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Günzburg

24.12.2020

Weihnachten ohne Kirche: Pfarrer Bauers Predigt für Zuhause

Die Suche nach dem Weihnachtsland bewegt die Menschen seit Jahrhunderten. Die Weite der Landschaft in diesem kleinen Ausschnitt aus der Simultankrippe von Helmut und Bernhard Linder aus Kötz gut dargestellt.

In der Corona-Krise ist alles anders. Die evangelische Kirchengemeinde in Günzburg hat Gottesdienste abgesagt. Hier ist die Predigt von Pfarrer Alexander Bauer nachzulesen.

Wissen sie liebe Gemeinde, wo das Weihnachtsland ist? Da gibt es ja die verschiedensten Traditionen: Die ganz Frommen unter uns meinen: „Das Weihnachtsland muss im Himmel sein, dort wo Gott wohnt und von woher er seinen Sohn geschickt hat, um diese finstere Welt zu erlösen. Die ganz Jungen unter uns meinen: „Das geht jedes Jahr so. Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder“, dorthin wo, wenn wir ehrlich sind, die Kinder immer noch die bravsten und unschuldigsten unter den Menschen sind. Das Weihnachtsland: Die weniger Frommen wähnen es gar am Nordpol, von wo aus der Weihnachtsmann alle Jahre aufbricht, um als eine Art Rentierbespannter United parcel service seine Päckchen auszuliefern, wahrscheinlich zuerst in Amerika und dann beim Rest der Welt.

Das Weihnachtsland: Das gibt’s natürlich auch hier bei uns in Deutschland. Genauer gesagt in Rothenburg ob der Tauber, wo eine Dame namens Käthe Wohlfahrt, genau so wie weiland in Heinrich Bölls köstlicher Geschichte beschrieben, das ganze Jahr über Weihnachten feiert. Ihr Supermarkt ist von Januar bis Dezember geöffnet, mit Kunstschnee und Plastiktannen und Räuchermännchen aus Seiffen und aus Taipeh, mit Kunden aus Korea und Verkäuferinnen aus Japan. Die sind dann allerdings gewandet in echte deutsche Dirndlkleider, und das sieht mindestens genau so geschmackvoll aus wie deutsche Touristen im Kimono.

Deutsche Weihnachten in Rothenburg. Herrlich! Wer nun solcherart Weihnachtsmärchen gar nicht mag, der ist deshalb nicht verloren. Es gibt so viele Angebote, so viele Wege, um ins Weihnachtsland zu kommen. Und vor allem sind es alle Jahre wieder erstaunlich viele Menschen, die auf der Suche sind, nach diesem Land. Zu denen gehören wir ja auch. Sie und ich heute Abend.

Weihnachtsbaum, Krippe und viele Kerzen

Möglicherweise schaut es in Ihrem Wohnzimmer so aus, wie im Weihnachtsland, mit einem wunderschönen Weihnachtsbaum, einer Krippe vielleicht und vielen Kerzen. Während ich diese Zeilen schreibe, liegt, Corona hin oder her, eine schöne Zeit der häuslichen Vorbereitung hinter mir, denn ich brauche inzwischen einige Tage, bis ich alle meine Herrlichkeiten aus dem Erzgebirge und die drei Hauskrippen aufgebaut habe.

Auf vielen Kanzeln wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer darüber geklagt, dass die Menschen auf dem Weg ins Weihnachtsland immer stehen bleiben an den Buden der Zuckerbäcker und Warenhändler und über allen möglichen und unmöglichen Äußerlichkeiten darob das eigentliche Ziel vergessen und den Weg zum Stall von Bethlehem gar nicht mehr schaffen, weil sie in irgendeinem künstlichen Weihnachtsland stecken geblieben sind und Bauchweh haben vor lauter Punsch und Christstollen, oder einen Kater vom letzten Besuch auf dem Weihnachtsmarkt.

In diesem Jahr hat uns das Coronavirus viel von all dem genommen, was sonst auf dem Weg zum Weihnachtsland selbstverständlich war. Vielleicht geht es Ihnen da ja wie mir in diesen Tagen. Daheim stimmt die Weihnachtskulisse, aber sobald man das Haus verlässt, will die rechte Stimmung dann nicht mehr aufkommen. Und wenn ich ehrlich bin, liegt das daran, dass ich ihn vermisse, den way of life, der bisher in jedem Jahr meines Lebens – und ich bin immerhin schon 59 – am Jahresende ausgebrochen ist. Fast nichts von dem gibt es in diesem Jahr. Kein Weihnachtsmarkt, kein Zusammensein bei Punsch und Plätzchen, kein Musical am Heiligen Abend, und dann jetzt auch noch einmal, wie im Frühjahr, der völlige Lockdown.

