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Landkreis Günzburg

02.07.2020

Kirchenaustritte im Kreis Günzburg: Sind Kirchen noch mehr als Museen?

Wenn es um die Kirche geht, kennen viele nur noch einen Weg: den nach draußen. Wobei man nicht verkennen darf, dass noch immer viele Mitglied sind.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Über Gründe für Kirchenaustritte können der katholische und evangelische Dekan für den Kreis Günzburg nur spekulieren. Sie haben eine klare Meinung, ob etwas zu retten ist.

Die Zahl der Kirchenaustritte ist in Bayern im vergangenen Jahr auf ein Rekordhoch gestiegen – die katholischen Bistümer sind davon genauso betroffen wie die evangelische Landeskirche. Der Landkreis Günzburg ist keine Ausnahme, auch hier haben im vergangenen Jahr besonders viele Menschen der Kirche den Rücken gekehrt. Was sagen der katholische und der evangelische Dekan dazu – und sehen sie überhaupt noch Chancen, für die Zukunft etwas zu ändern?

Klaus Bucher ist Pfarrer in Breitenthal und seit 2018 Dekan des Dekanats Günzburg. Natürlich seien die Zahlen aus der Region traurig, aber sie hätten ihn nicht überrascht „und ich vermute, dieser Trend wird sich fortsetzen“.

Keine Reaktion auf Gesprächsangebote nach Kirchenaustritten

Er glaube, viele Menschen hätten heute ein Verhältnis zur Kirche „wie ich zum Fußballverein meines Heimatortes: Da bin ich Mitglied, weil mich mein Vater als Kind angemeldet hat. Selber habe ich nie Fußball gespielt, aber bis heute bin ich dabei, obwohl ich es nicht brauche. Irgendwie hat die Mitgliedschaft auch etwas mit Heimat zu tun. Käme es nun in diesem Verein zu einem Skandal, würde ich mir den Austritt auch überlegen.“

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Missbrauch, das Finanzgebaren oder schlechte Erfahrungen mit Kirchenvertretern seien sicher oft ein Anlass zum Austritt, auf Briefe mit einem Gesprächsangebot habe er aber nie eine Reaktion bekommen, sodass die Ursachenforschung Spekulation bleiben müsse. Um im Bild zu bleiben: Die Kirche sei kein Verein. Und nach einem Gleichnis Jesu gebe es hier beides: „den guten Weizen und das Unkraut“.

Dekan Bucher würde über die Kirchensteuer diskutieren wollen

Einen Austritt praktizierender Christen habe er noch nie erlebt, nach seiner Erfahrung gehe dem oft ein langer Prozess der Entfremdung voraus. Man müsse untereinander über die wesentlichen Dinge reden, um etwas gegen den Trend zu tun, „und nicht nur um uns selber kreisen“. Auch müsse durchaus diskutiert werden, ob die Kirchensteuer noch zeitgemäß sei. Bucher findet das italienische Modell einer Kultursteuer sympathisch, die jeder zahlen müsse – aber selbst entscheiden könne, wer das Geld erhält.

Auch die evangelische Kirche kann sich dem Trend nicht entziehen. Jürgen Pommer ist der Dekan des evangelisch-lutherischen Dekanats Neu-Ulm, das auch den Landkreis Günzburg umfasst, und er sagt, dass der größte Teil der Ausgetretenen kirchensteuerpflichtig sei. Wer ohnehin keine stärkere Bindung mehr zur Kirche habe, sei beim Blick aufs Geld offenbar eher geneigt, auszutreten. Das Hauptproblem sei, dass viele Menschen für sich nicht mehr die Relevanz der Kirche sähen. Da bewege man sich im allgemeinen Trend, dass viele gesellschaftliche Institutionen mit einem Wertverlust kämpften.

Der Kreis Günzburg ist für die evangelische Kirche eine Diaspora

Dass es im Landkreis Günzburg spezielle Gründe für steigende Austrittszahlen geben könnte, ist dem Dekan nicht bekannt – wobei die evangelische Kirche hier ohnehin in einer Diaspora sei. Es sei grundsätzlich schwierig, genaue Gründe herauszufinden, zumal mancher bei seiner Unzufriedenheit mit der Kirche auch gerne evangelische und katholische Aspekte zusammenwerfe. Er habe beispielsweise schon gehört, dass Ärger über den Papst bei Protestanten zum Austritt geführt habe.

Klaus Bucher ist Dekan des Dekanats Günzburg.
Bild: Michael Lecheler

Grundsätzlich sei die persönliche Erfahrung sicher die wichtigste Ursache. Wer sich von einem Repräsentanten der Kirche vor Ort in seinem Leben nicht genug unterstützt sieht, projiziere diesen Ärger auf das Ganze. Und je weniger präsent man in den Gemeinden sei, desto weniger Anknüpfungspunkte gebe es noch. Pommer glaubt nicht an eine Umkehr des Trends. Ohnehin würde die Präsenz, die es noch fast überall gibt – die Kirchengebäude – eher unter musealen Aspekten als unter religiösen wahrgenommen.

Auch die evangelische Kirche kämpft mit einem Priestermangel

Das Problem: Angesichts steigender Austrittszahlen und somit sinkender Steuereinnahmen wird es auch für die evangelische Kirche zunehmend schwieriger, ihre Strukturen aufrecht zu erhalten und präsent zu sein. Das führe auch dazu, dass „der sehr attraktive Beruf“ des Pfarrers für junge Leute nicht mehr so attraktiv sei wie früher. Und das, obwohl ihn auch Verheiratete und Frauen ergreifen dürfen.

Die Unsicherheit, ob die Kirche künftig noch Geld hat, um die Pfarrstelle zu finanzieren, sei spürbar. Auch wenn man im Vergleich zu anderen Ländern auf hohem Niveau „jammere“: Er fürchte, dass man künftig noch weniger Personal haben werde. Und er ist sich sicher: Durch die Corona-Krise mit Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit „wird die Zahl der Austritte weiter steigen“.

Jürgen Pommer ist Dekan des evangelischen Dekanats Neu-Ulm.
Bild: Angela Häusler

Zumindest sollen die Dekanate mehr Planungshoheit bekommen, die Stellen also selbst verteilen können. Im nächsten Frühjahr wird mit dem Landesstellenplan gerechnet, auf dessen Grundlage in den folgenden ein bis drei Jahren die Strukturen für die Zukunft festgelegt werden – also auch, wo es überhaupt noch Pfarrer geben wird. Auch werde man sich sicherlich nicht mehr alle Immobilien leisten können.

„Das muss nicht unbedingt ein Verlust sein“, findet Pommer, Kooperationen über Gemeindegrenzen hinweg könnten ein Gewinn sein. Und wenn man die Verwaltung zentralisiere, blieben mehr Freiräume für die Seelsorge. So oder so werde man aber wohl nicht umhin kommen, mehr Aufgaben an Laien zu delegieren, sodass ein Pfarrer mehr koordiniere – wobei man durchaus wisse, dass für manche der Kontakt zum Geistlichen einen höheren Stellenwert habe.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Christian Kirstges:

Kirchenaustritte: Es ist ein Teufelskreis für die Kirche

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