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Dietenheim/Illertissen

02.02.2020

Klima im Wandel – Wald im Wandel: Wie Experten die Situation einschätzen

Klimaextreme machen dem Wald zunehmend zu schaffen. Stürme setzen enorme Hebelkraft an den Bäumen an, die teils bereits durch Dürren geschwächt sind. Wärmere Temperaturen begünstigen die Verbreitung von Schädlingen.
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Klimaextreme machen dem Wald zunehmend zu schaffen. Stürme setzen enorme Hebelkraft an den Bäumen an, die teils bereits durch Dürren geschwächt sind. Wärmere Temperaturen begünstigen die Verbreitung von Schädlingen.
Bild: Sophie Richter

Plus Klimatische Veränderungen fordern sowohl die Bäume als auch die Förster heraus. Wie Experten die Situation in der Region einschätzen und welche Strategie es gibt.

Aufmerksam blickt Mario Kummert von rechts nach links, als er den dunkelblauen Dacia über den Kiesweg im Wald lenkt. Er stoppt, fährt ein Stück zurück und da, wo sich Fichten und Buchen lichten, steht ein junges Reh. Kummert schmunzelt und sagt, dass hier hauptsächlich Rehe und Wildschweine leben. „Hier“, das beschreibt einen Teil des Waldes um Dietenheim, für den Mario Kummert als Förster zuständig ist. Insgesamt kümmert er sich um 1300 Hektar Staatswald in der Region.

„Klimaextreme gibt es seit Jahrzehnten immer wieder. Aber extreme Dürren, die sind relativ neu“, stellt der 49-Jährige fest. Und das setze vor allem den Fichten zu, dem „Brotbaum“ der deutschen Forstwirtschaft. Die heimische Art wächst gut, wird teils finanziell gefördert und ist beliebtes Bauholz. Doch Fichten sind Flachwurzler; bei ungünstigen Bedingungen reichen die Wurzeln teils nur 30 Zentimeter tief. Und das bei einer Höhe von 30 Metern. Stürme und andere Wetterextreme lassen die Nadelbäume umstürzen.

Und so taucht ein Begriff aus den 80er Jahren wieder auf: das Waldsterben. Der Bund Deutscher Forstleute hat symbolisch den Klimanotstand für den Wald ausgerufen – betroffen sind nicht nur Fichten. Förster wie Mario Kummert stehen vor Herausforderungen: Temperaturanstieg verbunden mit Trockenheit, die dadurch begünstigte Verbreitung von Schädlingen sowie zunehmende Klimaextreme.

Klima im Wandel – Wald im Wandel: Wie Experten die Situation einschätzen

Vor 40 Jahren prägten Naturschützer den Begriff „Waldsterben“. Gemeint waren nicht nur einzelne Bäume, viel mehr wurde ein kollektives Absterben befürchtet: Schwefel- und Stickstoffdioxidausstoß durch fehlende Abgastechnik in der Industrie – vor allem beim Verbrennen von Braunkohle – führten zu sauren Niederschlägen. Durch die gehemmte Nährstoffbildung verloren Pflanzen und Tiere im Extremfall den Lebensraum, das ökologische Gleichgewicht war aus dem Takt gebracht. Doch als Kohlenstoffspeicher und Sauerstoffproduzent sind Wald und Boden gerade für den Menschen elementar.

Droht ein Waldsterben 2.0?

Ab 1981 wuchs eine der größten deutschen Umweltbewegungen heran. Am 1.7.1983 trat die Großfeuerungsanlagenverordnung unter der Regierung Helmut Kohl in Kraft. Bleifreies Benzin, Katalysatoren in Autos und entschwefeltes Heizöl verhalfen außerdem, die prognostizierte Krise abzuwenden. Sogar europaweit gab es entsprechende Maßnahmen.

„Da hatten wir Glück, gell“, sagt Mario Kummert an dem Nachmittag im Dietenheimer Forst. Den schwäbischen Zungenschlag hat sich der Förster mittlerweile angewöhnt. Ursprünglich stammt er aus dem Westerwald in Rheinlandpfalz. Ende der 80er Jahre begann er seine Laufbahn zunächst in Norddeutschland und hat die heftigen Sturmereignisse Wiebke 1990 und Lothar 1999 noch vor Augen: verwüstete Wälder, hektarweise umgefallene Bäume. Die Aufarbeitung hatte lange gedauert. Nun stehe man wieder vor Herausforderungen.

