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Landkreis Günzburg

07.09.2019

Warum Rafael Seligmann in Ichenhausen gelesen hat

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Bürgermeister Robert Strobel (rechts) begrüßte Autor Rafael Seligmann (sitzend) und den Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, Felix Klein, in Ichenhausen.
Bild: Till Hofmann

Der jüdische Autor hat für die erste öffentliche Lesung seines neuen Buchs "Lauf, Ludwig, lauf!" die Heimatstadt seines Vaters ausgesucht. Wie hat das Premierenpublikum darauf reagiert?

Rafael Seligmann war erleichtert. „Hallelujah – gut war’s und so soll’s weitergehen“, trug er ins Gästebuch der ehemaligen Synagoge Ichenhausen ein. Der 71-jährige, in Berlin lebende Autor und Journalist war ganz bewusst nach Ichenhausen gekommen und las hier am Donnerstagabend erstmals öffentlich aus seinem biografischen Roman vor. „Lauf, Ludwig, lauf!“ ist der Titel des Werkes – und gleichzeitig ein literarisches Denkmal, das er seinem Vater Ludwig gesetzt hat.

Der Vater, ein Textilkaufmann, wuchs in Ichenhausen auf, erlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend – ehe die Nazis an die Macht kamen und sich das Klima in dem kleinen Städtchen kolossal änderte. Aus anerkannten Mitgliedern der Gesellschaft wurden „Drecksjuden“, die fortan eines nicht mehr erfuhren: Respekt. Ludwig und sein Bruder Heinrich flüchteten bereits 1933 aus Ichenhausen, aus Deutschland nachdem ihn ein Freund, der Polizist war, gewarnt hatte, dass man ihn verhaften wollte.

Ein Herz voller Traurigkeit und Hoffnung

„Wenn ich diesen Raum betrete, ist mein Herz schwer. Es ist voll nicht nur mit Anekdoten, Traurigkeit, sondern auch mit Hoffnung“, sagte Seligmann, als er vor den Zuhörern im voll besetzten Saal des „Hauses der Begegnung“ – der früheren Synagoge – stand. Fortan hing das Publikum an den Lippen des Mannes, der seine Worte abwägte, langsam und eher leise sprach.

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Felix Klein war ebenfalls aus Berlin gekommen. Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus vertrat Bundesinnenminister Horst Seehofer, der ursprünglich als Redner geplant war. Klein bedauerte, dass sich das Wissen über jüdisches Leben in Deutschland oftmals auf den Holocaust beschränkt. So wichtig dies sei, „so ist es doch bei Weitem nicht ausreichend, denn es ist weniger ein Wissen über das Leben, sondern vielmehr über das Sterben“.

Schlechte Witze dürfen nicht überhört werden

Seligmanns Werk kann da Abhilfe schaffen. Denn in diesem Buch wird das Alltagsleben der Landjuden vor 1933 aufgeblättert. Etwas Vergleichbares gibt es in der deutschen Literatur nach Angaben des Verlages bisher nicht.

Der Beauftragte der Bundesregierung sprach von einem zunehmend raueren Ton in Deutschland. Es würden Dinge gesagt, die früher – außer von den ewig Gestrigen – nicht einmal denkbar waren. Manches geschehe auch inmitten der Gesellschaft. „Menschenverachtende, antisemitische oder rassistische Meinungen dürfen nicht schweigend überhört werden, auch wenn sie als schlechte Witze daherkommen.“ Er appellierte: „Werden wir zu Spaßverderbern! Stellen wir uns solchen Konflikten in sachlicher Diskussion, auch wenn es unangenehm ist!“ Das Publikum applaudierte – oft an diesem Abend.

Die Verantwortung lebt weiter

Zuvor hatte Ichenhausens Bürgermeister Robert Strobel die Gäste begrüßt und an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnert und die „große Verantwortung“ seiner Generation und der nachfolgenden formuliert: „Wir sind verantwortlich dafür, dass sich dieser Teil der Geschichte nicht wiederholt.“

Im Interview mit unserer Zeitung (Donnerstagausgabe) hat Seligmann von der Begegnung einer Bedienung im Goldenen Hirsch erzählt. Die Frau hatte ihren Namen in der Zeitung gelesen und war gekommen: Ein emotionales Wiedersehen nach vielen Jahren.

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Die Vertreibung aus dem Paradies Ichenhausen

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