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Babenhausen

09.12.2020

Kraftstoff, Kaugummi und ein Überfall: Tankstelle nach 90 Jahren in Familienbesitz verkauft

Seit 1995 haben Assad (links) und Erna Wardak gemeinsam die traditionsreiche Tankstelle Thalhofer geleitet. Zum Jahresende endet diese Zeit für die beiden.
Bild: Sabrina Karrer

Plus Nach 90 Jahren in Familienbesitz verkaufen Erna und Assad Wardak die Tankstelle Thalhofer in Babenhausen. Sie haben einiges erlebt. Sogar einen filmreifen Überfall.

An einer Tankstelle trifft man auf die unterschiedlichsten Menschen. Auf Kinder, die schüchtern auf die Überraschungseier in der Auslage linsen. Auf Manager in dicken Autos und Partygänger, die schnell noch einen Sixpack Bier holen wollen, bevor es auf die Piste geht. Und wenn es schlecht läuft – das tut es zum Glück selten – auf einen Räuber mit Pistole, der es auf Bargeld abgesehen hat. „Alles schon erlebt“ können Erna und Assad Wardak aus Babenhausen sagen. Doch das Jahresende wird eine Zäsur für sie sein. Sie haben ihre Tankstelle an der Bahnhofstraße verkauft, nach 90 Jahren in Familienbesitz. Den Satz „Ich fahr’ schnell zum Thalhofer“ müssen sich die Babenhauser abgewöhnen.

Anfangs befand sich die Tankstelle im Nachbarort

Erna Wardak ist eine geborene Thalhofer. Ihr Großvater Josef war es, der 1929 den ersten Vertrag mit dem Shell-Konzern geschlossen hat. Die vergilbte Urkunde zur 30-jährigen Kooperation hängt noch an der Bürowand, ebenso wie Luftaufnahmen der Bahnhofstraße aus verschiedenen Jahrzehnten. Dabei hat sich die erste Tankstelle der Thalhofers gar nicht dort befunden, wo sie heute ist, sondern im Nachbarort Kettershausen. Damals wurde das Benzin für die wenigen Automobile wahrscheinlich noch mit der Hand gefördert, vermutet Erna Wardak.

Ihr Großvater sei schon so etwas wie ein Pionier gewesen, bestätigt sie. Wie er zur Tankstelle gekommen ist, wisse sie zwar nicht, wohl aber, dass er unternehmerisch aktiv gewesen sei. Er hatte schon einen Friseurladen. Nach dem Krieg baute Josef Thalhofer einen separaten Ölhandel in Babenhausen auf – und auch die Tankstelle zog um. „Später haben meine Eltern die Tankstelle übernommen und mein Onkel den Heizölhandel“, sagt die 64-Jährige.

Diese Luftaufnahme von der Bahnhofstraße dürfte in den 1960er-Jahren entstanden sein, vermutet Erna Wardak.
Bild: Repro/Sabrina Karrer

Viele Erinnerungen wurden weitergegeben. Zum Beispiel, dass die Lieferungen einst auf der Schiene am nahe gelegenen Bahnhof ankamen. Oder dass bei den Thalhofers eine der ersten Waschanlagen der Firma Christ aus Memmingen errichtet wurde. Erna Wardak weiß noch: „In meiner Kindheit gab es in Babenhausen sechs oder sieben Tankstellen. Die meisten haben sie im Nebenerwerb geführt.“ Bald aber habe das „Tankstellensterben“ begonnen, die Auflagen nahmen zu, für Konzerne waren nur große Objekte interessant. Erna Wardaks Eltern – Josef und Theresia Thalhofer – führten ihre Tankstelle ab den 80er-Jahren unabhängig. Einen neuen Shell-Vertrag schlossen erst ihre Nachfolger ab: Tochter Erna und Assad Wardak.

Plötzlich stand ein Mann mit Pistole vor ihm

Die beiden beschlossen Anfang der 1990er, den Betrieb zu übernehmen und umzubauen. Mauern wurden eingerissen, das Grundstück erweitert. Der Energiehandel Süd zog ins Gewerbegebiet. „Da ist viel passiert“, fasst der 65-Jährige diese Jahre zusammen. Heute gibt es auf dem Areal vier Zapfsäulen, an denen von zwei Seiten getankt werden kann, eine Waschanlage und einen Laden, in dem abkassiert wird. Viele nehmen auch noch Schokoriegel, Zigaretten oder eine Zeitung mit.

So sah das Gelände vor dem größeren Umbau in den 1990ern aus.
Bild: Repro/Sabrina Karrer

In die Anfangsjahre der „dritten Generation“ fiel auch der Überfall. Assad Wardak wollte spätabends vom Büro zurück in den Verkaufsraum. Plötzlich sei ein Mann vor ihm gestanden, mit Pistole, und habe Geld verlangt, erinnert er sich. „Ich bin ganz ruhig geblieben und habe das Geld geholt.“ Als die Polizei auf den gedrückten Alarmknopf hin kam, war der Räuber schon verschwunden. Mit ihm 1200 D-Mark. Das war aber nur ein Zwischenfall der unangenehmen Art. Erst ein Jahr ist es her, als jemand im Tankstellen-Shop randalierte. Der Mann schmiss Energydrink-Dosen in Wardaks Richtung – und hatte eine Machete im Kofferraum, die er vor dem Fenster zur Schau stellte.

Die Kaugummis fanden womöglich genauso viele Abnehmer wie Benzin und Diesel

Aber natürlich überwiegen die positiven Erlebnisse. Zum Beispiel der Run auf die Kaugummis, die womöglich genauso viele Abnehmer fanden wie Benzin und Diesel. Bei der Beerdigung ihres Vaters habe eine Frau einen „Kaugummi-Blumenstrauß“ ans Grab gelegt, erzählt Erna Wardak und lächelt. Und dann ist da die Sepp-Anekdote. Schüler haben Assad Wardak, gebürtiger Afghane, gefragt, wie er denn heiße. Er antwortete zum Spaß: Sepp. „Das sagen heute immer noch welche zu mir.“

Ja, es sind wohl die Menschen, die am meisten fehlen werden: „Wir haben so viele zuverlässige, langjährige Mitarbeiter und Stammkunden, da sind wir sehr dankbar“, sagen die scheidenden Betreiber. „Uns ist es wichtig, Danke zu sagen.“ Auch wenn es nicht immer leicht gewesen sei und zeitweise 16-Stunden-Tage zu bewältigen waren, macht sich Wehmut breit. Es ist ein Stück Familiengeschichte, die nun endet.

Gekauft hat die Tankstelle samt Grundstück die Oel-Heimburger GmbH aus Rottweil, die sie schon jahrelang beliefert. Das Unternehmen wiederum hat Pächter gefunden: Die Sauer Tankstellenbetriebe starten zum 1. Januar. „Sie übernehmen alle Mitarbeiter. Da haben wir Wert drauf gelegt“, betonen die Wardaks. Den Gedanken, aufzuhören, hegen sie schon eine ganze Weile. „Wir haben uns gesagt: Wenn die Geschäfte gut laufen, muss man verkaufen.“ Außerdem wandelt sich der Tankstellen-Markt, was viel Kraft koste. Wer weiß, was die Zukunft bringen wird? Gewiss weiterhin verschiedenste Menschen.

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