Viele der Jungbäume sind Fichten. Als sie in Dietenheim gepflanzt wurden, „war noch nicht klar, wie heftig es wird“, sagt der Förster Mario Kummert. Auch die schräg geneigte Fichte rechts im Bild wird in absehbarer Zeit nicht mehr stehen.
Bild: Sophie Richter

Er fährt weiter den Kiesweg entlang. Die Jungbäume links sind großteils Fichten. „Als sie gepflanzt wurden, war noch nicht klar, wie heftig es wird“, sagt Kummert. Der Borkenkäfer – seit jeher ein weiterer großer Feind des Nadelbaums – hat es nach Wetterextremen besonders leicht und bohrt sich zwischen Rinde und Stamm. Der bereits gestresste Baum stirbt ab. Eisige Winter und nasse Sommer mag das millimeterkleine Tier nicht. Also das, was klimawandelbedingt seltener wird.

Ob man von einem Waldsterben 2.0 sprechen kann? Kummert möchte nicht an einem Begriff festhalten. „Aber Fakt ist, dass Klimaextreme immer häufiger werden.“ Das zeige ihm auch die steigende Absterbe-Rate: Bis zu zwei Drittel des Holzes sei „zufällige Nutzung“. Also wenn Bäume zum Beispiel durch Stürme und Käferplagen umstürzen oder gefällt werden müssen. Ein stabiler Wald trotze den Herausforderungen besser als ein herkömmlicher „Holzacker“, betont der Förster. Er setzt auf einen Mischwald mit Douglasie, Weißtanne und Laubholz.

Das Aufforsten gestaltet sich nicht so einfach

Doch das entsprechende Aufforsten sei gar nicht so leicht, meint Bernd Karrer, der Kollege Kummerts aus Illertissen. Die neugepflanzte Tanne friert ab, die Eiche wird vom Rehwild gefressen, die Buche wächst auf Kahlflächen schlecht an. Letztere kämpfe auch mit der Hitze. In den vergangenen Jahren waren die Temperaturen an der Messstation in Krumbach um durchschnittlich zwei Grad Celsius wärmer. Zum Glück konnte der hiesige Regen die Auswirkungen etwas abpuffern.

Um nach Krisensituationen möglichst schnell aufzuforsten, wurde und werde nach wie vor zu Fichten gegriffen. Dennoch, auch der Freistaat Bayern fördert sogenannte Laubumbaumaßnahmen. So lautet nämlich die Strategie: Waldumbau. Keine einzelnen Maßnahmen, sondern kontinuierliche, bestandserhaltende Aufforstung. Und das aber schon seit einigen Jahren. Für Baden-Württemberg stellt die Forstwirtschaftliche Versuchsanstalt Freiburg regelmäßig Untersuchungen zur Klimatauglichkeit der Baumarten an und gibt Handlungsempfehlungen. Entsprechend richtet Kummert die Neupflanzungen aus. Eine große Rolle spiele auch das Alt- und Totholzprogramm, bei dem gefallene Bäume Lebensraum und Nährstoffe bieten sollen.

Viele der Jungbäume sind Fichten. Als sie in Dietenheim gepflanzt wurden, „war noch nicht klar, wie heftig es wird“, sagt der Förster Mario Kummert. Auch die schräg geneigte Fichte rechts im Bild wird in absehbarer Zeit nicht mehr stehen.
Bild: Sophie Richter

„Noch leben wir im Grunde auf einer Insel der Glückseligen“, sagt Bernd Karrer. Seiner Meinung nach haben die klimatischen Entwicklungen den hiesigen Wald bislang nicht zu stark getroffen. Ein Sturm oder eine Borkenkäfer-Plage – der Illertisser Wald blieb im vergangenen Jahr im Gegensatz zum angrenzenden Gebiet in Erolzheim verschont – könne das schnell ändern.

Kummert: Mensch soll Wald als wichtiges Biotop wahrnehmen

Eine Sache fällt dem erfahrenen Förster dennoch auf: Eichenprozessionsspinner. Zu Hunderten sind die Raupen im Auwald am Rand der Iller vorzufinden. Da die feinen Härchen lebensbedrohliche allergische Reaktionen auslösen können, sollten die Tiere schnellstmöglich entfernt werden. „Daran müssen wir uns wohl gewöhnen“, sagt Bernd Karrer, denn der Falter profitiere deutlich von den Klimaveränderungen.

Zurück nach Dietenheim: Dort stapft Mario Kummert einige Meter den Hang hinauf. „Ich wünsche mir, dass der Mensch den Wald als wichtigen Lebensraum, als zu erhaltendes Biotop wahrnimmt und schützt“, sagt der Förster abschließend. „Wir müssen uns klar sein, dass etwas passiert und entsprechend handeln.“

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