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Handel- und Gastro-Serie (8)

13.12.2020

Suche nach einem Nachfolger: Warum sie so oft scheitert und wie sie klappen kann

Viele Geschäfte, aber auch andere Betriebe müssen schließen, wenn sich kein Nachfolger findet. Wer sich doch zum Weiterführen oder zur Übernahme entscheidet, muss einiges beachten.
Bild: Wolfgang Widemann (Symbolbild)

Plus Viele Betriebe in Handel, Gastronomie/Hotellerie und Lebensmittelhandwerk müssen mangels Nachfolger schließen. Woran liegt es - und wie geht es anders? Experten erklären es im Interview.

Wie schwer hatten es Handwerk, Einzelhandel, und Gastronomie/Hotellerie vor Corona und wie hat sich ihre Lage in der Region seither entwickelt?

Karin Bräuer und Ulrike Weber, IHK: Im Einzelhandel sowie in der Gastronomie und Hotellerie ist der Wettbewerb hoch. Außerdem trifft in beiden Branchen ein hoher Kostendruck auf anspruchsvolle und preisbewusste Kunden. Das macht ein gutes Wirtschaften nicht einfach.

Thomas Geppert, Dehoga: Die Region um Günzburg hat sich auch durch Legoland als herausragende Familienurlaub-Region entwickelt. Mit dieser Perspektive gelingt es den meisten Traditionsbetrieben, dass die nächste Generation in den Startlöchern steht. Diese ist meist sehr gut ausgebildet und hat sich in der Welt umgeschaut. Ob ein Hotel oder ein Gastronomiebetrieb erfolgreich ist, hängt im hohen Maße von Persönlichkeit, Kreativität und kaufmännischem Geschick ab.

Täuscht der Eindruck, oder hatten schon vor Corona Betriebe Schwierigkeiten, Nachfolger zu finden?

Ulrich Wagner, HWK: Einen Nachfolger zu finden, ist aufgrund der Komplexität des Themas immer eine Herausforderung. Das war auch schon vor Corona so. In wirtschaftlich guten Zeiten ist die Gründungsneigung im Handwerk traditionell etwas geringer – viele Handwerker haben gute Jobs. Zudem ist circa ein Drittel der Mitgliedsbetriebe der HWK Schwaben 55 Jahre oder älter. Somit haben potenzielle Nachfolger viele Möglichkeiten, einen Betrieb zu übernehmen.

Bräuer und Weber: Auch wenn die Familiennachfolge die häufigste Art der Übergabe ist, müssen viele Betriebe einen externen Käufer suchen. Das ist besonders schwer, wenn das Unternehmen nicht übergabefähig ist, wenn sich Investitionen über Jahre angestaut haben, etwa in der Gastro, oder wenn das Unternehmen keine zukunftsträchtigen Geschäftsmodelle aufweist und Umsätze rückläufig sind.

Geppert: Die rechtzeitige Regelung der Nachfolge ist eine Herausforderung. In den nächsten Jahren seht im bayerischen Gastgewerbe eine Rekordzahl von Betriebsübergaben an. Dabei muss die Nachfolge vom scheidenden Chef und vom Nachfolger gut vorbereitet sein. Wir waren zumindest vor Corona eine stark wachsende Dienstleistungsbranche mit überwiegend klein- und mittelständischer Prägung. Von 12000 Gastbetrieben steht bei geschätzten 40 Prozent in den nächsten fünf Jahren eine Betriebsübergabe an. Wir gehen davon aus, dass eine Betriebsnachfolge zu 55 Prozent innerhalb der Familie, zu 17 Prozent aus dem Mitarbeiterkreis heraus und zu rund 30 Prozent extern erfolgt.

Gibt es eine Branche, der es besonders schwer fällt?

Wagner: Es gibt Gewerke, die durch einen hohen Investitionsbedarf, zum Beispiel Maschinenbau oder Schreiner, und somit bezüglich der Kapitalausstattung eines Nachfolgers höhere Voraussetzungen haben. Außerdem gibt es eine Reihe von Mangelberufen wie Bäcker und Metzger, in denen es immer weniger qualifizierte Personen gibt, die für eine Nachfolge in Betracht kommen.

