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Burgau

24.07.2020

Kerzen machen in Burgau: Junge Azubis lernen altes Handwerk

Kerzenzieher Edgar Bader aus Burgau zeigt Auszubildenden der Wachszieherinnung das Jahrhunderte alte Handwerk des Kerzenziehens. Hier werden 200 Meter Kerzenstränge von der halbautomatischen Zugmaschine genommen und in langen Bahnen abgelängt.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Edgar Bader aus Burgau gibt sein Wissen an Auszubildende weiter. Was sie in dem traditionsreichen Betrieb lernen.

Es ist warm in der Werkstatt von Edgar Bader in Burgau. Der Geruch von Kerzenwachs zieht in drückenden Schwaden durch die geöffneten Fenster. Die Stimmen von Erwachsenen ringen mit den Geräuschen von Motoren und Lüftungen. Acht Auszubildende lernen hier für die Prüfungen der Bayerischen Wachszieherinnung.

Um 1450 haben sich die Wachszieher zu einer eigenständigen Zunft zusammengeschlossen. Damit gehören sie zu den ältesten Handwerksberufen der Welt. In der elektrifizierten Zeit nahm zwar die Bedeutung des Berufes ab, doch die Herstellung von Kerzen beruht noch heute auf dem Handwerkswissen der alten Zeit.

Und genau das ist die Mission des Ausbildungsbeauftragten Edgar Bader. Er führt den heimischen Betrieb in der sechsten Generation. Ob eines seiner Kinder das seit 1823 bestehende Geschäft in der Norbert-Schuster-Straße übernimmt, ist unklar: „Das muss aus eigenen Stücken geschehen, ich dränge keinen dazu.“ Es gehört schon Begeisterungsfähigkeit dazu, den schweißtreibenden Beruf zu wählen. Und der Preiskampf mit der industriellen Kerzenfertigung macht diese Entscheidung nicht leichter.

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In der Burgauer Werkstatt geht es noch traditionell zu

Dabei wird in der traditionellen Werkstatt erst richtig klar, wie aufwendig es ist, eine Kerze in Handarbeit zu ziehen. Am hängenden Docht wird immer wieder etwa 60 Grad heißes, flüssiges Wachs angegossen, das an der Luft erhärtet und so Schicht für Schicht eine Kerze bildet. Diese uralte Art der Kerzenherstellung haben manche der angereisten Lehrlinge noch nie selbst praktiziert. Denn der wirtschaftliche Druck lässt die wenigen Unternehmen in Deutschland zunehmend auf Pressverfahren setzen.

In Burgau lernen die Auszubildenden aber noch die alten Handwerkstechniken. Am Ende des überbetrieblichen Lehrgangs, der die ganze Woche in Burgau durchgeführt wird, legen die Auszubildenden in diesem Jahr coronabedingt ihre Prüfung ab. Vier Azubis aus dem zweiten Lehrjahr legen die Zwischenprüfung ab, für vier Lehrlinge aus dem dritten Jahr ist es die abschließende Gesellenprüfung.

Hier werden die Kerzenstränge auf die benötigte Größe abgelängt.
Bild: Bernhard Weizenegger

Dafür ist die Geschäftsführerin der Bundesinnung Christiane Winkler angereist. Mit zwei Lehrerinnen, die an der für das Handwerk einzigen Berufsschule in München unterrichten, geht es an zwei Tagen ausschließlich um die theoretische Wissensvermittlung. Beim Pauken der Formeln und Inhalte rauchen den Auszubildenden in den Schulungsräumen des nahe gelegenen Pfarrheims die Köpfe.

Die hohe Temperatur erschwert die Arbeit

In Edgar Baders Werkstatt kommen sie ins Schwitzen – was einerseits an den sommerlichen Temperaturen liegt, andererseits am körperlichen Einsatz. Ein 200 Meter langer Kerzenstrang ist nach etwa zwei Stunden fertig. Was die Lehrlinge in der einen Ecke der Werkstatt mühsam von Hand üben, hat die halb automatische Zugmaschine in viel kürzerer Zeit erledigt.

Die hohe Temperatur in der Werkstatt erschwert den Herstellungsprozess, weil das Wachs nicht so schnell abkühlen kann. Darum ist Eile geboten, als der Durchmesser von 19 Millimetern erreicht ist. Edgar Bader schneidet zwei der 16 Kerzenbahnen durch. Dann werden die Stränge langsam von großen Rollen abgewickelt und auf eine etwa sechs Meter lange Werkbank abgelegt. Danach wird auf Kerzenlänge gekürzt und die Rohlinge zum Auskühlen gestapelt.

Zur Ausbildung gehört auch das Verzieren von Kerzen.
Bild: Bernhard Weizenegger

„Wir machen heute 600 Opferkerzen für die Pfarrei Heilig-Geist in Günzburg“, sagt der Meister. Bis die Kerzen in der Kirche angezündet werden, werden sie noch etliche Male angefasst. Am Ende entsteht eine Kerze, die etwas teurer als Massenware ist, aber deutlich länger brennt und kaum Ruß entwickelt. Gute Qualität durch altes Handwerk. Und dafür sind die Lehrlinge angereist.

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Edgar Bader aus Burgau gibt das Wissen über die Handwerkskunst des Kerzenziehens an Auszubildende aus dem ganzen Bundesgebiet weiter.  Was sie dabei lernen.
19 Bilder
Junge Azubis lernen in Burgau das alte Kerzen-Handwerk
Bild: Bernhard Weizenegger
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