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Denkmalpreis (Serie – 6)

21.05.2012

Zwei Kirchen, ein Name

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Das nach der Renovierung im Jahr 1981 in tristem Grau gehaltene Deckenfresko von 1928 wurde ebenfalls vom Ruß befreit, stabilisiert und nach dem mutmaßlichen Farbgeschmack der 1920er Jahre farbig gestaltet.

Die Katholische Kirche auf dem Gelände des Bezirkskrankenhauses hat zwei Vergangenheiten. Ihr Inneres wurde nach einer Brandstiftung aufwendig saniert

Günzburg Die Geschichte der katholischen Kirche „Sieben Schmerzen Mariä“ reicht viel weiter in die Vergangenheit zurück, als es ihr Erbauungszeitraum von 1914 bis 1928 vermuten lässt. Denn der namensgebende Vorläufer der heutigen Kirche auf dem Gelände des Bezirkskrankenhaus Günzburg wurde bereits 1760 an der Reisensburger Straße an jener Stelle errichtet, wo noch heute das ehemalige Pförtnerhaus des BKH steht.

Damals ließ der Günzburger Stadtpfarrer Leonhard Boeck aus dem Baumaterial einer ganz in der Nähe abgebrochenen Kirche eine Kapelle errichten, in die er das Bildnis einer sitzenden, schmerzhaften Muttergottes stellte. Dieses Gnadenbild wurde zu einer wichtigen lokalen Wallfahrtsstelle und bald namensgebend für den Titel der Kirche „Sieben Schmerzen Mariä“.

Doch der Bau unter Leitung von Jeremias Bacher war allem Anschein nach nicht besonders sorgfältig ausgeführt worden. Denn bereits drei Jahre später berichtete der Münzmeister Schöbl an die Hofkammer in Wien – Günzburg war damals noch österreichisch –, dass die Kirche baufällig sei und bat um Geld. Schöbl wurde mit dem Hinweis abgewiesen, dass er sich nicht um Dinge zu kümmern habe, für die er nicht zuständig sei.

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Keine dreißig Jahre später wurde die Wallfahrtskirche abgebrochen. Der Sakralbau war 1788 unter die Säkularisierungsanweisungen Kaiser Josephs II. gefallen und an zwei Tagen im Juni auf Abbruch versteigert worden. Die Ausstattung erwarben größtenteils andere Kirchenstiftungen.

Erst 1980 wurde die Tradition des Platzes wieder aufgenommen, als die katholische Anstaltskirche des BKH als neues Patrozinium und Titel wieder den Namen „Sieben Schmerzen Mariä“ führte. Diese zweite Kirche nun war von Baubeginn an eng mit der Geschichte des Bezirkskrankenhauses verwoben, das ab 1911 als „Heil- und Pflegeanstalt des Bezirks Schwaben und Neuburg“ am Stadtrand von Günzburg errichtet wurde.

Zwar war die Katholische Kirche von Anfang an mit vorgesehen und geplant worden, doch ihre Bauzeit zog sich aus verschiedenen Gründen in die Länge. Zum einen verzögerte sich ihre Fertigstellung, weil nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges und in der darauf folgenden Notzeit Mittel und Materialien knapp geworden waren. Zum anderen kamen noch vor Vollendung der Ausstattung Änderungswünsche hinsichtlich der Farbigkeit auf, weil man sich in den zwanziger Jahren zunehmend von historisierenden Stiltendenzen abwand. So beklagte sich etwa Professor Alois Müller aus München darüber, dass die Fassung der Altäre „nicht zu dem vom Architekten des Baus durch die Fassung der Empore und der Orgel angeschlagenen Farbakkord Weiß-Braun-Blau“ passe.

Zudem wurden seit den dreißiger Jahren bis in die sechziger Jahre Vereinfachungen an der 1928 fertiggestellten Kirche gefordert – nicht nur aus Gründen der Sparsamkeit, sondern auch, weil man sich mittlerweile am Stil der „Neuen Sachlichkeit“ orientierte. So wurden bei der Restaurierung 1965 die Altaraufbauten bis auf die Figuren entfernt, nur um bei erneuten Herstellungsarbeiten im Jahr 1981 wieder aufgestellt zu werden.