Menschen sehnen sich nach Wertvollerem

Es steckt in unserer Sehnsucht nach einer stimmungsvollen Advents- und Weihnachtszeit mit allem, was „dazu gehört“ nicht nur der Verfall der Kultur, gegen die dann an Weihnachten von den Spaßbremsen auf den Kanzeln angepredigt wird, sondern die Sehnsucht der Menschen nach etwas viel Wertvollerem, nach einem Geschenk, das man mit keinem Geld der Welt kaufen kann. Vielleicht sogar die Sehnsucht nach einem König, dem Friedefürst, dem Wunderrat und Gottheld, dem Messias, der uns endlich erlöst von dem Zwang, unsere Seele ständig freikaufen zu müssen, durch immer größere und wertvollere und prächtigere Feste.

Diese Sehnsucht nach der wirklichen Weihnacht, sie ist verankert in unseren Herzen, und heute am Heiligen Abend kommt sie heraus, auch bei denen, die mit Glaube und Kirche so gut wie nichts mehr am Hut haben: Die Sehnsucht nach einem Land voller Gnade und Güte, einem Land, wo es ganz anders zugeht, etwa so, wie es im Titusbrief beschrieben ist:

Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken (Titus 2 11-14)

Keine Klage wird erhoben gegen Corona-Leugner

In unserem Predigttext wird nicht genörgelt und geschimpft. Es wird keine Klage erhoben wider Nächsten, egal ob er ein sogenannter „Corona-Leugner“ ist, oder ob er die Maßnahmen der Regierung im Kampf gegen das Virus unterstützt. Es schimpft auch niemand über den Konsumrausch und jene, die ihm verfallen sind und also nichts begreifen vom wahren Wunder der Weihnacht. Kein Wort von Christen erster und zweiter Klasse, kein Wort von Ketzern und Frommen, von Bekehrten und Heiden.

Nur dies eine: „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“ Wohlgemerkt: Allen Menschen. Die Gnade Gottes ist also erschienen, denen, die in die Kirche kommen, gerade so wie all jenen, die nicht kommen wollen oder können. Die Gnade Gottes ist erschienen den Treuen wie den Untreuen, den Gläubigen und den Gottlosen. Die Gnade Gottes ist einer Mutter Theresa erschienen genau so wie einem Donald Trump. Dies zu begreifen und anzunehmen, wider alle menschliche Vernunft, das ist der größte Felsbrocken auf dem Weg nach Bethlehem.

Das Weihnachtsland hat keine Schlagbäume und keine Grenzzäune. Es ist offen für Jedermann und Jedefrau, die sich dahin aufmacht. „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“ Abgesehen davon, dass sie dieses Jahr sowieso am Ziel vorbei ginge, ist die große Publikumsbeschimpfung der Pfarrer an Weihnachten, die Klage, dass am 12. Sonntag nach Trinitatis eben viel, viel weniger in der Kirche sind, als nun gerade in der Christnacht, töricht und entspricht nicht der Botschaft der Bibel: „Es ist erschienen, die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“

Die Kirche hat nicht mehr sehr viel Aufmerksamkeit im öffentlichen Leben

Ist das aber nicht zu bequem, wenn man die Sache mit dem Glauben so sieht? Ein Gott, der die Sonne seiner Gnade scheinen lässt über Gerechte und Ungerechte, dem es also scheinbar egal ist, wie wir unser Leben gestalten, welche Geschichten wir unseren Kindern erzählen, welche Werte wir ihnen vermitteln? Das scheint ein ziemlich harmloser Gott zu sein. Harmlos, wie das Baby in der Krippe. Er stellt nicht viele Ansprüche, dieser Gott, der da Mensch geworden ist: Ein Stall langt ihm. Ein paar Hirten, einige Magier aus dem Osten, viel Resonanz hat er ja nicht gehabt. Manchmal denke ich, dass es seiner Botschaft und der Kirche, die sich auf ihn beruft, wohl ebenso geht. Sie hat nicht mehr sehr viel Aufmerksamkeit im öffentlichen Leben. Die Gnade, die allen Menschen erschienen ist, sie geht offenbar kaum mehr jemand etwas an.

Vielleicht, weil wir sie doch zu billig verkauft haben. Weil jede und jeder dieses arme Kind in der Krippe vor seinen Wagen spannen kann. Scientologen berufen sich auf ihn, wenn sie den Leuten ihr faschistoides Menschenbild für teures Geld verhökern, Sektierer gehen mit ihm auf Menschenfang. Selbst sein hölzernes Bildnis in den Schulzimmern und Amtsräumen wird hergenommen, um damit Wählerstimmen zu ködern. Es gibt nichts, wofür der Herr Christ nicht herhalten könnte. Und das ist ja auch klar: Schließlich ist seine Gnade ja allen Menschen erschienen.

Aber das wäre ein fataler Irrtum, wenn man diesen Satz so verstehen würde, als wäre es dem lieben Jesulein total wurscht, wie wir Menschen unser Leben gestalten. Denn am Ende bekäme ja dann doch auch der schlimmste aller Unholde die Gnade voll eingeschenkt. Wer so denkt, der macht aus dem Kind in der Krippe wirklich ein harmloses Baby und aus dem barmherzigen Gott einen Deppen, der treudoof alles verzeiht, was wir Menschen uns und dieser Welt gegenseitig antun.

