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Memmingen

20.05.2020

Neuer Spielplan: Landestheater packt Pandemie-Phase künstlerisch offensiv an

Auch das Landestheater Memmingen möchte wie viele andere Theaterhäuser in Bayern wieder seine Pforten öffnen.
Bild: Matthias Becker

Plus Das Landestheater Schwaben in Memmingen feiert seine Rückkehr „Zwischen den Zeiten“. Innerhalb von zwei Wochen entstand ein neuer, hochaktueller Spielplan.

Es wird, so verkündet es Intendantin Kathrin Mädler, eine Theaterzeit „jenseits von allem Gewohnten“ – von Beginn an. Bei der Eröffnung der Spielzeit 2020/2021 am Landestheater Schwaben (LTS) im September wird im Großen Haus nur ein Schauspieler auf der Bühne stehen: allein, ohne Requisiten, ohne Bühnenbild. Im Monolog „Event“ von John Clancy besinnt er sich auf die Frage, was Theater ausmacht und welche Wechselwirkung es mit dem Leben eingeht. Dieser Auftritt stellt nicht nur den Auftakt der neu konzipierten Reihe „Monologe ohne alles“ am LTS da – er hat auch programmatischen Charakter für eine Saison, in der sich das Memminger Theater angesichts Corona-bedingt begrenzter Spielräume in Teilen neu erfindet.

Denn schlicht mit Abstrichen bei geplanten Produktionen zu reagieren, funktionierte für Mädler und das Team nicht. Stattdessen wählten die Akteure die Offensive – und einen klaren Schnitt: Das eigentlich für 2020/2021 geplante Programm „Reset now“ verschiebt sich um ein Jahr auf 2021/2022. An seine Stelle hat das LTS zusammen mit den für die bevorstehende Spielzeit eingeladenen Regieteams etwas völlig Neues gesetzt: Produktionen, die buchstäblich eine Sondersituation „Zwischen den Zeiten“ spiegeln.

Den Spielplan 2020/21 stellten im Landestheater Schwaben (von links) Dramaturg Thomas Gipfel, Intendantin Kathrin Mädler und Chefdramaturgin Anne Verena Freybott vor. Oberspielleiter Peter Kesten (im Vordergrund) zeichnete ihn für einen Livestream auf.
Bild: Verena Kaulfersch

Wer angesichts des Titels und der Umstände ein Sparprogramm vermutet, geht fehl: Das zeigen die Zahlen – 16 Premieren, darunter vier Uraufführungen und eine deutsche Erstaufführung. Das verraten die Namen – von Johann Wolfgang von Goethe und Miguel de Cervantes bis zu Ingmar Bergmann. Und das beweisen die Inhalte, die facettenreich die in der aktuellen Lage aufgeworfenen Themen aufgreifen. Mädler, Chefdramaturgin Anne Verena Freybott und Dramaturg Thomas Gipfel schildern mit den geplanten Stücken Geschehen, die in Katastrophen und Ausnahmezuständen ihren Ausgang nehmen. Einige führen in die Isolation und zu Fragen, die diese über existenzielle Bedürfnisse und Identität aufwirft. Zugleich zeichnen sich Wege aus der Vereinzelung in die Gemeinschaft ab. Denn auch das prägt laut Mädler den Spielplan: „Er feiert, dass wieder Theater gespielt wird, und soll noch mehr Wärme und Umarmung verströmen als sonst.“

Neuer Spielplan: Landestheater packt Pandemie-Phase künstlerisch offensiv an

Physisch bleiben Darsteller und Zuschauer derweil auf Abstand. So binden die Produktionen – auch wegen erschwerter Probenbedingungen – maximal eine Handvoll Schauspieler ein. Die meisten Stücke werden zudem im Großen Haus und unter weitgehendem Verzicht auf Requisiten sowie Bühnenbild aufgeführt. Das sorgt für Flexibilität, um auch Gastspielorte und Schulen bedienen zu können. Laut Mädler ist so Theater zu erleben, das ganz auf die Darsteller setzt: „Es wird vermehrt ein Schauspielertheater sein.“

Es geht um Freiheit und Selbstbestimmung

Für den Gesundheitsschutz der Besucher werden nicht nur spezielle Einlassprozeduren entwickelt, in den Vorstellungen werden auch deutlich weniger Zuschauer sitzen. So ist für das Große Haus von 80 bis 100 Personen die Rede, für das Studio von zehn bis 15. Kurzfristigere Planung, ein auf Nachfrage umbaubares Repertoire und eine höhere Zahl an Vorstellungen sind Strategien, mit denen das LTS trotz der Einschränkungen ein möglichst gutes Angebot schaffen will. Abonnements völlig zu erfüllen, wird Mädler zufolge aber nicht gelingen.

