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Handel- und Gastro-Serie (2)

29.11.2020

Modehaus "Schild" in Günzburg: Das Geschäft ist auch ihr Zuhause

Die Töchter Judith (links) und Hannah (rechts) folgen auf die Generation von Susanne Ganser und werden das Günzburger Bekleidungshaus Schild in die Zukunft führen.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Das Modehaus „Schild“ ist eine Institution in Günzburg. Mit den Töchtern von Susanne Ganser will die fünfte Generation den Betrieb in die Zukunft führen. Was macht für sie den Laden aus?

Einzelhändler, Gastronomen/Hoteliers und „Lebensmittelhandwerker“ wie Bäcker und Metzger machen eine Innenstadt und ein Dorf lebendig. Doch schon vor Corona haben viele um die Zukunft gekämpft, vielerorts haben Betriebe mangels Nachfolger schließen müssen. Corona hat die Probleme verschärft. In einer Zeit, in der durch das Virus und seine Folgen Innenstädte und Dörfer weiter auszubluten drohen, will unsere Zeitung einen Kontrapunkt setzen und über die berichten, bei denen die Nachfolge geregelt ist. So heißt unsere Serie auch, der Einfachheit halber auf Überbegriffe fokussiert: „Handel und Gastronomie mit Zukunft“.

Ein großes Haus ist der perfekte Spielplatz. Erst recht, wenn es etwas verwinkelt ist. Das war für Judith und Hannah Ganser auch so in ihrer Kindheit. Im Modehaus ihrer Eltern bastelten sie mit den Mitarbeitern Häuser aus Karton oder spielten Verstecken. Sie nutzten Alukisten als Autoscooter. Und eine Mitarbeiterin passte auch mal auf sie auf. So entstand eine starke Bindung zu dem Geschäft, das für viele Günzburger eine Institution ist, gibt es „Schild“ doch schon seit 1885. Gegründet wurde es von den Urgroßeltern der jetzigen Chefin Susanne Ganser, ihre Töchter sind die mittlerweile fünfte Generation.

Was mit Stoffen begann, ist heute ein Bekleidungshaus mit drei Standorten in der Innenstadt: dem Stammhaus zwischen Marktplatz und Hofgasse mit gut 2000 Quadratmetern Verkaufsfläche, dem wegen fehlender Erweiterungsmöglichkeiten 2011 neu geschaffenen Herrenhaus in der ehemaligen Müller-Filiale am Markt auf 650 Quadratmetern und dem seit 2008 bestehenden Street-One-Store an der Hofgasse mit 143 Quadratmetern.

Ein Umzug auf die Grüne Wiese käme für das Günzburger Modehaus Schild nicht infrage

50 Mitarbeiter sind es zusammen, auf Vollzeitstellen umgerechnet wären es 30. Darin enthalten sind auch vier Ausbildungsplätze. Auf die Grüne Wiese umzuziehen oder dort ein weiteres Geschäft zu eröffnen käme weder für Susanne Ganser noch für die Töchter infrage, „die Atmosphäre in der Altstadt ist schöner“, meint die 26-jährige Hannah. In normalen Zeiten, ergänzt die drei Jahre ältere Schwester Judith, ist das Einkaufen hier eben ein Erlebnis.

Normal sind sie durch Corona allerdings nicht. Und so wissen die beiden zwar, dass sie das Haus auf jeden Fall in die Zukunft führen wollen und sind sich sicher, dass es trotz Einbußen durch die Auswirkungen der Pandemie eine haben wird – aber konkrete Pläne für die nächsten Jahre und Jahrzehnte zu machen sei derzeit einfach unmöglich. Auch einen vierten Standort zu ergänzen schließen sie daher aus.

Die vier Chefs sitzen zusammen in einem großen Büro

Judith Ganser hat bewusst etwas anderes – Sportwissenschaften – studiert, um sich bei der Entscheidung für den Einstieg ins Geschäft sicher sein zu können. Einen Master in Betriebswirtschaft hat sie auch. Im ersten Semester bei den Sportwissenschaften sei ihr dann klar geworden, dass sie und „Schild“ zusammengehören. Bei ihrer Schwester war es bereits in der zehnten oder elften Klasse soweit, erzählt sie. Beide konnten bei ihren Eltern erleben, was die Vorteile der Selbstständigkeit sind, sagt Judith: Man kann es so machen, wie man es selbst für richtig hält.

In diesem historischen Haus am Günzburger Marktplatz begann die Geschichte von "Mode Schild".
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Hinzu komme die Abwechslung, schließlich geht es in einem solchen Betrieb nicht nur um den Verkauf, sondern auch um den Einkauf, das Marketing, die Dekoration, die Haustechnik und einiges mehr. Die Töchter und die Eltern sitzen zusammen in einem großen Büro, doch jeder hat einen eigenen Zuständigkeitsbereich. „Es gibt keine Zwischenebene zwischen uns und den Mitarbeitern“, sagt Susanne Ganser. Das ermögliche auch schnelle Entscheidungen.

Jeden Tag gibt es ein einstündiges "Meeting" - das Mittagessen

Die können mitunter auch beim einstündigen „Meeting“ fallen, das jeden Tag ansteht – dem gemeinsamen Mittagessen. Die Eltern wohnen über den Ladenräumen, und so kann man stets zur selben Uhrzeit zusammenkommen. „Das ist ein Privileg“, findet die 58-Jährige. Beruf, Familie und Freizeit verschwimmen dadurch zwar, und um 19 Uhr nach Ladenschluss ist eben oft nicht Feierabend. Aber man könne sich als Familie unterstützen.

