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Gundremmingen

22.02.2019

Sie sind musikalische Botschafter des Kernkraftwerks

Seit 35 Jahren gibt es die Kraftwerkskapelle Gundremmingen. 30 Mitglieder sind derzeit aktiv und nehmen auch immer fleißig an den Proben teil.
Bild: Bernhard Weizenegger

Die Kraftwerkskapelle Gundremmingen besteht seit 35 Jahren. Doch was passiert mit den Musikern, wenn 2021 auch Block C abgeschaltet wird?

Die Kühltürme des Kernkraftwerks sind nicht zu übersehen. Die kleine Baracke hingegen, die einmal in der Woche für zwei Stunden aus ihrem Schattendasein herausgerissen wird, wenn die Mitglieder der Kraftwerkskapelle auf die Pauke hauen, ist ziemlich gut versteckt. Wer die drei großen Parkplatzanlagen und das kleine Wäldchen passiert hat, wähnt sich plötzlich in freier Natur, steht mitten in Feldern. Ein letzter scharfer Abzweig nach rechts, da taucht das Musikerheim doch noch auf. So unscheinbar es von außen wirkt, so schmucklos ist es auch innen.

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Ein großer, nahezu leerer Raum mit vielen Fenstern und an der Wand aufgestapelten Stühlen. Nicht wirklich einladend, aber die 30 Laienmusiker können sich keinen besseren Probenraum vorstellen. Sie kommen gerne hierher, die meisten sind jeden Dienstag da, einige schon seit 35 Jahren. Genau so lange besteht die Kapelle schon.

Anfang der 1980er Jahre war in Gundremmingen kulturell nicht viel geboten. Ausgerechnet im Kernkraftwerk reifte die „Keimzelle der Kultur“, wie es Alfred Herrmann formuliert. Er erlebte dies damals hautnah mit. Der ehemalige Geschäftsführer des Kraftwerks, Reinhardt Ettenmeyer, der selbst Posaune und Kontrabass spielte und damit Hausmusik machte, kam auf die Idee, eine Kapelle ins Leben zu rufen. Herrmann, damals gerade 33 Jahre alt, Elektriker in der Anlage und Kulturreferent der Gemeinde, war einer der ersten, der sich den Musikern anschloss. Geprobt wurde in einer alten Baubaracke.

Sie sind musikalische Botschafter des Kernkraftwerks
Am längsten mit dabei ist Theo Kränzle, 88, der Klarinette spielt. Jüngstes Mitglied ist Christoph Reusche, 20, der seit kurzem am Schlagzeug Platz nimmt.
Bild: Bernhard Weizenegger

Auch im Ruhestand bläst er munter weiter ins Horn

Noten konnte Herrmann keine lesen. Er entschied sich für das ES-Horn, obwohl der damalige Dirigent gar keinen Bedarf dafür sah. Inzwischen ist Herrmann im Ruhestand, bläst aber wie zwei andere Kollegen munter weiter ins Horn. Das dienstägliche Musizieren verpasst er selten bis nie. Was für alle anderen Mitglieder übrigens auch gilt. 30 sind aktiv dabei, bei jeder Probe, die zwar auf dem Kraftwerksgelände, aber in der Freizeit stattfindet, sind 90 Prozent vertreten. Auf die Quote ist Claudia Petzenhauser ungemein stolz. Seit fünf Jahren schwingt sie hier den Taktstock, sie ist nach vier Männern die erste Dirigentin der Kapelle.

Die 46-Jährige ist voll des Lobes für ihre Musiker, da fallen am laufenden Band Worte wie „tolles Team“, „zuverlässig“ und „diszipliniert“. Die meisten sind Rentner, waren früher mal Ingenieure oder Schichtleiter. Nur noch zehn Kollegen stehen tatsächlich im Berufsleben, dazu zählt auch Petzenhauser selbst, die im Teilbereich Entsorgung arbeitet.

Klassische Blasmusik, Oper - und Abba

Sie genießt es, mit dieser Musikertruppe zu üben – und natürlich auch vor Publikum zu spielen. Klassische Blasmusikstücke hat die Kapelle genauso im Repertoire wie moderne Stücke von Abba oder Oper. Der Vereinsvorsitzende Hubert Gerblinger erzählt, dass im Lauf der Jahre an die 650 Stücke archiviert wurden – nur einen Teil, etwa 100, spielen die Musiker aktuell.

Etwa 20 Auftritte absolvieren sie im Jahr, im April findet traditionell eine viertägige Landkreistournee in vier Städten statt. Claudia Petzenhauser betont: „Wir sind immer für den guten Zweck unterwegs. Uns geht es so gut, da können wir etwas abgegeben. Das bestärkt uns in unserem Tun.“ Die Kapelle verstehe sich als Botschafter des Kraftwerks, überbringt laut Petzenhauser im Sinne sozialen Engagements musikalische Grüße an kranke und unterstützungsbedürftige Menschen. Die Dirigentin ist überzeugt: „Musik vermittelt Energie, Kraft und Lebensfreude.“

Claudia Petzenhauser dirigiert die Kapelle seit fünf Jahren.
Bild: Bernhard Weizenegger

Mit dem Ausbildungsbeginn begann auch die Zeit in der Kapelle

Diesen Satz würde Theo Kränzle jederzeit blind unterschrieben. Mit seinen 88 Jahren ist er das älteste Mitglied, zwar ist er 1989 in Rente gegangen, die Klarinette spielt er aber seitdem weiter treu in der Kapelle. Hunderte von Noten hat er in dieser Zeit gesammelt, alles gespielt, was von ihm verlangt wird. Jeder Dirigent habe halt so seine eigene Vorstellung, sagt er, schmunzelt kurz und fügt, dann wieder ernst, hinzu: „Musik ist Teil meines Lebens. Solange man mich lässt, spiele ich hier mit.“

Eine Reihe hinter Theo Kränzle steht mit Christoph Reusche, 20, der Jüngste der Truppe am Schlagzeug. Als er seine Ausbildung am Kraftwerk begonnen hat, ist er auch in die Kapelle eingetreten. Nicht nur, weil ihm die Blasmusik „extrem Spaß“ macht, er fühlt sich auch pudelwohl in dem bunt gewürfelten Haufen. Er schätzt die Kollegen, schließlich hätten sie ihn „toll aufgenommen“ und verfügten über „unglaublich viel Erfahrung“.

„Bis hier eine grüne Wiese ist, wird es uns geben“

Wie lange der 20-Jährige wohl noch in der Kapelle spielen kann? Ende 2021 wird Block C abgeschaltet, danach steht der Rückbau des ganzen Komplexes an. Braucht es dann noch eine eigene Werkskapelle? Eine Frage, die sich für die Mitglieder erübrigt. „Bis hier eine grüne Wiese ist, wird es uns geben“, ist Alfred Herrmann überzeugt. Auch Dirigentin Claudia Petzenhauser ist sich sicher, dass die Kapelle noch das ein oder andere Jubiläum feiern wird. „Wir sind seit 35 Jahren zusammen, wir sind so schnell nicht kaputt zu kriegen.“

Termin Das nächste Konzert der Kraftwerkskapelle findet am Samstag, 9. März, in der Kirche St. Martin in Gundremmingen statt. Beginn ist um 19 Uhr. Der Erlös geht zugunsten der Wärmestube in Günzburg.

In dieser unscheinbaren Baracke finden immer dienstags die Proben der Kraftwerkskapelle statt.
Bild: Bernhard Weizenegger

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