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Wiedervereinigung

30.09.2019

Wie Jens Hase den Weg aus der DDR herausfand

Die letzten drei Worte von Bundesaußenminister Genscher, die er auf dem Balkon der Botschaft gesprochen hat, sind im Jubel untergegangen.
Bild: Gregor Fischer/dpa

Vor 30 Jahren suchten Tausende DDR-Bürger in der diplomatischen Vertretung der Bundesrepublik in Prag Zuflucht. Einer von ihnen war Jens Hase, der jetzt in Günzburg lebt.

Es war die „engste“ Verabschiedung seines Lebens – damals vor gut 30 Jahren in Eisenach. Jeden Tag hatte Elsa ihren Sohn umarmt, bevor er zur Schule und nach seiner Schulzeit dann zur Arbeit ins Wartburg-Werk ging. Es war eine Art Ritual im Hause Hase. Und eine zärtliche Geste, wie nahe sich die Familie stand, insbesondere die Mutter und ihr jüngster Sohn. Vater Peter nahm nicht Abschied, es hätte ihn wohl zuviel Kraft gekostet. Elsa Hase dagegen schon. Sie drückte Sohn Jens auf dem Bahnsteig so lange und so fest, wie sie es niemals zuvor getan hatte. Keiner der Beteiligten wusste in diesem Augenblick, ob sie sich jemals wiedersehen würden. Auch die Mutter stieg dann in den Zug, der sich bald ins Bewegung setzte. Der 19-jährige Jens Hase sah, wie die Rücklichter des letzten Waggons immer kleiner wurden und schließlich ganz verschwanden. Er hatte soeben seine Eltern verloren – vom Staat so gewollt.

Vor 30 Jahren hat Jens Hase eine dieser Treppenstufen als Schlafplatz benutzt (links). In der GZ-Redaktion hat er seine Geschichte erzählt.
Bild: Gregor Fischer/dpa

Die Eltern hatten einen Ausreiseantrag für die Familie gestellt. Sie wollten der DDR den Rücken kehren. Den Ausschlag hatte eine schwere Herzerkrankung des Vaters gegeben. Im Arbeiter- und Bauernstaat Erich Honeckers gab es keine entsprechenden Medikamente, die halfen, hatte den Hases ein Arzt mitgeteilt, dem sie vertrauten. Ohne eine entsprechende Behandlung taxierte der Mediziner die Überlebenszeit des Familienoberhaupts auf etwa ein Jahr. Der Vater war zum Zeitpunkt dieser Aussage bereits arbeitsunfähig.

Der Ausreiseantrag war innerhalb weniger Tage genehmigt

Viel schneller als erwartet bearbeitete die DDR-Bürokratie den Antrag. Innerhalb weniger Tage war er genehmigt. Denn ein Rentnerehepaar war ja nicht produktiv und kostete den Staat nur. Diese Überlegung war Antrieb des schnellen Handelns. Einer allerdings durfte nicht mit in die Bundesrepublik Deutschland: Sohn Jens. Den Eltern blieben nur 24 Stunden Zeit, ihre wichtigsten Sachen zu packen – und dem Sohn beizubringen, wem er wann und wie die Miete zu zahlen hatte und wie Wäsche gewaschen wird.

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Vor 30 Jahren hat Jens Hase eine dieser Treppenstufen als Schlafplatz benutzt (links). In der GZ-Redaktion hat er seine Geschichte erzählt.
Bild: Gregor Fischer/dpa

Als Hase wieder in das Haus am Rande der Stadt zurückgekehrt war, setzte er sich erst einmal und begann hemmungslos zu weinen. Da stand nicht mehr die ihm so vertraute Frau in ihrer Kittelschürze. Er blickte in Leere – und erste Fluchtgedanken schwirrten in seinem Kopf herum. „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt Hase, der in Günzburg lebt, im Rückblick.

Republikflucht – fürchterlicher konnte ein Verbrechen in der DDR kaum sein, wurde den Menschen eingetrichtert. Die Stasi begann sich für den jungen Mann zu interessieren. Im Betrieb holte der Meister den 19-Jährigen ins Büro zu einem Gespräch mit unbekannten Herren für Hase.

Mitarbeiter der Staatssicherheit versuchten, Jens Hase "umzudrehen"

Schnell wurde klar, was die Männer im Schilde führten. Sie sprachen von der DDR als einem tollen Staat und versprachen: „Wir kümmern uns um dich!“ Schließlich hatten das seine „Rabeneltern“ nicht getan. Sie waren einfach abgehauen und hatten ihren Sohn im Stich gelassen. Mit diesen Argumenten versuchten die Mitarbeiter der Staatssicherheit, Hase „umzudrehen“, lösten aber etwas ganz anderes aus: „Es hat mich wütend gemacht, dass so über meine Eltern gesprochen wurde.“

Der Entschluss, aus der Deutschen Demokratischen Republik zu fliehen, war inzwischen gereift. Jens Hase hatte über das Westfernsehen mitbekommen, wie DDR-Bürger über den geöffneten Grenzzaun von Ungarn nach Österreich gekommen sind.

