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Waldstetten

17.05.2019

Was ein Chor tun muss, wenn er weiter bestehen will

Musik kann einen durch das Leben tragen: „In Freud und Leid zum Lied bereit“ steht auf der Fahne der Chorgemeinschaft Waldstetten, die der Vorsitzende Josef Müller (links) und Fahnenjunker Anton Stengelberger präsentieren.
Bild: Irmgard Lorenz

Aus dem vor 100 Jahren gegründeten Männergesangverein ist 1996 die Chorgemeinschaft Waldstetten geworden. Im Lauf der Zeit hat sie sich stark gewandelt.

100 Jahre alt und doch jung geblieben: Die 1919 gegründete Chorgemeinschaft Waldstetten, die am Samstag ihr Jubiläum feiert, hat sich in den vielen Jahren ihres Bestehens immer wieder gewandelt und der Zeit angepasst. Der musikalische Bogen ist bei der Jubiläumsfeier weit gespannt, von den Anfängen des Männerchors bis zu modernen Chorwerken. Es wirken Sänger von Jung bis Alt mit.

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Kurz nach dem Ersten Weltkrieg wollten sich die Menschen auch in Waldstetten wieder fröhlichen Dingen zuwenden und so fiel am 16. Februar 1919 im Gasthaus Engel der Entschluss, eine Sängervereinigung zu gründen. Geprobt wurde schon vor der Vereinsgründung, die dann mit 23 Herren am 2. März 1919 stattfand – schließlich wollten die Sänger schon zum Faschingsball heitere Lieder beisteuern. Gründungsvorsitzender wurde Alois Abenstein, erster Dirigent war Ludwig Ebner und das Vereinslokal der Gasthof Engel.

Gründungsfest am Pfingstsonntag 1919

Am Pfingstsonntag 1919 fand ein Fest zur Gründung des „Männergesangvereins Waldstetten“ statt und schnell wurden auch freundschaftliche Kontakte zu Nachbarvereinen geknüpft. Weihnachtsfeiern und Faschingsbälle bereicherte der Männergesangverein und führte auch kleinere Theaterstücke und Singspiele auf. Die Sängerschar war schon 1922 von 23 auf 33 Aktive gewachsen, mit 89 Vereinsmitgliedern war 1924 ein Rekord erreicht. Dennoch verzichtete man, „der ernsten, schweren Zeit und der allgemeinen Not entsprechend“ 1926 auf eine größere Faschingsveranstaltung, so ist es im Protokollbuch nachzulesen. Das erste reine Chorkonzert des Waldstetter Männergesangvereins fand 1931 statt, in den Folgejahren aber geriet der Verein in den Strudel der Geschichte. Gregor König berichtet in der Waldstetter Ortschronik davon, dass „Zwistigkeiten zwischen konservativen Sängern einerseits und NSDAP-Anhängern andererseits“ den Verein fast in den Abgrund getrieben hätten.

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1937 hatte der Verein nur noch 18 Mitglieder

1937 hatte man nur noch 18 Mitglieder, davon 13 Aktive. Im November 1948 machten die Sänger unter ihrem Vorsitzenden Martin Ketterle einen Neuanfang, und als 1951 der „Flüchtlings-Chor“ aufgelöst wurde, bekam der Traditionsverein Verstärkung durch etwa zehn weitere Sänger, sodass 1952 von 29 Aktiven berichtet wird. Patenverein ist der Liederkranz Ichenhausen.

Viele Gottesdienste hat der Männergesangverein mit gesungenen Messen bereichert, und es war Ehrensache, auch Primizfeiern von in Waldstetten aufgewachsenen Geistlichen mit Liedvorträgen zu verschönern. Als äußeres Zeichen des Sängerstolzes wurde für 1000 D-Mark eine Fahne angeschafft und am 1. Juli 1951 geweiht.

Ab 1996 durften auch Frauen mitsingen

Die Sangesbrüder blieben aber nicht unter sich. Zwei Jahre nach dem 75. Gründungsfest wurde aus dem Männergesangverein die Chorgemeinschaft Waldstetten: Ab 1996 durften auch Frauen mitsingen. Ein Jahr später fand das erste Weihnachtskonzert in der Waldstetter Kirche St. Martin statt, bei dem auch eine Bläsergruppe, die Stoffenrieder Hausmusik, der Kirchenchor, der Jugendchor und der Schülerchor mitwirkten. „Heute ginge es ohne die Frauen gar nicht mehr“, sagt Vorsitzender Josef Müller.

Beim 100. Gründungsjubiläum singen der Grundschulchor, der befreundete Männergesangverein Liederkranz Großkötz, der Kreativchor Waldstetten unter Leitung von Marion Joos und Katrin Lipowsky-Mader sowie der Kirchenchor Waldstetten unter Leitung von Anton Spengler mit. Dass es in Waldstetten aktuell vier Chöre gibt und von etwa 1200 Einwohnern circa 100 Sänger sind, sagt der Vorsitzende Müller nicht ohne Stolz: „Das ist außergewöhnlich.“ Dennoch plagen die Chorgemeinschaft die gleichen Probleme, wie sie auch fast alle anderen Traditionschöre haben: Der Nachwuchs ist rar. „Wir sind überaltert“, sagt Josef Müller unumwunden. Der älteste Sänger in der Chorgemeinschaft ist 82, der jüngste 39 Jahre alt.

Konzentrierte Arbeit während der Proben

Immer mittwochs wird in der Grundschule von Waldstetten geprobt, vor etwa einem Jahr hat der Kötzer Guido Thoma von Elisabeth Demel den Chor übernommen. Bei den Proben ist konzentrierte Arbeit angesagt. Guido Thoma „hört jeden Ton, auch wenn er nur minimal abweicht“, sagt Josef Müller. Trotz des hohen Anspruchs bezeichnet er den Chorleiter als „idealen Mann“, denn Thoma verstehe es, die Proben mit Humor zu würzen und aufzulockern.

Für das Jubiläumskonzert hat sich die Chorgemeinschaft Waldstetten besondere Mühe gegeben. Neu arrangierte Volkslieder werden zu hören sein, die auch rhythmisch anspruchsvoll sind – und anfangs beileibe nicht allen Sängern gefallen haben, wie Josef Müller sagt. Auch Schlager hat die Chorgemeinschaft im Repertoire, und bei den Auftritten zu kirchlichen Festen singt sie auch Sakralmusik. „Es ist viel abwechslungsreicher als früher“, sagt der 72-jährige Vorsitzende voller Überzeugung. Auch ein Chor muss sich wandeln, wenn er über Jahre und Jahrzehnte bestehen will.

Lesen Sie dazu aus unserem Archiv: Wo bleibt der Nachwuchs für die Chöre?

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