Ins Weihnachtsland wird man nicht auf der Rolltreppe hineingefahren

Aber Gott ist nicht so. Und auch Weihnachten ist nicht so. Und so ist der Satz von der allumfassenden Gnade, die an Weihnachten erschienen ist, auch nicht gemeint. Das Weihnachtsland hat zwar offene Grenzen, aber man wird nicht in der Rolltreppe hineingefahren. Wir müssen uns schon selber bewegen. Und genau das will unser Predigttext heute Abend sagen. Er will uns in Bewegung bringen. Er will helfen, dass die Botschaft von der Gnade Gottes, die allen Menschen erschienen ist, nicht bloß eine Predigt bleibt, sondern zu leben beginnt bei uns, so wie Christus lebendig ist in den Herzen der Menschen, die an ihn glauben.

Gott wird Mensch, ein lebendiger Mensch. Das und nichts anderes, ist die Weihnachtsbotschaft. Und etwas, das lebendig ist, das kann man spüren, so wie ein Baby, das schon im Leib der Mutter strampelt. Etwas, das lebendig ist, das kann ich spüren. Genau dieser Gedanke, das ist der Schlüssel zu unserem Predigttext, der Schlüssel zum Geheimnis der Weihnacht, der Schlüssel zu allem, was mit dem Glauben zusammenhängt, überhaupt. Dass man es nämlich spüren muss, dass die Gnade Gottes, die unter allen Menschen erschienen ist, dass das mehr ist als nur ein paar Worte auf totes Papier gedruckt.

An Weihnachten wurde der Heiland der Welt geboren

Deshalb belässt es der Verfasser des Titusbriefes auch nicht allein dabei, dass er erzählt, wie die Gnade Gottes den Menschen erschienen ist. Er sagt ganz konkret, was das jetzt mit uns Menschen anstellen müsste, die Tatsache nämlich, dass an Weihnachten der Heiland der Welt geboren worden ist. Da ist von Zucht die Rede, von der Absage an alle weltlichen Begierden, von Frömmigkeit und Besonnenheit wird gepredigt. Und von einer Reinigung, einer großen Wäsche wird berichtet, die das ganze Volk erfassen soll.

Das klingt auf den ersten Blick so, als ob da einer den Leuten die Weihnachtsgans auf dem Teller missgönnte. So typisch Kirche: Alles, was Spaß macht, wird verboten. Aber vielleicht sollten wir auf die Worte des Titusbriefes ja nicht gleich durch die Moralbrille schauen.

Ich hab sie mir ein paar Mal durchgelesen, diese Begriffe: Zucht, Frömmigkeit, Erlösung. Und dann habe ich begriffen, dass wir um sie nicht herumkommen, wenn unsere Welt auch morgen noch eine Welt sein soll, auf der Leben möglich ist. Eine Reinigung. Die haben wir bitternötig. Ein Reinigung des ganzen Volkes, das ist mehr als ein paar Reformen, die ständig scheitern. Eine Reinigung des Volkes.

Eine Entschlackungskur für das ganze Volk

Eine Entschlackungskur, bei der alle lernen, mit weniger zurecht zu kommen und zwar nicht bloß und zuallererst die sozial Schwachen im Land, sondern wohl auch die, welche in den angeblich so schlechten Zeiten astronomische Gewinne einfahren. Es ist ein ungöttliches Wesen, dass, wenn es ans Sparen geht, man immer nur auf den anderen zeigt und nie auf sich selbst.

Das Weihnachtsland. Es besteht eben nicht bloß aus Räuchermännern und Lichterbögen. Da sind noch Menschen in diesem Land. Menschen, die von der Gnade Gottes so durchdrungen sind, dass sie das Ansinnen, die Güter dieser Welt gerecht zu teilen, nicht für gesetzlich oder menschenunmöglich erachten. Menschen, die nicht bloß dauernd jammern, sondern Gott bitten: Hilf Herr und fange bei mir an.

Die Weihnachtsgeschichte ist mehr als ein bloßes Märchen

Im Titusbrief steht, dass wir Christen nichts weniger als Gottes Eigentum seien. Das muss man uns ansehen. Und zwar nicht nur an den Weihnachtstagen, sondern das ganze Jahr, unser ganzes Leben lang. Vielleicht, nein ganz sicher, wenn unserer Kirche das gelänge, wenn uns es gelänge – denn wir alle sind doch die Kirche –, wenn es also uns allen gelänge, dass durch unser Reden und Tun die Menschen bemerkten: Die Weihnachtsgeschichte ist mehr als bloß ein frommes Märchen, dann würden sie kommen zu uns und den Frieden empfangen, den die Welt, in der sie leben, nicht geben kann.

Tanken wir also heute aus diesem Frieden der Heiligen Nacht genügend auf, damit es ausreicht, damit wir ihn weitergeben können, diesen Frieden, damit wir nicht stecken bleiben auf unserem Weg zu der Krippe, in der das Heil der ganzen Welt offenbar geworden ist. Amen.

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