwehrhaus geschickt, um dort die Betreuung der Feuerwehrkameraden zu übernehmen. Wie sehr alle emotional mitgenommen waren, merkte man daran, wie wenig dabei gesprochen wurde, während die Rettungsmaßnahmen vor Ort sehr routiniert und professionell abgehandelt wurden. Das KIT stellt hierbei eine wichtige Stütze für alle dar, um das Erlebte zu verarbeiten, in Gesprächen aufzuarbeiten oder einfach nur da zu sein. (Lesen Sie dazu auch: Die Feuerwehr für die Seele)

Bei der Untersuchung stellt sich der Grund für den Herzstillstand heraus

Der Grund für Marcels Herzstillstand zeigte sich bei den Untersuchungen im Nachgang. Der 35-Jährige hatte von Natur aus verengte Herzkranzgefäße, sowie einen Kaliummangel. Diese Umstände führten dazu, dass sich die ohnehin schon verengten Blutgefäße am Herzen verkrampften und somit die Blutzufuhr komplett unterbrochen wurde. Es kam zum Kammerflimmern und damit zum Herz-Kreislauf-Stillstand.

Ziel der Reanimationsmaßnahmen ist das Wiedererlangen eines Kreislaufes. Zwar konnte dieses Ziel in Marcels Fall dank glücklicher Umstände und beherztem Eingreifen der Ersthelfer früh erreicht werden. Doch ist auch im Nachgang noch lange nicht klar, ob der Betroffene überleben wird und ob der Körper weitere Schädigungen, insbesondere des Gehirns, aufweist. Die Tage des Bangens stellten für die Angehörigen eine harte Herausforderung dar. Doch sie hörten niemals auf an Marcel zu glauben. Mit Erfolg, denn Marcel schaffte es.

Überlebenschance liegt unter zwei Prozent

„Die Überlebenschance nach einem solchen Ereignis liegt hierzulande leider noch bei unter zwei Prozent“, sagt Sanitäter Fabian Lindinger. Das sei vor allem der Tatsache geschuldet, dass sehr selten Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt werden, bis der Rettungsdienst eintrifft. „Doch in Marcels Fall hatte eben alles gepasst.“ Der 35-Jährige gehört nicht nur zu den weniger als zwei Prozent der Überlebenden eines solchen Ereignisses. „Er ist auch der erste Patient, den ich in meinen 13 Jahren im Rettungsdienst erlebt habe, der nach so kurzer Zeit wieder derart fit wurde“, freut sich Lindinger. Die längste Zeit, so der Sanitäter, werde es dauern, bis die Feinmotorik wieder vollständig zurückkommt und auch die Sprache wieder das gewohnte Level erreicht.

Marcel Mayer kann sich an nichts mehr erinnern, was in dieser Nacht passiert ist, und nur mutmaßen, welch schreckliche Zeit alle Beteiligten durchgemacht haben mussten. Heute darüber zu sprechen, wühlt ihn emotional immer noch auf. Er sagt, er kann sich noch bruchstückhaft an den Feuerwehreinsatz davor erinnern. Danach hat er erst wieder Erinnerungen daran, wie er Wochen später auf der Intensivstation wieder aufwachte. Der Feuerwehrmann war etwa vier Wochen auf der Intensivstation, danach folgten vier Wochen stationäre Rehabilitation in Ichenhausen sowie weitere acht Wochen ambulante Rehabilitation. Auch heute geht er noch einmal wöchentlich zur Reha.

Seinen Kameraden und Kollegen ist Marcel Mayer unendlich dankbar

Marcel, der heute den 8. Oktober als seinen zweiten Geburtstag feiert, spürt vor allem große Dankbarkeit. „Es war viel, was mich das letzte Jahr seit dem Ereignis, geprägt hat. Ich bin so dankbar, solche Leute zu haben, die mir so intensiv helfen. Wenn ich diese Personen und Institutionen nicht gehabt hätte, wäre ich heute nicht so weit, wie ich jetzt bin“, sagt Marcel im Gespräch mit unserer Zeitung – und ist dabei sichtlich mitgenommen. Er lebt heute mit einem implantierten Defibrillator, ein miniaturisiertes Herzschockgerät, das ihm nicht nur körperlich ein Stück Sicherheit gibt, sondern auch psychisch bei der Verarbeitung hilft. Dankbar ist Marcel Mayer den Menschen, die ihn und seine Familie in dieser Nacht unterstützt haben – die beteiligten Kräfte des Rettungsdienstes, des Kriseninterventionsteams und natürlich seinen Kameraden von der Feuerwehr Günzburg. Dankbar ist er aber auch allen, die ihm seither geholfen haben und weiter dabei helfen, wieder „ganz der Alte“ zu werden: die Kliniken in Günzburg und Krumbach und die Fachklinik in Ichenhausen sowie die Teams der Krankengymnastik Körpermitte, Logopädie Dialog, Ergotherapie Eichhorn und der Firma Wanzl samt seiner Arbeitskollegen dort.

Am dankbarsten ist Marcel Mayer aber seiner Freundin Steffi – schließlich war sie es, die die Situation sofort richtig erkannt und beherzt angepackt hatte. Dadurch hatten alle beteiligten Rettungskräfte schnell und optimal handeln können. Sein Bruder und dessen Familie seien ebenfalls eine wichtige Stütze in dieser schweren Zeit gewesen. Der Feuerwehrmann betont: „Es ist mir wichtig, dass man den Leuten, die draußen tagtäglich um das Leben der Menschen kämpfen, mal ein großes Danke sagt. An mir sehen sie, wie viel es bringt, was sie leisten.“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren