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Günzburg

01.07.2020

Senkung der Mehrwertsteuer im Kreis Günzburg: Mehr Netto vom Brutto?

Judith Ganser vom Modehaus Schild in Günzburg zeigt ein stark reduziertes Kleidungsstück. Das Unternehmen gibt die Mehrwertsteuer-Absenkung bis zum Jahresende in Form von Rabattcoupons an die Kunden weiter.

Plus Was Unternehmer im Landkreis Günzburg von der Senkung der Mehrwertsteuer halten und wie sich das auf den Geldbeutel der Verbraucher auswirkt.

Seit 1. Juli gilt in Deutschland ein niedrigerer Mehrwertsteuersatz. Wir haben uns in mehreren Branchen umgehört, ob die Verbraucher tatsächlich vom Konjunkturpaket profitieren und was die Unternehmer im Landkreis Günzburg davon halten.

Gastwirt Rudolf Feuchtmayr aus Autenried redet nicht um den heißen Brei herum, wenn er nach der Senkung der Mehrwertsteuer gefragt wird: „Den verantwortlichen Politikern fehlt es an der nötigen Praxisnähe, um die tatsächlichen Folgen einzuschätzen.“ Für ihn sind die zwei Prozent nur ein Tropfen auf dem heißen Pflaster der Gastronomie, die in den vergangenen Monaten mächtig gebeutelt wurde. Statt einem Plus in der Kasse griff der Unternehmer erst einmal tief in die eigene Tasche, um die aufwendigen Umstellungen zu bezahlen. Weil die Mehrwertsteuer auf den Kassenbons ausgewiesen werden muss, wurde eine Firma beauftragt, die in den vergangenen Tagen fieberhaft daran gearbeitet hat, die Kassensysteme auf den aktuellen Steuersatz einzurichten.

Für die stark gebeutelte Gastronomie ist die Mehrwertsteuersenkung nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Bild: Andreas Brücken

Hygienemaßnahmen zehren an Finanzen der Günzburger Gastronomen

Die Kosten schätzt Feuchtmayr bisher auf etwa 10.000 Euro, während die Mehraufwendungen, etwa für verstärkte Hygienemaßnahmen, ohnehin schon an den Finanzen der Gastronomen zehren. Dass der gesenkte Mehrwertsteuersatz von den Wirten an den Kunden weitergegeben würde, kann sich Feuchtmayr deshalb kaum vorstellen. Er resümiert, dass Gäste es derzeit viel mehr vom Wetter abhängig machen, ob sie kommen oder nicht, als von ein paar Cent mehr oder weniger auf der Speisekarte. „Das Geschäft läuft noch nicht so, wie es sollte, deshalb können wir diese finanzielle Hilfe gut gebrauchen.“

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Im Modehaus Schild wird auf die transparente Weitergabe der Mehrwertsteuer-Absenkung um drei Punkte von 19 auf 16 Prozent gesetzt: „Wir geben den Betrag in Form eines Rabattcoupons an unsere Kunden weiter. Der wird auf den Kassenbon gedruckt, sobald die Kasse dafür umprogrammiert wurde“, sagt Judith Ganser von der Geschäftsleitung. Weil das Konjunkturpaket so kurzfristig eingeführt wurde, ist dies erst in den nächsten Tagen der Fall. Die Weitergabe der Steuersenkung unterliegt der Freiwilligkeit. Jeder Unternehmer entscheidet das selbst.“Es ist schlicht undenkbar, die etwa 50000 Teile umzuetikettieren. Wir wollten es unseren Kunden freistellen, ob sie selbst davon profitieren wollen, oder den Coupon anschließend in eine Box werfen, die an der Kasse steht“, erläutert Ganser.

Neuwagen-Käufer sparen bis zu vierstelligen Geldbetrag

Der Handel habe immer noch große Umsatzeinbußen im Vergleich zum Zeitraum vor der Corona-Krise. „Es finden so gut wie keine Familienfeiern oder Hochzeiten statt, wenige fahren in den Urlaub und viele sind in Kurzarbeit. Da sitzt das Geld einfach nicht mehr so locker“, weiß die Unternehmerin. Zudem verursachen die strengen Hygieneregeln einen großen Kostenaufwand. „Ganz toll finde ich, dass sich fast alle Kunden strikt daran halten. Auch für unsere Mitarbeiter ist das Tragen der Mund-Nase-Maske acht Stunden am Tag eine echte Herausforderung. Aber wir halten das alle tapfer aus“, lobt Judith Ganser die Kollegen.

Wer sich in diesen Tagen einen Neuwagen abholt, spart bis zu einem vierstelligen Geldbetrag, weiß Christian Scheel vom gleichnamigen Autohaus in Leipheim. Quasi über Nacht wurden die aktuellen Preise vom Hersteller angepasst und an die Kunden weitergegeben. Doch von einem Boom auf die Fahrzeuge möchte der Geschäftsmann nicht sprechen. In den vergangenen Tagen seien die 18 Auslieferungen nicht überdurchschnittlich viel gewesen. Das Programm der Bundesregierung sieht Scheel jedoch skeptisch: „Mir wäre es lieber gewesen, wenn die Lohnsteuer herabgesetzt worden wäre, damit de Kunden mehr Geld in der Tasche haben.“

Auch wenn Kunden beim Autokauf einen bis zu vierstelligen Geldbetrag sparen könnten, blieb der große Ansturm auf Neuwagen bisher aus, sagt Christian Scheel vom gleichnamigen Autohaus in Leipheim.

Günzburger Bäckermeister hinterfragt Mehrwertsteuersenkung

Handwerksbetriebe sind von der Mehrwertsteuersenkung kaum betroffen, wie Stefan Liepert von der Schreinerei Leix in Günzburg erklärt. Die Preise für Türen, Tore oder Fenster würden ohnehin dem Kunden zunächst als Nettobetrag vorgelegt. Nachdenklich wird Liepert aber, wenn er über die Durchführung des Konjunkturprogramms nachdenkt: „Bisher hat noch keiner eine offizielle Mitteilung vom Finanzamt bekommen, dass die Mehrwertsteuer gesenkt wird.“ Er müsse derweil darauf vertrauen, was in den Medien darüber berichtet wird, wie er sagt: „Wenn das in der Tagesschau so erzählt wird, gehe ich davon aus, dass es stimmt.“

Wer Fenster, Türen oder Tore bestellt hat, bekommt zunächst den Preis ohne Mehrwertsteuer präsentiert, erklärt Stefan Liepert von der Schreinerei Leix. Bauherrn dürfen sich jetzt auf niedrigere Preise freuen, als sie kalkuliert haben.
Bild: Andreas Brücken

Der Bäckermeister und Unternehmer Jörg Hurler aus dem Günzburger Stadtteil Leinheim sieht die Absenkung kritisch: „Es macht bei diesen Preisen keinen Sinn. Der Kunde hätte bei einer Semmel einen halben Cent mehr in der Tasche. Der organisatorische Aufwand steht in keinem Verhältnis zur Ersparnis durch den Kunden“, sagt der stellvertretende Obermeister der Bäckerinnung Günzburg. „Ich kenne keinen Kollegen, der für ein halbes Jahr die Preise absenkt“, sagt Jörg Hurler.

Die Corona-Krise hat Teilbereiche des Unternehmens wegbrechen lassen. „Von unseren vier Fahrzeugen war nur noch der Brotshop unterwegs. Dort stieg der Umsatz, weil die Kunden froh waren, dass der Bäcker zu ihnen ins Dorf kommt“, blickt Hurler zurück. Auch der Verkauf im Ladengeschäft legte zu, weil die Hygienemaßnahmen den Kunden Sicherheit gegeben hätten – und die hielten sich nahezu alle an die Maskenpflicht und das Abstandsgebot. Letztlich ist der Umsatz aber immer noch nicht auf dem Niveau vor der Krise angekommen.

Auch die ie Bäckerei Hurler in Leinheim die Mehrwertsteuerabsenkung nicht an die Kunden weitergeben.
Bild: Bernhard Weizenegger

Die generierte Steuereinsparung will der Unternehmer in etwas viel Nachhaltigeres umwandeln: „Wir werden unseren Mitarbeitern, unseren Helden des Alltags, einen Erschwernis-Obolus für die schwierigeren Arbeitsbedingungen zukommen lassen.


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