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Illertissen

22.08.2019

Baywa-Areal in Illertissen: Wie fängt man eine Zauneidechse?

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Auf den ehemaligen Baywa-Areal in Illertissen soll das größte neue Wohngebiet der Stadt entstehen. Doch kleine Tierchen bringen die Pläne in Verzug: Zauneidechsen. Sie sind gesetzlich geschützt und müssen eingefangen werden.
Bild: Stefan Böhm

Plus Bevor das Baywa-Gelände in Illertissen bebaut werden kann, müssen dort Eidechsen eingefangen werden. So will es das Gesetz. Doch das ist keine leichte Aufgabe.

Es sind kuriose Anblicke, die sich Passanten derzeit auf dem ehemaligen Baywa-Gelände in Illertissen bieten: Ein Mann kniet im Gras, sein Blick ist fest auf den Boden geheftet. Seine linke Hand streicht sanft über die Halme, die Rechte hält einen großen Schwamm bereit. Der muss im Ernstfall blitzschnell niedersausen. Nur eine Millisekunde zu spät und die Beute entwischt. Dann verschwindet sie auf Nimmerwiedersehen im Untergrund. Denn Zauneidechsen sind flink. Unglaublich flink.

Das weiß Biologe Stefan Böhm nur zu gut: Seit mehreren Jahren sucht und fängt er die scheuen Tiere im Auftrag eines Städteplanungsbüros aus Lindau – überall im Allgäu, in Oberschwaben und auch hier in der Region. Und das zum Schutz der Tiere. So will es das Gesetz: Wenn der Lebensraum der Eidechsen zu Bauland werden soll, so wie das vielerorts geschieht, müssen die Tiere umgesiedelt werden. In diesen Tagen ist Böhm auf dem ehemaligen Baywa-Areal in Illertissen unterwegs. Dort soll, wie berichtet, in den kommenden Jahren das größte neue Wohngebiet der Vöhlinstadt entstehen. Bis zu 1000 Menschen werden dort einmal eine Heimat finden. Zuvor müssen die Eidechsen ihre jetzige aufgeben.

Stephan Böhm

Dass die Tiere auf dem Gelände entdeckt wurden, kam den Planern in die Quere. Ansonsten wäre der Bebauungsplan wohl längst fertig, sagt Hochbauamtsleiter Florian Schilling. Er betont, dass der Artenschutz wichtig sei und sich Städte und Gemeinden tunlichst an die gesetzlichen Vorgaben halten sollten. Aber die Situation des Baywa-Areals zeige auch, dass den Baubemühungen der Kommunen gegen die allgegenwärtige Wohnungsnot derzeit viele Regeln und Richtlinien entgegenstehen. Dass der Tierschutz einiges „Konfliktpotenzial“ mit sich bringt, weiß auch Biologe Böhm. „Aber es führt kein Weg daran vorbei.“ Die Bestimmungen seien „streng und knüppelhart“. Wer etwa aus Versehen im heimischen Garten eine Eidechse mit dem Rasenmäher erwische, mache sich eigentlich strafbar, sagt Böhm. Dabei seien die Eidechsen in Süddeutschland gar nicht mal allzu selten. Noch nicht. Anders sieht das aber in anderen Teilen Europas aus – und weil es sich bei dem Schutz um ein europäisches Recht handelt, gilt es auch in der Region. Seit 2010 ist der Artenschutz im Gesetz verankert. Zuvor sei man bei Bauvorhaben oft „wenig sensibel“ vorgegangen, sagt Böhm.

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Baywa-Areal Illertissen: Eigentlich keine gute Heimat für Eidechsen

Dabei leben die Eidechsen gar nicht gerne auf dem ehemaligen Baywa-Gelände. Dort gebe es Bäume, die große Schatten werfen, mehrere Bodenflächen seien gepflastert. „Das ist suboptimal“, urteilt Böhm. Viel lieber hielten sich die Eidechsen zwischen den Kieselsteinen der nahen Bahngleise auf. Dort haben sie ihre Heimat, wuseln aber eben auch in der Nachbarschaft umher. Bevor die Bagger anrollen, müssen die Tiere an einen anderen Ort umgesiedelt werden. Doch dafür muss man sie erst einmal einfangen. Keine leichte Aufgabe, sagt Böhm und lacht.

Da gilt: Genau hinschauen – und Geduld haben.

