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Hochwang
03.07.2015

Küken wuseln über Schulbänke

Die Küken im Unterricht.
2 Bilder
Die Küken im Unterricht.
Foto: Foto: Herold

Die Tiere, die jetzt geschlüpft sind, sind putzig. Doch der Brutschrank, den die Jugendlichen des Förderzentrums Hochwang entwickelt haben, hat einen ernsten Hintergrund.

Zwei Jahre lang haben Schüler der Heinrich-Sinz-Schule Hochwang an einem Brutschrank für Hühnereier getüftelt und gebastelt. Er ist aus Schrottteilen zusammengebaut, ein alter Kühlschrank wurde dafür demontiert und mit Computerventilatoren umgerüstet. Aus Abwasserrohren bauten die Schüler ein Wärmeaustauschssystem für den Brutraum. Ein Wärmespeicher, der mit Steinen gefüllt wurde; ein Sonnenkollektor, der warme Luft im Speicher anreichert; eine mit 12 Volt betriebene Temperatursteuerung: All das haben sie zu einem System zusammengebaut, mit dem jetzt endlich die ersten Küken ausgebrütet wurden.

Die Küken schauen im Unterricht zu

Lustig wuseln diese über Hefte und Taschenrechner, verkriechen sich in Federmäppchen und schauen den Schülern beim Arbeiten im Unterricht zu. In einer Kiste mit Infrarotlicht erholen sie sich von ihren Ausflügen.

Bei diesem Projekt geht es aber um ein knallhartes und überhaupt nicht süßes oder putziges Geschäft, betont Michael Herold, Lehrer der achten Klasse: In Afrika wird im großen Stil tiefgefrorenes Hühnerfleisch aus Schlachtabfällen, auch aus Deutschland, zu billigsten Preisen verkauft. Das führt zu katastrophalen Nebenwirkungen. Dass die Kühlkette beim Transport mehrmals unterbrochen wurde und das Fleisch dadurch bakteriell oft kontaminiert in den Handel kommt, ist ein erstes Problem. Aber dieses Geschäft, an dem europäische Konzerne verdienen, zerstört die Lebensgrundlage der einheimischen Kleinbauern, die ihre Hühnerprodukte auf dem örtlichen Markt nicht mehr konkurrenzfähig platzieren können.

Dieses Problem wurde von der evangelischen Kirche in Tansania erkannt und Vizebischof Fihavangano aus der Diozöse Njombe begann mit dem Aufbau von Hühnerzuchtbetrieben in tansanianischen Dörfern. Dort werden bereits Hühner gezüchtet und ein Vermarktungskonzept wurde erstellt. Die landwirtschaftlichen Kleinunternehmer müssen aber Hühner in Brutschränken ausbrüten, um weiter konkurrenzfähig zu bleiben. Doch die Geräte, die auf dem Markt zu haben sind, haben den entscheidenden Nachteil, dass sie mit Strom betrieben werden. Damit sind die Gegenden bisher von der Geschäftsidee ausgeschlossen, bei denen keine Stromversorgung vorhanden ist. Außerdem fällt in Tansania unregelmäßig der Strom aus. Dadurch erleiden die Kleinbauern regelmäßig Verluste, weil befruchtete Eier bezahlt werden müssen, es vor Ort aber öfters zum Totalausfall der Brut wegen Stromausfällen kommt.

Ziel: billigste Produktion eines Brutschrankes und maximale Zuverlässigkeit,  auch ohne Strom

Um dafür eine technische Lösung zu finden, haben sich Schüler der Heinrich-Sinz-Schule zwei Jahre lang regelmäßig nach dem Unterricht getroffen und mit Mark Bittmann und Britta Emmermacher vom Verein „Ingenieure ohne Grenzen“ eine Lösung ausgetüftelt. Zielvorgabe war: billigste Produktion eines Brutschrankes und maximale Zuverlässigkeit auch in Gegenden ohne Stromversorgung. Das Planungskonzept wurde bereits vor einem Jahr mit einem Innovationspreis von 1000 Euro finanziell gefördert, die Schüler erhielten außerdem den Günzburger Ehrenamtspreis. Ende August wird diese Technologie nun in Tansania eingeführt. Multiplikatoren werden ausgebildet, um Brutschränke zu bauen. Ein tansanianischer Mitarbeiter des Vereins Die Brücke Günzburg bereitet diesen Workshop vor und organisiert alle Teile.

Die süßen Küken, die in der Schule piepsen, sind eine wirtschaftliche Waffe gegen ungerechte Handelsstrukturen, durch die Menschen in Afrika wirtschaftlich und gesundheitlich massiv geschädigt werden, sagt Herold. Sie sollen Menschen dabei helfen, eine wirtschaftlich tragfähige Lebensgrundlage aufzubauen und so unabhängig von Armut, Spenden oder Wohltätigkeit zu werden. Der Lehrer lobt: „Dafür haben die Schüler ihre Freizeit geopfert und einen wichtigen Beitrag geleistet, dass sich Menschen in Tansania selbstständig eine bessere Zukunft aufbauen können.“ (zg)

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