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Landkreis Günzburg

15.01.2021

Rettet „Click and Collect“ den Einzelhandel im Kreis Günzburg?

Claudia Nusser und ihr Sohn Vincent vom Bekleidungshaus „Mode und Tracht Nusser“ in Günzburg sind dankbar für die Möglichkeit zum kontaktlosen Verkauf. Doch der persönliche Kontakt lässt sich dadurch nicht ersetzen.
Foto: Bernhard Weizenegger

Plus Seit vergangenem Montag dürfen Händler in Deutschland Click and Collect anwenden. Doch lohnt sich das? Ladeninhaber aus dem Kreis Günzburg sind geteilter Meinung.

Seit vergangenem Montag ist es den Geschäften in Deutschland erlaubt, über das Verkaufssystem „Click and Collect“ wieder Produkte zu verkaufen. Kunden können demnach online Bestellungen aufgeben und diese dann in der Filiale kontaktlos abholen, was dem Einzelhandel über die schwierige Situation des verlängerten Shutdowns hinweghelfen soll. So weit die Theorie. Doch in der Praxis sind die Erfahrungen der Einzelhändler im Landkreis eher durchwachsen.

Cityinitiative Günzburg unterstützt Händler beim Online-Aufbau

Nikola Gamm von der Cityinitiative Günzburg findet das System an sich gut. Aber: „Für manche sehe ich auf den ersten Blick schon eine Einstiegshürde. Das betrifft vor allem die, die noch keine Onlinepräsenz haben.“ Doch wenn man sich einmal reingefuchst habe, sei das System leicht verständlich.

Auf dem Online-Marktplatz der Stadt Günzburg können alle Händler eingesehen werden, die bei „Click and Collect“ mitmachen. Man sehe dort aktuell einen deutlichen Anstieg an Bestellungen, sagt Gamm. Und wer noch keinen Onlineshop habe, könne sich mithilfe eines Partners der Cityinitiative günstig einen solchen aufbauen. „Heutzutage wird das Thema sowieso immer wichtiger, eine Onlinepräsenz sollte schon da sein.“

Manuela Noder bangt um ihr Geschäft in Günzburg

Einen Onlineshop hatte Manuela Noder, Inhaberin von „Manuelas Schatzkäschtle“ in Günzburg, schon vor der Corona-Krise. Jetzt hat sie auch mit „Click and Collect“ begonnen, wobei sie die häufig angewandte Abwandlung „Call and Collect“ anwendet, bei der die Kunden sie anrufen und die Bestellung dann abholen. Doch rentiert habe sich das bisher nicht. Zwar riefen durchaus Kunden an und tätigten Bestellungen, doch bei denen handle es sich meist nur um sehr kleine Beträge.

Drei Tage pro Woche ist Noder, die aus der Nähe von Augsburg kommt, in ihrem Laden in Günzburg. Bei „Click and Collect“ mache sie nur mit, weil sie schon einen Onlineshop habe. Den Aufwand sei es in Anbetracht der geringen Einnahmen aber nicht wert. Eigentlich wollte Noder ihr Geschäft noch bis zur Rente betreiben. „Aber so, wie es jetzt aussieht, werde ich vorher noch den Kürzeren ziehen.“

Von der Soforthilfe, die im Sommer 2020 angekündigt wurde, hat Noder noch keinen Cent gesehen, es sei noch nicht einmal geklärt, ob sie überhaupt Anspruch darauf hat. Längst musste sie an ihr für den Lebensabend zurückgelegtes Erspartes heran. „Man kommt gar nicht mehr auf die Füße, ich stecke nur noch Privatgelder in mein Geschäft und ,Click and Collect‘ ist, wenn überhaupt, auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Und so gerne sie ihren Laden weiterführen würde, sehe sie keine Chance für sich, sollte der Lockdown weiter verlängert werden. Sie ist sich sicher: „Wenn das so weitergeht, sind die kleinen Geschäfte bald alle weg.“

Kunden wollen Alteingesessene in Günzburg unterstützen

Für das Bekleidungshaus „Mode und Tracht Nusser“ in Günzburg läuft es besser. Inhaberin Claudia Nusser hat bereits während des ersten Lockdowns im März einen Onlineshop eingerichtet. „Das war ein immenser Aufwand, wir haben Tag und Nacht gearbeitet, bis endlich alle Teile fotografiert und auf die Website hochgeladen waren.“

Durch „Click and Collect“ und die Abholung vor Ort sei noch weitere Arbeit dazugekommen. Im Laden selbst habe sie einen kleinen Teil abgesperrt, in dem die Kunden mit FFP2-Maske ihre Bestellung abholen können. Auf Wunsch wird die Ware auch draußen bereitgestellt oder geliefert. Das werde auch gut angenommen. „Immer mehr Kunden sagen uns, dass sie die Alteingesessenen unterstützen wollen.“

