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Landkreis Neu-Ulm

17.02.2018

Gibt es illegale Prostitution auch auf dem Land?

Wegen verbotener Prostitution hat sich eine 32-jährige Rumänin vor dem Neu-Ulmer Amtsgericht verantworten müssen. Die Frau hatte sich mit ihren Freiern auf einem Parkplatz in Neu-Ulm getroffen. Wie ihr ergeht es möglicherweise mehreren Frauen in der Region. Darauf deutet manches hin.
Bild: Alexander Kaya

Eine Rumänin sucht in Deutschland einen Job, um ihre Kinder zu unterstützen. Dann rutscht sie ins Milieu ab. Ihr Schicksal ist wohl kein Einzelfall.

Irgendwann kann die Angeklagte die Tränen nicht mehr zurückhalten: „Ich wollte eine richtige Arbeit. Ich wollte das nicht für immer machen.“ Die 32-Jährige war aus Rumänien nach Deutschland gekommen – und hier in die Prostitution abgerutscht. Weil sie sich nicht in Bordellen mit ihren Freiern traf, wie es in Neu-Ulm erlaubt ist, sondern sich mit ihnen auf einem Supermarkt-Parkplatz verabredete, rief das die Polizei auf den Plan. Gegen einen Strafbefehl hatte die Frau Einspruch eingelegt. Deshalb kam die Sache zum Amtsgericht. Neben der Rumänien auf der Anklagebank: Ein 61-jähriger Neu-Ulmer, der sich wegen Beihilfe verantworten musste – bei ihm wohnt die 32-Jährige derzeit.

Das Schicksal der Frau ist wohl kein Einzelfall: Auch wenn zuletzt keine Fälle aktenkundig wurden – es gebe bei illegaler Prostitution möglicherweise durchaus eine Dunkelziffer, heißt es bei der Kriminalpolizei in Neu-Ulm auf Anfrage. Von einer Szene oder gar Brennpunkten wisse man nichts, sagen die mit derartigen Ermittlungen betrauten Experten weiter. Doch es gibt anderslautende Gerüchte in der Region. Auch außerhalb der größeren Städte.

Als die 32-Jährige vor etwa zwei Jahren nach Deutschland kam, lebte sie zunächst in Baden-Württemberg bei einer Bekannten. Diese habe ihr vorgeschlagen, als Prostituierte Geld zu verdienen. Dabei lernte sie den Neu-Ulmer kennen. Er wurde ihr Stammkunde und Berater: Der Mann legte für die Rumänin ein Profil bei einem einschlägigen Forum für Prostitution an, half ihr bei der Festsetzung der Preise, fuhr sie zu Treffen.

Szenenwechsel. Ein anderer Prozess. Vor einigen Monaten am Landgericht in Memmingen. Es geht um einen Missbrauchsskandal: Ein Mann soll seine Stieftochter vom Kindesalter an sexuell missbraucht haben, hunderte Male soll er das Mädchen in Illertissen und Altenstadt zum Sex gezwungen haben. Er legt ein Geständnis ab und wird schließlich zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren und neuen Monaten verurteilt. Bei dem Verfahren steht auch die Frage im Raum, wie es dazu kommen konnte. Mehrere Zeugen sagen aus. Andeutungen sind zu hören, etwa was die Mutter des Opfers betrifft. Sie habe sich in einer Kommune in der Nähe Illertissens als Prostituierte verdingt, sagt ein Bekannter. Die Frau habe ihre Tochter später zu solchen Treffen mitgenommen. Die Mutter selbst sagt in der Verhandlung nicht aus. Wohl aus Liebe zu dem Angeklagten, mit dem sie trotz allem nicht gebrochen hat. Wie andere Verwandte wirft sie dem Opfer vor, das finstere Familiengeheimnis an die Öffentlichkeit gezerrt zu haben.

Rund 300 bis 400 Euro sowie Pakete mit Süßigkeiten schickte die Rumänin monatlich an ihre beiden Töchter. Alle drei Monate flog sie in die Heimat, um sie zu besuchen. Auch Vater und Schwester steckte sie immer wieder Geld zu. Das Internetprofil, mit dem sie dieses Geld verdiente, entdeckten nicht nur die Freier – sondern auch die Beamten der Kriminalpolizei Neu-Ulm. Ihnen sei aufgefallen, dass der in gutem Deutsch verfasste Text wohl nicht von der Rumänin selbst stamme. Ein Ermittler sagte vor dem Amtsgericht: „Das Problem ist, dass viele der Frauen, die außerhalb der genehmigten Stätten der Prostitution nachgehen, Gewalt erfahren.“ Die Polizei verabredete sich zum Schein mit der 32-Jährigen auf dem Parkplatz. Die Beamten klärten die Frau über ihr illegales Tun auf. Danach habe die Rumänin eine Weile in einem Bordell gearbeitet. Diese Zeit ist mittlerweile vorbei: Nun ist die 32-Jährige als Küchenhilfe angestellt, hat einen weiteren Job und spricht recht gut Deutsch.

Parkplätze, Industriegebiete, Waldwege: An solchen Orten könnte sich illegale Prostitution auch abseits der Städte abspielen. Von einer Szene habe man keine Kenntnis, sagt Franz Mayr, der Leiter der Illertisser Polizei. Dass es Fälle gibt, kann er zwar nicht ausschließen. Davon mitzubekommen sei allerdings schwierig: „Da müssten wir einen Hinweis haben.“ Größtenteils spiele sich Prostitution im legalen Bereich in den Bordellen ab: Die Anbieter scheuten Konflikte mit Steuerbehörden und Polizei. In kleineren Städten gebe es Lokale, in denen verbotenerweise Kärtchen mit Telefonnummern von Prostituierten die Runde machten, sagt Mayr. Dass das auch in Illertissen passiert, könne er sich aber nicht vorstellen.

Die Rumänin musste eine Geldstrafe von 1200 Euro zahlen, der 61-Jährige doppelt so viel. Er habe wissen müssen, dass Straßenprostitution verboten ist, sagte Richterin Gabriele Buck. Sie warnte die 32-Jährige: „Lassen Sie sich so etwas nicht mehr einfallen, das geht nicht immer glimpflich aus.“

Von der Prostitution auf dem Land weiß man wohl. Zumindest in gewissen Kreisen. Ihm sei es bekannt gewesen, dass seine damalige Freundin (das Missbrauchsopfer) so ihr Geld verdient habe, sagt ein anderer Zeuge vor dem Landgericht aus. Gestört habe ihn das nicht.

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