Mittlerweile konnte man aber nur noch ohne Visum in die Tschechoslowakei einreisen. Und als die Tagesschau der ARD jeden Abend berichtete, dass Menschen aus der DDR in Prag über einen hohen Zaun kletterten, um auf das Botschaftsgelände der Bundesrepublik Deutschland zu gelangen, wollte Hase es ihnen gleichtun.

Am Vorabend vor dieser kühnen Tat hatte er fast ein Dutzend Mal seinen Rucksack ein- und wieder ausgepackt. Was sollte mit? Der junge Mann entschied sich fast ausschließlich für Kleidung. Fotoalben und andere Erinnerungen mussten zu Hause bleiben, um bei einer möglichen Gepäckkontrolle nicht Verdacht auf sich zu lenken.

Eltern hatten ihren Sohn mit Bargeld versorgt

Von den Eltern war er mit Bargeld versorgt worden, von dem er sich einen Zugfahrschein nach Prag kaufte. Einfache Strecke. Keine Rückfahrt. In Dresden musste der heute 49-Jährige umsteigen. Er hatte noch einmal Zeit, sich zu überlegen, ob er die Sache tatsächlich durchziehen wollte. „Ich bin auf dem Bahnsteig wie ein Tiger auf und abgegangen, habe gezittert am ganzen Körper.“

Aber schließlich nahm Jens Hase den Zug nach Prag, kam dort nachmittags nach einer elfstündigen Reise mit zum Teil entwürdigenden Kontrollen an. Und das, ohne zu wissen, wo sich die Botschaft befand. Navigationsgeräte, Smartphones – alles das gab es 1989 nicht.

Hase wollte, nachdem er stundenlang durch Prag geirrt war, schlafen, wieder zu Kräften kommen. Er fragte in einem Hotel nach. „East German or West German?“, wollte der Mann an der Rezeption wissen. „Ostdeutscher.“ Nach dieser Antwort waren alle Zimmer belegt.

Ein Taxifahrer, der leicht hätte in Schwierigkeiten kommen können, erbarmte sich schließlich, als er das Häuflein Elend vor ihm sah, das zur bundesdeutschen Botschaft wollte. „Bitte, bitte“, bettelte Hase und brach in Tränen aus. Er gab dem Mann sein Restgeld. Der Taxifahrer brachte ihn mitten in der Nacht zwar nicht direkt zur Botschaft. Aber in der Nähe musste sie sein, das war an der wachsenden Zahl der Trabis und Wartburgs, die am Straßenrand mit DDR-Kennzeichen geparkt waren, zu erkennen.

Direkt Halt vor der Botschaft gemacht

Jens Hase traf auf eine kleine Gruppe, die dasselbe vorhatte wie er: ein älterer Mann mit einem steifen Bein und zwei Jüngere. Zufällig stießen die „Republikflüchtlinge“ während einer kurzen Zigarettenpause auf die Botschaft. Sie hatten direkt davor Halt gemacht, was sie zunächst nicht bemerkt hatten. Allerdings wurden sie sehr wohl registriert – von tschechoslowakischen Polizisten und Stasi-Mitarbeitern. Die hielten sich in der Polizeiwache direkt gegenüber auf.

Zeltlager wurden errichtet, damit mehr als 4000 DDR-Flüchtlinge in der bundesdeutschen Botschaft in Prag 1989 Platz finden konnten.
Bild: Gregor Fischer/dpa

Die Polizisten hatten Maschinenpistolen dabei, als sie näher kamen und unüberhörbar „Stop!“ riefen. Aufhalten ließ sich Hase dadurch nicht. „Lauf um dein Leben“, dachte er bei sich, als er wegrannte. Und er fragte sich, „ob es weh tut, wenn ich jetzt sterbe“. Geschossen wurde nicht. Hase überwand den Zaun. Den ersten Satz, den er von einem hörte, der bereits Zuflucht gefunden hatte und auf der anderen Seite wartete, wird er nie vergessen: „Willkommen in Deutschland, willkommen in der Freiheit.“

Zelte mussten aufgebaut werden

Für knapp zwei Wochen wurde eine Treppenstufe im Botschaftsgebäude zum Schlafplatz Hases. Es waren unhaltbare hygienische Zustände, als immer mehr Menschen auf das Botschaftsgelände strömten. Längst passten sie nicht mehr in das Gebäude. Zelte wurden im Garten der Botschaft aufgeschlagen, den der Septemberregen in eine Schlammwüste verwandelte. Am 30. September 1989 schließlich traf Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher nach intensiven Verhandlungen mit der DDR in der Prager Botschaft der Bundesrepublik ein und sprach den wohl berühmtesten Halbsatz der deutschen Geschichte: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ – der Rest ging im Jubel der Menschen unter.

Wenige Tage später konnte Jens Hase seine Eltern in die Arme schließen. In Niederraunau im Kreis Günzburg hatten sie eine neue Heimat gefunden. Sein herzkranker Vater lebte noch 28 Jahre.

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