Zuallererst brauche man gute Augen – um rasche Bewegungen im Gras wahrzunehmen. „Aber das ist Übungssache“, sagt der Biologe. Der Fänger braucht vor allem Geduld. Er muss das Areal Schritt für Schritt langsam abgehen, gebückt, den Blick vor sich. „Es gibt viele Verstecke.“ Ohne das nötige Fachwissen wird die „Jagd“ nicht von Erfolg gekrönt sein. Zum Beispiel, wenn es um den richtigen Zeitpunkt geht. Der ist frühmorgens, wenn die Sonne noch nicht so kräftig scheint. Dann seien die Eidechsen von der Nacht kalt, langsam und unbeweglich. Danach habe man oft keine Chance mehr, weiß Böhm. „Dann sind sie unheimlich schnell.“

Verlieren Eidechsen schnell ihren Schwanz?

Fangen ließen sich die Eidechsen mit sogenannten Bodenfallen, also in den Boden eingegrabenen Joghurtbechern. „Man hofft dann, dass sie reinpurzeln, und muss einmal am Tag nachschauen“, erklärt Böhm. Weil er die Tiere jedoch direkt haschen will, verwendet der Biologe einen großen Schwamm. Mit dem könnten die Eidechsen am Boden festgehalten werden, ohne sie zu verletzen. Dass sie dabei ihren Schwanz verlören, sei ein Mythos, so Böhm. „Bei einer zärtlichen Berührung passiert das nicht.“ Doch bis es zu der kommt, kann es dauern: Zum vierten Mal ist Böhm bereits auf dem Baywa-Areal unterwegs. Fangen konnte er bislang drei der scheuen Tiere.

War da eine? Biologe Böhm schaut genau nach.
Bild: Stephan Böhm

Wie viele Eidechsen dort erhascht werden müssen, ist unklar. Weil sich die gesamte Population nur schwerlich zählen lässt, rechnen Wissenschaftler den Bestand anhand von Richtwerten hoch, erklärt Böhm. 24 sollen es auf dem Baywa-Gelände sein. Ob das zutrifft, sei fraglich. In Fachkreisen gebe es verschiedene Berechnungsmöglichkeiten. Fakt sei aber: Es dürfen keine Tiere zurückbleiben.

Die sicherste Methode: Sobald ein Areal sorgsam durchkämmt (und eidechsenfrei) ist, wird außen herum ein Zaun aufgebaut. Einer, der in die Erde reicht, damit sich die Tiere nicht darunter hindurchgraben können. Schritt für Schritt könnten so auch große Gebiete eidechsenfrei werden. Bis das auf dem fraglichen Gebiet so weit ist, dürfte es dauern, vielleicht bis ins kommende Jahr hinein. Böhm muss Illertissen wohl noch mehrere Besuche abstatten. „Alle Tiere an einem Tag zu fangen, das ist schlichtweg unmöglich.“ (Lesen Sie dazu auch: Wohnungsnot in Illertissen: Städteplaner in der Zwickmühle )

Zauneidechsen ziehen vom Baywa-Areal nach Tiefenbach um

Eine Alternative zur Umsiedlung wäre, die Tiere durch Plastikfolien auf dem Boden zu vergrämen. Das geht aber nur, wenn der neue Lebensraum gleich nebenan liegt. Im Illertisser Fall befindet sich der aber im Wald bei Tiefenbach. Dort sollen es sich die Eidechsen künftig zwischen Totholz und Steinhaufen gemütlich machen. „Sie einfach nur absetzen, geht aber nicht“, sagt Böhm. Ob die Tiere ihre neue Heimat annehmen, muss die Stadt überwachen lassen. Mindestens drei Jahre lang soll ein Gutachter den Bestand im Blick haben. Nicht, dass der abwandert. Etwa, „weil die Eidechsen das blöd finden, was der Menschen ihnen gebaut hat.“

Bevor diese Frage aber gestellt werden kann, wird der Biologe wohl noch einige Male auf dem Baywa-Areal zu sehen sein. Gebückt, die Augen fest auf den Boden gerichtet, in der Hand den großen Schwamm.

Zauneidechsen sind nicht nur in Illertissen ein Thema: Zauneidechsen in Senden ziehen in neues Biotop um

Ein ganz anderes tierisches Problem beschäftigt Illertissen genauso - der Buchbaumzünsler:

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