Nachdem ihr Vater 1983 verstarb, sind sie, die in ihrer Kindheit auch schon im Haus spielte, und ihr Mann Hans-Peter 1984 in die Firma eingetreten und leiteten sie gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrer Mutter. Diese zog sich 2002 und die Schwester 2014 aus der Geschäftsleitung zurück, formell führt Susanne Ganser nun das Unternehmen. Auch ihr Mann hat sich inzwischen etwas zurückgezogen. Seit 2013 ist Tochter Judith im Betrieb, seit 2017 Hannah. Die Partner der beiden jedoch haben andere Berufe, unterstützen aber zum Beispiel an den frequenzstarken Marktsonntagen ebenso wie ihr Bruder, ein Doktor der Informatik, und dessen Frau. Gerade bei solchen Gelegenheiten haben auch die Schwestern schon als Kinder mitgeholfen.

Lebensmittel kaufen, zum "Schild" gehen, und dann noch ins Café

Was ein solches Geschäft in der Innenstadt ausmacht, zeigt für Susanne Ganser der Marktdienstag, zumindest in Nicht-Corona-Zeiten. Dann kauften die Leute ihre Lebensmittel, kämen in den Laden und setzten sich noch in ein Café. Ein Erlebnis eben. Alleine wegen der Größe und Auswahl sei „Schild“ nicht nur dann ein gewisser Magnet. Die kleineren Geschäfte hätten im Frühjahr gemerkt, dass er fehlte, als sie zwar wieder öffnen, aber größere Händler noch geschlossen bleiben beziehungsweise ihre Verkaufsfläche reduzieren mussten. Aber auch andersherum gelte, dass man sich ergänze. Deshalb sind Gansers froh, dass es mit dem Unternehmen "Steingass", das in Günzburg drei verschiedene Läden betreibt, einen weiteren textilen Mitbewerber, aber in dem Sinne nicht Konkurrenten gebe. Die Innenstadt müsse den Kunden Auswahl bieten.

Judith Ganser zeigt ein stark reduziertes Kleidungsstück. Das Unternehmen gibt die Mehrwertsteuer-Absenkung bis zum Jahresende in Form von Rabattcoupons an die Kunden weiter.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Nun ist es so, dass gerade große Textil-Ketten kämpfen müssen und Filialen schließen – Familie Ganser aber eine Zukunft für ihr Haus in dieser Branche sieht. Warum? „Bei uns sind die Entscheidungswege viel kürzer“, erklärt Textilbetriebswirtin Hannah. Ihre Schwester nennt als Beispiel, dass innerhalb kürzester Zeit Tablets angeschafft worden seien, mit denen unkompliziert Ware verschiedener Hersteller angeschaut und bestellt werden könne. In großen Unternehmen brauche es lange, bis man sich zu etwas durchringe. Auf der anderen Seite habe „Schild“ eine gute Größe, um viel Auswahl zu haben. Auch das Familiäre sei hier wichtig, sei es zwischen Chefs und Mitarbeitern oder im Umgang mit den Kunden – die Berater wüssten bei denen, die schon lange kommen, was sie brauchen. Und sie glaubt an die Zukunft der Innenstadt, da sie an den Menschen als „soziales Wesen“ glaubt, das sich gerne mit anderen austauscht.

Susanne Ganser: "In Ulm schließt jetzt die Innenstadt"

Wofür Susanne Ganser kein Verständnis hat, weil es den Läden in den Zentren das Leben schwer mache: Auf der einen Seite wisse man, dass Geschäfte auf der Grünen Wiese für sie Gift seien, auf der anderen gebe es hier aber kein Umdenken. Auf der einen Seite gebe es Förderprogramme für die Innenstädte, auf der anderen werde außerhalb weitere Verkaufsfläche geschaffen. Man brauche sich nur Ulm und die umliegenden Städte anzusehen, was dort auch an neuen Einkaufscentern entstanden sei – „in Ulm schließt jetzt die Innenstadt“.

Eine Hilfe wäre es, wenn es vereinfacht würde, die Fassaden von Gebäuden zu erhalten, aber das Innere zu größeren Verkaufsflächen zusammenzulegen. Auch in Günzburg fehlten Räume, die etwa für Filialisten interessant seien und so neues Leben bringen könnten. Und natürlich, sagt Hannah Ganser: Das Parken bleibe immer ein Thema.

Kein Druck zur Übernahme des Unternehmens

Wann die Töchter das Unternehmen einmal übernehmen, stehe noch nicht fest, sagen sie. Aber ihrer Mutter ist es wichtig, dass sie nicht unter Druck gesetzt worden seien, einzusteigen. Nur wenn man das aus freien Stücken tue und auch etwas anders als die vorherige Generation machen könne, habe die Entscheidung Bestand. Beruf und Privates ließen sich eben nicht trennen. Widerspruch der Töchter? Keiner.

Mitmachen Haben Sie auch ein Einzelhandelsgeschäft, sind Gastronom/Hotelier oder „Lebensmittelhandwerker“, haben Ihre Nachfolge geregelt und wollen uns erzählen, wie es bei Ihnen weitergeht? Dann melden Sie sich in der Redaktion – wir sind gespannt auf Ihre Geschichte! Schreiben Sie an christian.kirstges@guenzburger-zeitung.de – wir kontaktieren Sie dann sehr gerne.

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