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Illertissen

08.04.2021

Bayern sichert sich Sputnik-Impfstoff: Was heißt das für den Kreis Neu-Ulm?

Der Firmensitz von R-Pharm Germany in Illertissen ist durch einen Zaun geschützt. Der Mutterkonzern produziert den Impfstoff Sputnik V.
Foto: Stefan Puchner, dpa

Plus Der Freistaat Bayern sichert sich überraschend Sputnik-Impfstoff bei R-Pharm in Illertissen. Was bedeutet das für die fehlenden Genehmigungen und den Standort?

Wann bei R-Pharm in Illertissen die Impfstoff-Produktion starten kann, ist zwar noch offen. Nichtsdestotrotz hat sich der Freistaat Bayern schon jetzt ein erstes Kontingent des russischen Vakzins Sputnik V gesichert, obwohl die Prüfung durch die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) noch aussteht. Bis zu 2,5 Millionen Dosen erhoffen sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und sein Gesundheitsminister Klaus Holetschek (beide CSU) durch eine am Mittwoch im Werk in der Vöhlinstadt unterzeichnete "Absichtserklärung". Dass sich der Freistaat damit vorbei an der EU sowie der Bundesregierung Impfstoff beschaffen will, sorgt im Neu-Ulmer Landratsamt für gewisse Verwunderung. Gleichzeitig steigt die Erwartungshaltung - nicht nur gegenüber der Behörde.

Neu-Ulms Landrat Thorsten Freudenberger (ebenfalls CSU) hatte von den Impfstoff-Plänen seiner Parteikollegen erst am Bildschirm über die Pressekonferenz nach der Kabinettssitzung erfahren. Weil er sich derzeit im Osterurlaub befindet, wollte er sich dazu nicht äußern und verwies an seinen diensthabenden Stellvertreter Franz-Clemens Brechtel. Der erklärte, dass das Landratsamt für die Impfstoff-Beschaffung nicht zuständig sei. Das ist "normalerweise Aufgabe des Bundes". Wie kommt es aber, dass dann jetzt der Freistaat selbst tätig wird? Bislang sei es ja offensichtlich ein "europäisches Problem" gewesen, das "nicht so gut funktioniert hat", meint Brechtel. "Vielleicht hat man daraus gelernt."

Dass aber Impfstoff weiterhin fehlt, das erfahre man tagtäglich auch im hiesigen Landkreis. Die Kapazitäten der drei Impfzentren in Neu-Ulm, Weißenhorn und Illertissen seien über die Osterfeiertage noch einmal hochgefahren worden. "Wir könnten das doppelte verarbeiten. Wir sind bestens vorbereitet", sagt Brechtel. Doch es fehle an den Mitteln.

Impfstoff-Produktion: Behörde will "möglichst schnell zu Potte kommen"

Wenn also in Illertissen Impfstoff hergestellt werden könnte, ist das "für uns und für den Landkreis eine wichtige Angelegenheit", so der Stellvertreter des Landrats. Zumal der Standort an der Iller mit seinen rund 350 Beschäftigten nach zuletzt wegbrechenden Aufträgen dadurch gefestigt werden könnte. Das betonte auch erneut Tobias Schrall: "Das wäre super, wenn das alles mit der Zulassung klappt", so der Vertreter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. "Mit ein Grund, dass wir möglichst schnell zu Potte kommen", sagt Brechtel. Allerdings - das macht der Landrats-Vize deutlich - brauche es hierzu auch die Zuarbeit seitens des Pharma-Konzerns.

Wie bereits berichtet, investiert R-Pharm nach eigenen Angaben rund 30 Millionen Euro in das frühere Werk des US-Konzerns Pfizer. In bereits bestehenden Hallen werden seit Ende des vergangenen Jahres die Anlagen für die Impfstoff-Produktion errichtet. Entsprechende behördlichen Genehmigungen aber lagen bis zuletzt nicht vor, was dem Vernehmen nach auch beim Besuch des bayerischen Gesundheitsministers in Illertissen vor gut drei Wochen thematisiert wurde. Dass der Freistaat, wie jetzt bekannt wurde, quasi im Alleingang Sputnik-Dosen abgreifen möchte, soll damals nach Informationen unserer Redaktion noch nicht besprochen worden sein.

Wie geht es nach dem Baustopp in Illertissen bei R-Pharm weiter?

Wohl wollten sich die russischen Vertreter des Pharmakonzerns R-Pharm zunutze machen, dass in Deutschland und Europa Impfstoff weiterhin Mangelware ist und die Kritik an den politischen Entscheidern hierzulande wächst. Da wurde im Kampf gegen die Pandemie mehr Mut und weniger Bürokratie gefordert. Geht es nach dem R-Pharm-Manager Alexander Bykow könnte man in Illertissen von Juni oder Juli an starten.

Nach einem "freiwilligen Baustopp" seitens des Unternehmens wurde mittlerweile eine Teilgenehmigung für die Impfstoff-Produktion im kleineren Umfang, dem sogenannten "Technikummaßstab", erteilt. Ein Brandschutzkonzept fehlt aber weiterhin. Auch das immissionsschutzrechtliche Verfahren, das bis zu sieben Monate dauern kann, steht noch aus. Hier befinde man sich noch "in den Anfängen", so die zuständige Sachbearbeiterin vor gut einer Woche. Daran habe sich zwischenzeitlich aber nichts geändert. Um den Prozess der fehlenden Genehmigungen voranzutreiben, wurde eine Task-Force gegründet, die wöchentlich zusammenkommt. Brechtel macht klar: "Wir sind ein Rechtsstaat und halten uns an die Gesetze. Aber natürlich werde alle Ärmel hochkrempelt, um das so schnell wie möglich auf die Reihe zu bekommen."

Lesen Sie dazu den Kommentar: Die Illertisser Firma R-Pharm und der Schwarze Peter

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