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Leipheim

30.11.2019

Politik, Pointen und Parodien im ausverkauften Zehntstadel

Thomas Schreckenberger brachte die Zuschauer im Leipheimer Zehntstadel zum Lachen.
Bild: Helmut Kircher

Mit dem Programm „Hirn für Alle“ begeisterte Kabarettist Thomas Schreckenberger im Zehntstadel und rüttelte an den Grundfesten ultimativen Aberwitzes.

Denken oder Nichtdenken, das ist hier die Frage. Seinen Grips, oder was man dafür hält, hat man doch längst Google, Facebook und ihrem vernetzten App-Geschwader übertragen. Ist denn da ein Kabarettist mit seinem Programm „Hirn für alle“ nicht irgendwie aus der Zeit gefallen? Offensichtlich nicht. Der Zehnstadel restlos ausverkauft. Also erhofft man sich von dem Stuttgarter Kabarettisten Thomas Schreckenberger doch einen irgendwie gearteten Zuwachs an „denk“würdigen Ingredienzen. Womöglich kostenlos. Denkste! Ist aber nicht. Der Mann ist angelernter Schwabe. Astrein, mit all seinen sparsamen Tugenden. „Alles was sich bewegt, grüßt man, was sich nicht bewegt, putzt man!“ Der Schwaben erstes Gebot.

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Denn bald schon macht man die Erfahrung, ein wenig Eigenhirn ist schon vonnöten, wenn man den Pointen- und Parodie-Schnellschüssen aus eloquenter Schnellsprechtechnik nicht hoffnungslos hinterher zockeln will. Manches aus seinem umfangreichen Katalog aus Politik, Bildung und Bayern, aus Merkel, Seehofer und Trump ist zwar hinlänglich bekannt, aber nichtsdestoweniger lustig, intelligent und mit der kabarettistischen Allroundwaffe geschärfter Hieb- und Stichfestigkeit ausgestattet. Manchmal sogar so gespitzt, dass einem das Spontanlachen im Halse stecken bleibt.

Er schießt sich auf die Politiker ein

Natürlich grast er genüsslich auf den fruchtbaren Weiden gewisser Mandatsträger der Promiklasse. Schießt sich auf Politiker im Allgemeinen und Andi Scheuer, „das Enddarmfurunkel der deutschen Autoindustrie“, im Besonderen ein: „Das schnellste Spermium ist nicht unbedingt das klügste!“ Übrigens, wer weiß schon, dass die Seescheide ihr eigenes Gehirn auffrisst? Äh … Was hat das jetzt mit Andi Scheuer zu tun?! Um aufs Gehirn zurückzukommen, das schwerste mit neun Kilogramm habe der Pottwal, „mal abgesehen von Peter Altmaier.“

Politik, Pointen und Parodien im ausverkauften Zehntstadel

Natürlich darf auch der Brexit nicht fehlen auf seiner Abschussliste, ein demokratisch gewähltes Produkt der Über-80-jährigen, „die haben Urne gehört und sind losgerannt!“

Wenn er richtig böse wird, ist er richtig gut

Richtig gut wird der Kleinkunstpreisträger dann, wenn er richtig böse wird. Bei Trump ist das der Regelfall. Die Bewertung des US-Präsidenten, „Belgien, eine schöne Stadt,“ gehört zu den harmlosen Anspielungen. Nicht aber die Absicht, dass der Mann mit den drei goldenen Haaren zum Schutz der Schüler Lehrer bewaffnen will. Er, Schreckenberger, habe einmal gesehen, dass eine Kollegin – vor seiner Kabaretttätigkeit war er Lehrer – ein Video verkehrt herum in den Rekorder geschoben habe. „Ich – bin – gegen – eine – Bewaffnung – von – Lehrern!!“ meißelt er Wort für Wort in die Hirne der Zuhörer. Und dass Lehrer am Putsch gegen Erdogan beteiligt gewesen sein sollten – was für ein totaler Quatsch, „ein Aufstand der Lehrer – kurz vor den Sommerferien!!“

Wie ein roter Faden zieht sich der Gefühlsnotstand zwischen Mann und Frau durchs Programm. „Es gibt Autos, die halten über drei Ehen!“ Man solle, meint er, auch den unperfekten Dingen eine Chance geben, „bei der Partnerwahl waren Sie doch auch nicht so pingelig!“ „Muss ich was erklären?“ hängt er dran. Nein, nicht nötig, nächster Gag. Klimaschutz-Konferenz in Kattowitz. Auch totaler Schwachsinn, ist ja wie eine Konferenz über Kinderwohlsein im Vatikan. Zu Bahn und Öffentlichem Nahverkehr: „Wir Deutsche wissen, wie viele man in einen Waggon reinkriegt!“ Wer’s kapiert, dem ist nicht nach Lachen. Gewitzt dagegen seine Oma, hat die doch einem Enkeltrickbetrüger tausend Euro abgeluchst, ruft seitdem junge Männer an und erzählt ihnen, in welch finanziellen Schwierigkeiten sie stecke.

Wer hat "Faust" geschrieben? Reclam

Wer „Faust“ geschrieben hat? Steht ja auf dem gelben Umschlag: Reclam. Mit Szene eins des Dramas, umgereimt zu „Zwischen Himmel und Hölle“, läuft er zu Hochform auf. Persifliert, chargiert und dialogisiert, als Gott und Mephisto, mit Merkel, Kretschmann, Seehofer und anderen Figuren politischer Unkorrektness, brillant komisch durch Zeit und Raum, um dann mit seinem Kinski-Superknaller noch eins draufzusetzen. Der böse Bube des deutschen Films – und nicht nur des Films – hat sich, lautstark, aggressiv und samt Raute, in die Bundeskanzlerin integriert.

„Annegret, ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ gurgelt es explosiv-erotisch aus orgastischer Kehle, um dann mit dem Satz aller Sätze, lüstern-lechzend, die „dumme Sau“ rauszulassen: „Ich will, dass du in Bayern einmarschierst!“ Als Schlussworte dann die Weisheit aller Weisheiten eines klugen Mannes: „Der beste Beweis von intelligentem Leben, draußen in der Sphäre des Weltalls, ist, dass sie nicht versucht haben, mit uns Kontakt aufzunehmen.“

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