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Illerzell

22.03.2020

Als die Coronakrise ausbrach, war er auf dem Kilimandscharo

Glücklich, zufrieden und ohne eine Ahnung von der abenteuerlichen Heimreise: Michael Lämmle auf dem Kilimandscharo.
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Glücklich, zufrieden und ohne eine Ahnung von der abenteuerlichen Heimreise: Michael Lämmle auf dem Kilimandscharo.
Bild: Michael Lämmle

Plus Michael Lämmle aus Illerzell ist auf Weltreise, als er von der Coronakrise erfährt. Abgesagte Flüge, Grenzen zu: Der Heimweg des 24-Jährigen ist abenteuerlich.

Als in Deutschland das öffentliche Leben nach und nach abebbte, Veranstaltungen abgesagt und die Grenzen geschlossen wurden, war Michael Lämmle auf dem Kilimandscharo. Eine Woche lang machte der 24-Jährige aus Illerzell eine Tour zu dem beeindruckenden Gipfel, der mit 5895 Metern das höchste Bergmassiv in Afrika stellt. „Congratulations – Glückwunsch“: Auf einem Foto posiert er glücklich vor dem Schild, das den höchsten Punkt markiert.

Traum von der Weltreise: Dafür kündigt er den Job und verkauft sein Auto

Lämmle befand sich mitten in seiner Weltreise. Der 24-Jährige hatte dafür seinen Job als Bankkaufmann bei der Sparkasse gekündigt und sein Auto verkauft. Nach dem Ende seines BWL-Studiums am Wochenende, zusätzlich zu seiner Arbeit, erschien ihm der Zeitpunkt perfekt. Aufgebrochen im Dezember hatte er zunächst Namibia bereist. Weiter ging es mit Südafrika und Mosambik. Er hatte keine Route geplant, beschloss aber vorläufig, Südostasien zu umgehen, wegen der Corona-Ausbreitung in China.

Zurück in der Zivilisation erreichen ihn Nachrichten von leergeräumten Toilettenpapier-Regalen

Als er am Freitag, 13. März, wieder vom Kilimandscharo zurück in die Zivilisation kam, checkte er die Nachrichten. Bereits zu diesem Zeitpunkt bahnte sich die Verbreitung von Covid-19 in Europa an. Lämmle sah auf Facebook Fotos von leer geräumten Toilettenpapier-Regalen. Doch der Illerzeller ließ sich zunächst nicht aus der Ruhe bringen. „Ich habe gedacht, das ist Deutschland. Deutschland wird das schon in den Griff kriegen“, erzählt Lämmle im Telefongespräch mit unserer Redaktion.

Als die Coronakrise ausbrach, war er auf dem Kilimandscharo

In Tansania gab es noch keinen bestätigten Coronafall und keine Einschränkungen. Trotzdem wurde bereits vor drei Wochen an Flughäfen Fieber gemessen und Reisende hatten die Pflicht, nach Verlassen eines Flugzeuges und vor Betreten des Gebäudes die Hände zu waschen. Auch vor manchen Supermärkten gab es eine Händewasch-Pflicht. Lämmle sagt: „Die Afrikaner haben aus der Ebola-Krise viel gelernt und nutzen dieses Wissen, um eine Ausbreitung zu verhindern.“

Plötzlich meldet sich sein Vater am Telefon: Der Urlauber soll heimkommen

Die folgende Entwicklung und die enormen Auswirkungen wären für Lämmle trotzdem nicht absehbar gewesen. So entschied sich der Illerzeller, seine Reise fortzusetzen. Der nächste Ausflug: eine Safari im Serengeti-Nationalpark. Doch ein Anruf von seinem Vater durchbrach Lämmles Reise und die bis dahin vorherrschende Sorglosigkeit. „Er hat gesagt, ich soll heimkommen“, sagt der 24-Jährige.

Es folgten zwei Mails der deutschen Botschaft, einmal mit der Empfehlung, Tansania möglichst bald zu verlassen, dann verschärft mit dem Hinweis, sich umgehend mit den Fluggesellschaften in Verbindung zu setzen, da mit hoher Wahrscheinlichkeit bald die Grenzen geschlossen werden könnten.

Deutschland holt Urlauber zurück - aber nicht aus Tansania

Tansania gehört nicht zu den Ländern, in denen Rückholaktionen für Deutsche geplant sind, das heißt: Die Reisenden mussten und müssen noch immer auf eigene Faust zurück nach Deutschland, sonst stecken sie fest. Zu Informationszwecken lud sich Lämmle einen Corona-Ticker auf sein Handy. Doch die minütlichen Updates mit Einreisestopps und geschlossenen Grenzen schockierten den 24-Jährigen. Er löschte die App wieder und besorgte sich sofort einen Flug von Daressalam in Tansania nach München. Dieser wurde kurz darauf storniert und die Strecke komplett gestrichen. Nun brach Angst bei ihm und seiner Familie aus. Seine Eltern riefen im Auswärtigen Amt an und fragten, wie ihr Sohn nach Hause kommen könnte. Sie erhielten die Antwort, Touristen müssten sich selbst um ihre Rückreise kümmern, das Auswärtige Amt wäre kein Reisebüro.

Sein Gedanke: "Ich will einfach heim ins schöne Bayern!"

Lämmle fand mit Glück einen alternativen Flug am Mittwochmorgen um 6.30 Uhr. Bei seiner Safari hatte er drei Engländer getroffen, die zurück nach London flogen. Er schloss sich an. „Ich wollte einfach den erstbesten Flug nach Europa“, erzählt Lämmle, „und hab den letzten Platz im Flieger bekommen“. Dafür zahlte er einen deutlich höheren Preis, doch das war ihm egal: Hauptsache zurück nach Deutschland. In einer Nachricht schrieb er an unsere Zeitung: „Ich will einfach heim ins schöne Bayern!“

Kontrollen am Flughafen in Tansania: Rechts wird Fieber gemessen, links gibt es eine Station zum Händewaschen.
Bild: Michael Lämmle

Der Tag vor der Abreise war laut Lämmle der schlimmste. „Das war einfach der Horror, ich hab kaum geschlafen“, erinnert sich der Illerzeller. „Ich hatte wirklich Angst, dass etwas nicht klappt und ich in Afrika festsitze.“ Bei den vielen Zwischenstationen des Flugs keine Unmöglichkeit: Vom Kilimanjaro Airport aus nach Sansibar, von dort nach Daressalam, anschließend nach Addis Abeba in Äthiopien, danach nach London und von dort aus schließlich nach Stuttgart. Insgesamt 35 Stunden.

Der Flughafen in Stuttgart war wie ausgestorben

Doch es klappte. Von überfüllten Flughäfen mit hektischen Heimkehrern in Addis Abeba, dem Drehkreuz von Südafrika, über London erreichte er schließlich Stuttgart. Außerhalb von Afrika, erzählt er, gab es keine Kontrollen oder Fiebermessungen an den Zwischenstopps. Einmal wurde er gefragt, ob es ihm gut gehe. Mit ihm saßen etwa 30 Passagiere im Flugzeug nach Stuttgart. Als er landete, war der Flughafen wie ausgestorben. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Lämmle.

Seine Erleichterung über die erfolgreiche Heimreise ist groß. Auch Lämmles Familie sei überglücklich, sie habe während seiner gesamten abenteuerlichen Heimreise mitgefiebert. Die Situation in Deutschland empfindet er als surreal. „So schönes Wetter, draußen zwitschern die Vögel“, sagt der Illerzeller. Und trotzdem eine große Krise. Da sei das Beenden seiner Reise das kleinste Problem.

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