Solistenkonzert

30.05.2011

Der ganz große Atem

Albrecht Mayer im Kolleg: ein ganz großer Barockabend.
Bild: Foto: ch

Der Oboist Albrecht Mayer und sein Barockensemble im Kolleg

Illertissen Dass der gefeierte Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker, Albrecht Mayer, nach Konzerten in Madrid, Toulouse und Salzburg direkt nach Illertissen gefunden habe, fand Veranstalter Friedrich Unglert erfreulich. Und Mayer ergänzte scherzhaft, das sei „ein ganz natürlicher Weg“ gewesen, was den ersten – und nicht den letzten – Lacher beim erwartungsvoll gestimmten Publikum in der voll besetzten Kollegsaula auslöste.

Unmittelbar danach erhob die wunderbar einfühlsam geblasene Oboe beim Largo aus den „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi ihre Stimme: Als getragene Weise, quasi bei wärmendem Ofen zu singen, während es draußen – durch das Pizzicato der Streicher angedeutet – heftig schneit. Mayers blutvoll-glutvolles Spiel erfasst alles Klangliche aus innerem Impuls. So ist für ihn der große Bach, dem er unermüdlich huldigt, in erster Linie der geborene Musikant. Da ist nichts mehr von einer lange Zeit ernsthaft und mit Leidenschaft verteidigten Interpretation im Sinne der „Terrassendynamik“, die jegliches Crescendo bewusst aussparte. Ganz im Gegenteil: Hymnischer Schwung, oft tänzerisch bewegt, durch unterschiedliche Phrasierungen, wechselnde Tongebung und variables Vibrato erzeugter Farbreichtum lässt ein unentwegt lebendiges, mitreißendes Musizieren entstehen.

Eine Sternstunde

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Mayer hat den großen Atem für schier endlose melodische Wendungen, was er den Zuhörern durch Erläuterung und Demonstration der Zirkular- oder Permanent-Atmung verdeutlicht. Lange Phrasen können dadurch zusammengefasst und vereinheitlicht werden, wobei eine Fülle von Verzierungen – ein Charakteristikum barocker Musik – als zusätzliches Dekor eingeschlossen ist. Die wirken im Übrigen nie aufgesetzt, weil aus dem Geist des Werkes empfunden. Mayer erklärt, dass die Zeitgenossen Bachs das schon mit ihren vergleichsweise primitiven Instrumenten beherrscht haben müssen. „Sonst hätten sie es gar nicht spielen können“, sagt er.

Sein eigenes Programm mit Bach-Werken bildete ein Konzentrat aus verschiedenen Kirchenkantaten, in denen die Oboe solistisch oder als konzertierendes Instrument, wie im Barock üblich, eingesetzt ist. Das Concerto für Oboe d’amore im zweiten Programmteil fußt auf Sinfonia und Arien aus der Kantate „Non sa che sia dolore“, in der die Solostimme im Original der Querflöte anvertraut ist. Außer Programm erklang, in wunderbarer Wellenbewegung des Themenzuspiels zwischen Oboe und Solovioline, die Sinfonia aus der Kantate „Ich steh’ mit einem Fuß im Grabe.“

Geist- und Temperament sprühend wie Mayer selbst, agierte auch das von ihm gegründete, aus einem Guss musizierende Ensemble New Seasens mit Matan Dagan und Susanne Schütz, Violinen, Donata Böcking, Viola, Mara Miribung. Cello, Tobias Lampelzammer. Kontrabass und Beni Araki, Cembalo. Als Köstlichkeiten aus dem unerschöpflichen Schatz Vivaldischer Concerti tischte es zwei Beispiele auf, wobei sich das zweite mit der zwischen Dur und Moll changierenden Ciaccona als besonders reizvoll erwies.

Als Solistin beeindruckte Beni Araki mit einer Sonate von Carl Philipp Emanuel Bach auf dem vom Freundeskreis für Kirchenmusik in St. Martin zur Verfügung gestellten Cembalo. Auf entzückende Weise gelang ihr, die klangliche Auffächerung des filigranen Gewebes mit perlenden Verzierungen durch feinnerviges Gespür auszuloten.

Variationen über die berühmte Trauer-Arie aus Händels „Rinaldo“ und das geniale Trio Bachs über den Choral „Ich ruf’ zu dir, Herr Jesu Christ“ aus dem „Orgelbüchlein“ endeten eine Sternstunde.

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