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19.07.2010

Selbstzeugnisse eines "widerständigen" Mitläufers

Wurde man durch Unterricht und Erziehung in der NS-Zeit zu einem "Kind Hitlers"? Das Thema sorgte für Gesprächsstoff. Von links: Prof. Dr. Max Liedtke, Stiftungsratsvorsitzender Dr. Georg Simnacher und Ichenhausens Bürgermeister Hans Klement. Foto: Kircher
Bild: Kircher

Ichenhausen Prof. Dr. Max Liedtke, geboren am 8. März 1931 in Düsseldorf-Gerresheim. Wurde er durch Erziehung und Unterricht im Nationalsozialismus zu einem "Kind Hitlers"? Zum ersten Mal, so bekannte er am Schluss seines Eindreiviertelstundenrückblicks über seine Schulzeit als Sechs- bis Vierzehnjähriger, habe er über dieses Thema gesprochen und sei dankbar, dass man ihm "ausgerechnet in der ehemaligen Synagoge Ichenhausen" dazu Gelegenheit gab.

"Kein ganz einfaches Thema" führte Stiftungsratsvorsitzender Dr. Georg Simnacher in die Fragestellung ein, vermutlich, wie diese Vorkriegsgeneration allgemein, mit den Erfahrungen des eigenen Ichs konfrontiert. Um es vorwegzunehmen: Eine klare Antwort auf Sein oder Nichtsein, auf ein Ja oder Nein des Hineinwachsens und Werdens als Ableger der "Epoche des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte", eine eindeutige Antwort darauf gab es schlussendlich nicht.

Das Referat wurde zum subjektiven Bekenntnis eines als Messdiener das Christentum praktizierenden Heranwachsenden, geborgen im Schoße einer "NS-widerständigen" Familie, und einer katholisch geprägten Schule, die nationalsozialistisches Gedankengut zwar verbreiten, nicht aber als Programm missbrauchen musste.

Das mehr oder weniger deutliche Erinnern des Referenten setzt ab 1937 ein, mit dem Erleben der Verfolgung Andersdenkender, den aufkommenden Davidssternen, der "Reichskristallnacht", heimlichen Gesprächen Erwachsener ("Was sie heute mit den Juden machen, machen sie morgen mit uns Katholiken"), mit Flüsterpropaganda über nächtliche Verhaftungen und KZ Dachau. Liedtke: "Das alles gehörte damals zu meinen Erkenntnissen. Ich wusste als Zehnjähriger ganz genau Bescheid."

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Dennoch, Kinder des Systems seien sie nicht gewesen, betont er, nichtsdestoweniger aber, ohne es wahrzuhaben, fest darin eingebunden. Ob durch schulisches Unterrichtsmaterial mit Heldenepen, Kriegsgeschichte, " Deutschland, Deutschland über alles" und Horst Wessel Lied, ob durch Ausschluss von Hilfsschülern, jüdischen, kranken und geistig behinderten Kindern von der Aktion Kinderland-Verschickung (KLV) - Kinder aus bombengefährdeten Großstädten wurden zur "Erholung" auf das Land verfrachtet - und trotz Wissens um die gefürchteten grauen Busse, die ab 1941 vermehrt vorfuhren: Die nachwachsende Generation wurde unbewusst zu Mitläufern, in gewissem Sinne sogar zu "Mittätern".

Wie das Beispiel Dr. Wilhelm Homuth zeigt, das Liedtke schildert, und das für ihn noch heute permanent existierendes Trauma ist. Der Studienrat für evangelische Religion, Deutsch und Englisch, so berichtet er sichtlich bewegt, sei ein "fürsorglicher und großartiger" Lehrer gewesen. Sei aber dennoch - aus eigentlich unersichtlichem Grund - von der Klasse auf rüpelhafteste, gemeinste und hinterhältigste Weise "fertiggemacht" und in den Selbstmord getrieben worden. Sogar die Beerdigung wurde noch von beleidigenden Aktionen begleitet. Warum? Warum hatte er, der gerade mal 14-jährige Max Liedtke, wenn auch nur teilweise, mitgemacht? Er, der nur dreimal an einer Hitlerjugend (HJ) Veranstaltung teilgenommen hatte und danach nie wieder. Der außer einer Winter-HJ-Bluse niemals eine Uniform getragen hatte, ja sich nicht einmal erinnern kann, ob er überhaupt eingeschriebenes Mitglied einer solchen "Deutschen Jugend" war.

"War oder bin ich ein Kind Hitlers?" Max Liedtke kann diese Frage nicht ohne Hinweis auf "uneinholbar prägende Indoktrinationen" mit einem Nein beantworten. "Die Last der Eltern war vermutlich höher". Geblieben aber ist ihm ein an die Erinnerung geheftetes, belastendes Gewissen: Tiefe Beschämung hinsichtlich des Falles Homuth, Erkenntnis einer zu geringen Distanz zum NS-System, und fehlender Mut zum aktiven Widerstand gegen NS-Terror und Willkürherrschaft.

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