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Babenhausen

28.08.2020

Kraft der Gedanken: Werke von Adi Hoesle erweitern Kunstsammlung des Bundestags

Konzeptkünstler Adi Hoesle, Jahrgang 1959, befasst sich seit Jahren mit dem Zusammenspiel von Kunst und Neurowissenschaft. Er entwickelte in Kooperation mit Forschungsinstituten die Brain-Painting-Methode. Wir haben ihn in seinem Atelier in Babenhausen besucht. Neben ihm im Bild: eine Aufnahme von Angela Jansen.
Bild: Sabrina Karrer

Plus Zwei Werke des Babenhauser Konzeptkünstlers Adi Hoesle wurden für die Kunstsammlung des Deutschen Bundestags ausgewählt. Die Fotografien zeigen eine Frau, die in sich eingeschlossen ist und dennoch kreative Ausdruckskraft besitzt.

Angela, sagte er, lass uns Model-Aufnahmen von dir machen. Und sie stimmte zu. Fotograf, Visagistin, Requisiten organisiert, Hund Erwin am Rollstuhl in Position gebracht, auf den Auslöser gedrückt: So entstanden die Fotografien von Angela Jansen, die seit rund 20 Jahren vollständig gelähmt ist. Sie hat Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS. „I’m a model“ lautet der Titel dieser Aufnahmen. Sie bereicherten 2018 eine Ausstellung im Berliner Kleisthaus, die der Babenhauser Künstler Adi Hoesle konzipierte. Nun gehören zwei der Porträtfotografien zur Kunstsammlung des Deutschen Bundestags.

Auswahl und Ankauf sind eine gute Referenz für Hoesle, auch eine recht lukrative Sache. Vor allem aber sieht der Künstler darin eine Chance, um auf die Situation von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen und um neue Blickwinkel auf Selbstbestimmung und Teilhabe zu eröffnen. „Es wäre schön, wenn die Bilder einmal da hängen, wo es viel Parteienverkehr gibt.“

Fremdbild und Selbstbild werden thematisiert

Was muss ein Körper können, damit kreativer Ausdruck möglich ist? Diese Frage stellt Jürgen Dusel, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, im Vorwort einer Broschüre, die die Ausstellung im Kleisthaus begleitete. Konzeptkünstler Adi Hoesle spürt diesem Themenkomplex seit Jahren nach. „Ein Bild entsteht im Kopf des Künstlers und des Betrachters. Wo ist die Schnittstelle?“, überlegt er. Hoesle führte Wissenschaft und Kunst zusammen und ergründete Wege, um allein mit der Kraft der Gedanken kreativ tätig zu werden. Er ist davon überzeugt: „Das Atelier des dritten Jahrtausends ist der Kopf.“

Während der Ausstellung unter dem Titel „Ich male, also bin ich“ im Kleisthaus hatten die Besucher in einem Workshop die Möglichkeit, mittels EEG ihre Gehirnströme messen zu lassen. Durch Interaktion mit einem Brain-Computer-Interface entwarfen sie ein Bild am Rechner. Brain Painting nennt Hoesle diese Methode, für die er internationales Renommee erlangte. Hirnströme werden per Computer in Formen und Farben übersetzt. Die Nutzer malen in Gedanken, ohne Pinsel und Leinwand, ohne Hände.

Hoesle: „Atelier des dritten Jahrtausends ist der Kopf“

Weiterer Bestandteil der Ausstellung war eine „Living Sculpture-Performance“: Angela Jansen, das Fotomodel, inszenierte sich als lebende Skulptur. Die nach Hoesles Worten „in sich eingeschlossene“ und dennoch – oder gerade deshalb? – künstlerisch tätige Frau präsentierte sich unter dem Leitsatz „I’m still present“ im Zentrum des Foyers. „Da muss man mutig sein. Und sie ist total mutig, eher extrovertiert in ihrem eingeschlossenen Zustand. Sie hat einfach Ausstrahlung“, sagt Hoesle. Jansen kommunizierte mit den Besuchern über eine Art Bordcomputer, den sie durch Augenbewegungen zu bedienen vermag.

Neugierde, Berührungsängste, Offenheit, Überraschung: Die Performance habe ganz unterschiedliche Reaktionen bei den Besuchern hervorgerufen, erzählt Hoesle, der schon vorher mit der Locked-In-Patientin zusammengearbeitet hatte. In der Broschüre zur Ausstellung wird Angela Jansen zitiert: „Ich bin nicht krank, ich kann mich nur nicht bewegen.“

Auch Claudia Roth wurde auf die Ausstellung aufmerksam. Wie Hoesle stammt sie aus Babenhausen, man kennt sich. Als Mitglied des Kunstbeirats kann die Grünen-Politikerin Vorschläge für die Kunstsammlung des Deutschen Bundestags einreichen – was sie tat. „Sie sagte: Tolle Arbeit, so was haben wir noch gar nicht“, erinnert sich Hoesle. Mehrere Auswahlrunden folgten, letztlich entschied eine Jury über die Ankäufe 2019 für die Artothek. „Im Juni haben wir erfahren, dass die Bilder ausgewählt sind“, sagt der Künstler. „Angela hat sich total gefreut.“

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