Neben Onlineriesen gehen lokale Geschäfte aus dem Kreis Günzburg unter

Trotzdem ersetze diese Methode nicht den persönlichen Kontakt. Und auch wenn Kundenberatung per Telefon möglich sei, sei es nicht das Gleiche. Nusser hofft, dass es bald wieder möglich sei, den Laden zu öffnen. Aktuell werde das Geschäft nur von ihr und ihrem Sohn erledigt, die Mitarbeiter seien alle zu Hause. „Es ist gerade wichtig, sich an die Maßnahmen zu halten. Aber trotzdem wollen wir natürlich so bald wie möglich wieder öffnen.“

Das will auch Christoph Ganz, Inhaber von „Juwelier und Optik Ganz“. Bis jetzt hat er noch keinen seiner insgesamt 25 Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, doch wenn es noch länger so weitergehe, habe er bald keine andere Wahl mehr. Auch er hat für den Juwelierladen bereits im ersten Lockdown einen Onlineshop aufgebaut und bietet jetzt die Möglichkeit für „Click and Collect“. Aber: „Im Endeffekt hilft es uns nicht besonders.“ Man sei zwar froh über jede Möglichkeit, doch als kleiner Einzelhandel gehe man online neben Internetriesen wie Amazon unter. „Die Sache mit ,Click and Collect‘ kam auch einfach zu kurzfristig, um den Onlineshop überregional gut zu platzieren.“

Trotz Schließungen sinken die Infektionszahlen nicht

Von der Politik wünscht sich Ganz, die Schließung von Einzelhandel und Gastronomie zu überdenken. „Wir können alle Hygienemaßnahmen umsetzen und man sieht es ja auch an den Infektionszahlen: Da tut sich nichts.“ Man müsse zunächst nachforschen, wo sich die meisten Infizierten ansteckten. Sollte dann tatsächlich herauskommen, dass das im Einzelhandel und in der Gastronomie geschehe, sei die Schließung auch akzeptabel.

Besonders ärgert sich Ganz darüber, dass große Kaufhäuser als systemrelevant eingestuft wurden und weiter geöffnet bleiben. Im Gegensatz dazu müsse ein kleiner Laden, der nur ein oder zwei Kunden auf einmal habe, schließen. „Das läuft hier ein bisschen falsch.“

Seinen Optikerladen darf er auch weiterhin geöffnet lassen, auch wenn der Kundenverkehr deutlich gesunken sei. „Wir machen bei Weitem nicht die Umsätze wie im vergangenen Jahr.“ Im Juweliergeschäft dagegen ist ihm mit der Schließung eine Woche vor Weihnachten die wichtigste Verkaufszeit des Jahres weggebrochen. Aufholen lasse sich das nicht.

Für viele Einzelhändler im Kreis Günzburg lohnt sich Click and Collect nicht

Trotzdem blickt Ganz optimistisch in die Zukunft. Er glaube daran, dass er bald wieder öffnen dürfe. „Wir haben die vergangenen Jahre gut gewirtschaftet, da kann man eine schwierige Phase schon mal überstehen. Aber eben nicht ewig.“ Und auch wenn „Click and Collect“ wenig einbringe, sei es besser als gar nichts.

So sehen es viele Einzelhändler, wie die stellvertretende Vorsitzende der Werbegemeinschaft Krumbach und Inhaberin der Werbeagentur Pronto in Krumbach, Angelika Hosser, erzählt. „Fast alle machen mit – aber für einige lohnt es sich eben nicht wirklich.“ Ein Händler, den Hosser nicht namentlich nennen will, habe ihr erzählt, dass er an guten Tagen maximal 300 Euro einnehme. Und dafür habe er dann von morgens bis abends gearbeitet. „Das reißt nicht viel raus.“

Die Probleme im Einzelhandel sind groß - Mitarbeiter bangen um ihre Jobs

Hosser hat auch eine Vermutung, woran das liegen könnte. Denn bei „Click and Collect“ oder „Call and Collect“, was die meisten eher anwenden würden, sei der Aufwand nicht nur für den Verkäufer, sondern auch für den Kunden deutlich höher. „Wenn man sich eine neue Hose kaufen möchte, ist es aktuell doch umständlich, im Laden anzurufen und sich die Ware beschreiben zu lassen. Da wartet man doch eher, bis die Geschäfte wieder öffnen, und kauft sich erst dann eine Hose.“ Die Probleme der Einzelhändler seien inzwischen einfach zu groß, da helfe weder „Click and Collect“ noch die versprochene staatliche Hilfe. „Für Letzteres fällt sowieso ein immens hoher Aufwand an, kleinere Händler müssen dann erst mal einen Steuerberater bezahlen.“ Dazu falle für Textilgeschäfte die gesamte Winter- und Faschingssaison aus.

Inzwischen riefen regelmäßig Angestellte bei ihr an, die um ihren Job fürchten. Hosser hofft, dass die Politik ein Einsehen hat und die Geschäfte zum 1. Februar wieder öffnet. „Natürlich nur mit Einschränkungen, aber die aktuelle Perspektivlosigkeit und die Zukunftsängste machen die Menschen krank.“

Lesen Sie dazu den Wochenkommentar:

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