Bräuer und Weber: Ja, in der Gastronomie, hier gibt es teils Investitionsstaus, sowie im klassischen Einzelhandel, der stark mit Online-Geschäftsmodellen konkurrieren muss. Hotels in guter Lage und mit guter Auslastung werden immer gesucht.

Geppert: Branche möchte ich nicht sagen, aber sicher haben sich unsere Gastronomen auf Grund der hohen Personalintensität und der verbundenen geringen Gewinnspanne oft schwergetan, Söhne und Töchter davon zu begeistern, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Doch mit der Aussicht, dass sich die reduzierte Mehrwertsteuer von sieben Prozent auch in Zukunft für Speisen und Getränke verstetigen könnte, haben einige junge Nachfolger uns konkret berichtet, dass sie sich eine Betriebsnachfolge reell zutrauen.

Nicht nur Geschirr und Schürze, auch dickte Aktenordner gehören für die Gastronomen Bettina und Dominik Osterlehner vom Gasthof zur Sonne in Röfingen zum Alltag. Sie sehen für das Gastgewerbe in den immer größeren Vorgaben eine Herausforderung, die nur mit viel Engagement zu bewältigen ist. In der Mitte: Ingrid Osterlehner, Kreisvorsitzende des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands, mit dem kleinen Bastian. Ein Beispiel für einen Betrieb, wo es weitergeht.
Bild: Peter Wieser (Archiv)

Worin liegen die Probleme begründet?

Wagner: Siehe oben.

Bräuer und Weber: Die Arbeitszeiten in der Gastronomie wie auch im Einzelhandel sind nicht besonders attraktiv, gerade für den Unternehmer, der ja oft fest in das Tagesgeschäft mit eingebunden ist.

Geppert: Ein großes Problem ist die überbordende Bürokratie und die Tatsache, dass unsere Wirte nur bedingt selbstverantwortlich handeln können. Wenn wir 20 Prozent der Vorschriften, teils reine Dokumentation ohne Mehrwert, abschaffen und flexiblere Arbeitszeiten in Form einer Wochenarbeitszeit einführen und dann noch Corona vorbei wäre, wäre alles großartig. Unser Beruf, feine Speisen zu kochen und Menschen zu verwöhnen, also Wirt zu sein, ist ein moderner Traumjob.

Wie kann die Nachfolge am besten gelingen? Was müssen die Inhaber und die Nachfolger beachten?

Wagner: Das Wichtigste ist, rechtzeitig mit der Suche eines Nachfolgers zu beginnen. Ein Übergabeprozess braucht Zeit. Der Betrieb muss fit, Ersatzinvestitionen dürfen nicht hinausgeschoben worden sein. Es sollte immer ein guter und intakter Betrieb mit ausreichendem Gewinn übergeben werden, der auch für den Nachfolger eine ausreichende Lebensgrundlage darstellen kann.

Bräuer und Weber: Die Nachfolge sollte früh geplant sein, um wichtige Themen angehen zu können. Inhaber sollten beachten, dass der Kaufpreis nicht per se dem Unternehmenswert, der oft auch mit Emotionen behaftet ist, entspricht. Der Übernehmer muss die Nachfolge finanzieren können. Nachfolger sollten eine Risikoprüfung vor der Übernahme durchführen.

Geppert: Wir haben viele beeindruckende Beispiele der Betriebsnachfolge, wo es bestens geklappt hat. Oft haben Nachfolger einige Jahre im In- und Ausland Erfahrungen gesammelt und sind dann nach Hause zurückgekehrt. Sie stellen sich ein kompetentes Team zusammen und führen höchst professionell den elterlichen Betrieb weiter. Hierfür gibt es auch staatliche Fördermittel.

Ein großes Thema ist offenbar, so sagte eine Gastronomenfamilie, dass über die Jahre und Jahrzehnte zu wenig investiert wird – und wenn die Nachfolge ansteht, wären die Kosten nicht mehr zu stemmen. Beobachten Sie das auch, dass zu wenig und zu wenig kontinuierlich in die Immobilien investiert wird?