Mit sehr viel mehr Feingefühl erfolgten indes die Neugestaltung des Altarraums und die Sanierung der Raumschale, die von 2009 bis 2010 im Auftrag des Bezirkskrankenhauses durchgeführt wurden.

Der Sanierung war ein Feuer vorausgegangen, das mutwillig auf dem Volksaltar im Chorraum gelegt worden war. Dabei waren der Volksaltar und sakrale Gegenstände wie das Tabernakelkreuz und zahlreiche Leuchter aus Holz stark beschädigt oder komplett zerstört worden. Zudem war durch den Brand das gesamte Innere der Kirche mit einer feinen, klebrigen Rußschicht überzogen worden.

Die Verantwortlichen des Bezirkskrankenhauses beließen es nicht bei einer einfachen Grundreinigung und einem billigen Ersatz der zerstörten Gegenstände, sondern entschlossen sich gemeinsam mit dem Günzburger Kirchenmaler und Restaurator Richard Rau zu einer umfassenden, aufwendigen und kostspieligen Renovierung sowie Neugestaltung des gesamten Kircheninneren. Abgestimmt waren die vielfältigen Arbeiten, die von September 2009 bis August 2010 andauerten, mit der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Günzburg, dem Landesamt für Denkmalpflege und dem Kunstreferenten der Diözese Augsburg.

Im Zuge der Sanierung wurden die Wände vom Ruß befreit und in einem hellen, warmen Ton neu gestrichen. Gereinigt wurden ferner die Orgel, die Stuckornamente, Altäre, Kanzel, Emporenbrüstung und Kirchenbänke. Das nach der Renovierung im Jahr 1981 in tristem Grau gehaltene Deckenfresko von 1928 wurde ebenfalls vom Ruß befreit, stabilisiert und nach dem mutmaßlichen Farbgeschmack der 1920er Jahre farbig gestaltet. Die verkohlten und komplett zerstörten Leuchter wurden anhand alter Fotos mit hohem handwerklichen Aufwand renoviert und neu gefertigt. „Dabei erwies es sich als ausgesprochen schwierig, einen Handwerker mit den entsprechenden Fertigkeiten zu finden und für die aufwendigen Arbeiten zu gewinnen“, erinnert sich Gabriela Karnowski-Bachofer von der Unteren Denkmalschutzbehörde.

Da der alte Volksaltar bei dem Brand komplett zerstört worden war, wurden Altar, Ambo und Osterleuchter im Chorraum der kleinen Kirche von Richard Rau aus Glas und Sandstein neu geschaffen. Die dicken Glasscheiben und der aus dem Fränkischen stammende Stein schimmern leicht grünlich und harmonieren so mit dem satten Grün von Hochaltar, Seitenaltar und Kanzel. „Durch die Sanierungsarbeiten gelang es, dem Kircheninnern wieder das mutmaßliche farbenprächtige Aussehen der 1920er Jahre zu geben“, betont Gabriela Karnowski-Bachofer. „Außerdem haben es die Beteiligten geschafft, alte und neue Elemente zu einem harmonischen und ansprechenden, zugleich dezenten Ganzen zusammenzufügen.“

Als kleine Auffälligkeit ist nach längeren Beratungen lediglich die sogenannte „Beamtenloge“ für den Direktor des BKH erhalten geblieben, obwohl ihr Äußeres nicht mehr ganz in den modern gestalteten Chorraum passt. „Die Loge ist historisch gesehen ein Teil der Kirche und darüber hinaus ein amüsantes Detail, das die ehemals herausgehobene Bedeutung des BKH-Chefs verdeutlicht“, erklärt die Denkmalschützerin im Rathaus. Die Beamtenloge hatte einen eigenen Zugang von außen, sodass der Direktor die Kirche nicht mit dem „gemeinen Volk“ betreten musste, sondern den Gottesdiensten in einem eigenen Raum beiwohnen konnte.

„Die tagsüber geöffnete Kirche ist eine architektonische und kunsthistorische Besonderheit, man könnte auch sagen: ein kleines Juwel unter den Günzburger Kirchen. Ein Besuch des Gotteshauses lohnt sich also für Gläubige und Kunstinteressierte gleichermaßen“, stellte Juror Walter Kaiser lobend fest. (zg)

In unserer nächsten Folge stellen wir das Objekt „Institutsstraße 2“ in Günzburg vor, das Petra und Ulli Raisch generalsaniert haben.

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