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Landkreis Günzburg

04.08.2018

In Waldheim war das „Übungsfeld des Todes“

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Kümmern sich um Erhalt und Pflege rund um die Friedenskapelle am früheren Bombenabwurfplatz im Kammeltaler Ortsteil Waldheim: Josef Miller (nicht im Bild), Vorstand des Soldaten- und Kameradschaftsvereins Behlingen-Ried, sowie Heidi Müller – auf dem Traktor mit Neffe Julian –, die aus Waldheim stammt.
Bild: Wolfgang Kahler

Auf dem ehemaligen Bombenabwurfplatz wird alljährlich an der Friedenskapelle der Opfer der Weltkriege gedacht. Mit dem Ort sind viele Geschichten verbunden.

Der Boden auf dem Höhenrücken zwischen Kammel- und Mindeltal bebte, als die Betonbomben einschlugen. Auf der Fläche des heutigen Weilers Waldheim befand sich während des Dritten Reiches ein Übungsgebiet für Kampfflieger. Zwei Beobachtungstürme stehen als Relikte dieser Zeit heute noch. Und gleich daneben: die Friedenskapelle. Dort wird an diesem Sonntag mit einem Feldgottesdienst der Opfer der Weltkriege gedacht.

Josef Miller, Vorstand des Soldaten- und Kameradschaftsvereins Behlingen-Ried, der den Feldgottesdienst des Landkreises und der Gemeinde mit organisiert, ist als Bub auf dem Gelände gewesen. An die Flugzeuge, die in den letzten Kriegsjahren von Westen her kommend den Abwurfplatz anflogen und dort die Übungsbomben abwarfen, erinnert sich der fitte 79-Jährige. Aber als Behlinger kam Miller nicht so oft zu dem Gelände: „Die Buben aus Ried waren schneller dort.“ Ried ist der Waldheim am nächsten liegende Kammeltaler Ortsteil. Der Behlinger hat Glück gehabt. Ihm ist auf dem Wehrmachtsgelände nichts passiert. Dem zehnjährigen Robert Dexle aus Ried dagegen brachte es den Tod. Er hatte einen Zünder gefunden, der explodierte, wie der frühere Ortspfarrer Georg Kempter in seinem Heimatbuch aufgeschrieben hat.

Grundstücke wurden beschlagnahmt

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Das Gebiet zwischen dem Jettinger Ortsteil Kemnat und Ried hat eine Ausdehnung von circa 50 Hektar und war zum Anfang der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts komplett bewaldet. Aber dann entdeckten die Militärs des Hitler-Regimes die Vorteile dieses Bereichs für ihre Ziele. Im Zuge des Aufbaus der Wehrmacht wurde zur Ausbildung von Bomberpiloten ein Abwurfgelände gesucht und gefunden. „Die notwendigen Grundstücke wurden von den Besitzern beschlagnahmt oder enteignet“, erinnert sich Josef Miller. Es wurde eine breite Schneise frei gerodet. Auf zwei elf Meter hohen Beobachtungstürmen an den Rändern des Platzes wurden die Abwurfergebnisse registriert, wie eine Dokumentation des Landkreises beschreibt: „Bis Kriegsende entstand eine wüste Kraterlandschaft, verwaist und von niemanden begehrt – ein Übungsfeld des Todes.“ Das Gelände wurde fast ausschließlich vom damaligen Kampfgeschwader 51 Edelweiß genutzt, das auf Fliegerhorsten in Landsberg, Leipheim und Memmingen stationiert war. Teile dieses Kampfgeschwaders waren während des Zweiten Weltkrieges bei Einsätzen unter anderem in Frankreich, Russland und Griechenland beteiligt, wie aus militärhistorischen Aufzeichnungen hervorgeht. Die Übungsbomben wurden meist aus einer Höhe von etwa 300 Metern abgeworfen. Einige verfehlten ihr Ziel und schlugen in Behlingen beziehungsweise Ried ein, „jedoch ohne großen Schaden anzurichten“, heißt es im Heimatbuch. Auf dem Areal befanden sich Bunkeranlagen sowie eine Flugzeugattrappe und ein Zielkreuz. Die Zünder der Übungsbomben erzeugten Rauch und markierten so die Einschlagsstelle.

Als es beim Pflügen plötzlich rauchte

Heidi Müller, Tochter des damaligen Grundstücksbesitzers Josef Greiner, hat ihre eigene Erfahrung mit den Relikten aus einer mehr als 80 Jahre alten Vergangenheit: „Als wir den Acker pflügten, rauchte es plötzlich hinter uns.“ Der Pflug hatte den noch funktionsfähigen Zünder einer Betonbombe getroffen und zur Explosion gebracht. Passiert ist aber glücklicherweise nichts. Dagegen hatte Heidi Müllers Mutter Inge, die noch in Waldheim lebt, ein weniger angenehmes Erlebnis: „Sie verbrannte sich die Hände, als sie beim Holzroden einen Zünder erwischte“. Aber das ist lange her.

Eigentlich ein Zufall

Dass es auf dem früheren Bombenabwurfplatz heute den Weiler Waldheim gibt, ist eigentlich ein Zufall. Das ehemalige Wehrmachtsgelände wurde nach dem Krieg von der bayerischen Landessiedlung verwaltet. Als Heimatvertriebener wollte Franz Schäfer dort sesshaft werden. Das gelang Anfang der 50er Jahre erst mit Unterstützung durch Rieds Bürgermeister Anton Thoma und dem damaligen Landrat Fridolin Rothermel. „Er wurde für verrückt gehalten, dort etwas anzubauen“, erinnert sich Schäfers inzwischen 85-jährige Tochter Herta Batke. Aber er schaffte es, Roggen wuchs und das Gelände wurde urbar gemacht. Mehrere Familien siedelten sich an und ersannen den Namen „Waldheim“. In Sichtweite des Weilers entstand in den 70er Jahren die von Kriegsteilnehmer Alois Mändle aus Behlingen initiierte Friedenskapelle. Gleich daneben steht eines der früheren Beobachtungsbauwerke, jetzt als Glockenturm genutzt. Und genau dort, also an historischer Stätte, wird am Sonntag um 9 Uhr der Feldgottesdienst abgehalten mit dem Kammeltaler Pfarrer Soni Abraham Plathottam und Pfarrerin Christa Auernhammer aus Ichenhausen.

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