Wagner: Übergabe im Handwerk heißt nicht immer Übergabe einer Immobilie. Es wird auch nicht immer zu wenig investiert, aber oft machen Inhaber im Alter etwas langsamer und weniger – auch bei den Neu- und Ersatzinvestitionen.

Bräuer und Weber: Ja, in der Gastronomie wird aufgrund der hohen Kosten nicht regelmäßig investiert. Dann liegt wieder ein Investitionsstau vor, die Kunden bleiben gegebenenfalls weg.

Geppert: Die Gewinnspannen in der reinen Gastronomie und die Arbeitszeiten, da aus Kostengründen nicht ausreichend Mitarbeiter zur Verfügung stehen, lassen wenig Spielraum für kreative Ideen und Investitionen. Daher ist hier der reduzierte Mehrwertsteuersatz überlebenswichtig.

Gerade die Gastronomie leidet unter den Corona-Lockdowns.
Bild: Arne Dedert/dpa

Von einer anderen Familie habe ich gehört, dass sie eigentlich guter Dinge für ihr Lokal war – bis Corona kam. Soforthilfen müssten zurückgezahlt werden, die Novemberhilfe sei noch nicht da, Löhne müssten bezahlt werden, Investitionen seien nicht denkbar – man müsse einen anderen Job annehmen, um über die Runden zu kommen.

Bräuer und Weber: Die Hilfen versuchen für jede Branche und Unternehmenssituation Unterstützung anzubieten. Die IHK Schwaben informiert zu den Hilfen und gibt weitere Tipps rund um die Liquidität. Ein Betrieb kann vor dem Aus stehen, wenn die Rücklagen bald aufgebraucht sind oder gar Grundsicherung beantragt werden muss.

Geppert: Wir sind eine der hauptbetroffenen Branchen der Pandemie. Die Lage ist gerade durch den zweiten Lockdown innerhalb weniger Monate existenziell. Verzweiflung und Existenzängste nehmen zu. 65 Prozent der gastgewerblichen Betriebe sehen sich in ihrer Existenz gefährdet. Ein Grund ist sicher, dass die Hilfen nicht schnell genug ankommen. So wird die Auszahlung der Novemberhilfen frühestens im Januar erfolgen. Wir brauchen dringend höhere Abschlagszahlungen.

Um das Thema noch von einer anderen Seite zu beleuchten: Wenn jemand keinen Familienbetrieb im Hintergrund hat, aber einen übernehmen will, er sich vielleicht mit einem neuen Betrieb selbstständig machen möchte und neu in der Branche ist – könnte ein solches Unterfangen gelingen?

Bräuer und Weber: Eine Geschäftsübernahme kann eine spannende Alternative zur Neugründung sein. Hier spielen betriebswirtschaftliche und branchenspezifische Fachkenntnisse eine große Rolle. Eine fachfremde Übernahme kann gelingen, wenn Fachpersonal übernommen werden kann und wenn bestenfalls der Übergeber den Nachfolger einlernt. Wenn der Senior sich für eine gewisse Zeit bereit erklärt, den Nachfolger einzuführen, sollte die Übernahme gelingen.

Geppert: Es ist eine große Aufgabe, ein Hotel oder einen Gastronomiebetrieb zu übernehmen, es verlangt hohen persönlichen Einsatz. Auch die herausfordernde Bürokratie und die enorme Verantwortung haben so manche „Junge“, die das bei ihren Eltern sehen, abgehalten. Genau diesen Menschen, die oft eine Ausbildung im Gastgewerbe absolviert haben, bieten wir den kostenlosen Besuch der „Akademie junger Gastronomen“ an. Danach folgen Gründerworkshops und Beratungen.

Die Gesprächspartner Karin Bräuer ist bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben für das Thema Nachfolge in West- und Nordschwaben verantwortlich, Ulrike Weber ist vom Branchenservice der IHK. Ulrich Wagner ist der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer (HWK) für Schwaben. Thomas Geppert ist Landesgeschäftsführer des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga.

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