Wieder zueinanderfinden: Dafür baut das LTS auch auf Vernetzung und regionale Projekte. Bereits Mitte Juli und dann wieder Ende August erkunden Zuschauer mit Ensemblemitgliedern den Memminger Stadtraum, während sie allen erdenklichen Arten von Helden begegnen. Volker Klüpfel und Michael Kobr bescheren dem Publikum vor Weihnachten eine Vision dessen, zu welchen Resultaten Forscher zukünftig bei einer Rückschau auf Allgäuer Anekdoten in Corona-Zeiten gelangen werden.

Wie es im Theater Ulm weitergeht, lesen Sie hier: Die Theater-Saison in Ulm ist beendet - und jetzt?

Einsamkeit, konfliktgeladene Atmosphäre sowie außergewöhnliche Begebenheiten konzentriert auf engstem Raum eine neue Form, die eine weitere Uraufführung am LTS einführt: Songs und Balladen sollen bei „Die Füße im Feuer“ dem Publikum einen düster-melancholischen, aber auch unterhaltsamen Abend bereiten. Die Welt einer erkalteten Beziehung erkunden die „Szenen einer Ehe“ nach dem Film von Ingmar Bergmann aus dem Jahr 1973. Es inszeniert Max Claessen, den das LTS besonders wegen seines unkonventionellen Zugriffs auf Stücke verpflichtet hat. Im Stück „Lampedusa“ stellt Autor und Aktivist Anders Lustgarten zwei Personen nebeneinander, die den Zynismus einer neoliberalen Welt verkörpern. Wie sich daraus laut Gipfel „ein utopischer, fast märchenhafter Kern mit einem Plädoyer für Solidarität“ entwickelt, offenbart die Premiere im Januar.

Nicht zuletzt trifft der Zuschauer auf Figuren, die Freiheit und Selbstbestimmung thematisieren: eigenwillige Prinzessinnen in Paul Maars modernem Märchen „In einem tiefen dunklen Wald“, Miguel de Cervantes’ „Don Quijote“, „Judith“ als wirkmächtige biblische Gestalt oder Goethes „Iphigenie auf Tauris“.

Der Spielplan 2020/2021 des Landestheaters Schwaben in Memmingen

GROSSES HAUS

  • Event, Theaterreflexion von John Clancy, erste Produktion der Reihe „Monologe ohne alles“, Premiere im September (Spielzeiteröffnung), Inszenierung: Peter Kesten
  • In der Dämmerung, Schauspiel von Zinnie Harris, Premiere im September, Inszenierung: Ingrid Gündisch
  • Don Quijote, nach dem Roman von Miguel de Cervantes, Premiere im Oktober, Inszenierung: Anne Verena Freybott
  • The Exiteers (Arbeitstitel), Schauspiel von Maya Arad Yasur, Premiere im Oktober, Inszenierung: Sapir Heller
  • Die Füße im Feuer, Balladen und Songs, Premiere im November, Inszenierung: Kathrin Mädler
  • Lügnerin, nach dem Roman von Ayelet Gundar-Goshen, Premiere im Dezember, Inszenierung: Niko Eleftheriadis
  • Szenen einer Ehe, nach dem Film von Ingmar Bergmann, Premiere im Dezember, Inszenierung: Max Claessen
  • Futuristische Retrospektive über das Allgäu im Ausnahmezustand, Auftragswerk von Volker Klüpfel und Michael Kobr, Premiere im Dezember, Inszenierung: Oliver Endreß
  • Lampedusa, Schauspiel von Anders Lustgarten, Premiere im Januar, Inszenierung: Magdalena Schönfeld
  • Iphigenie auf Tauris, Drama von Johann Wolfgang von Goethe, Premiere im Januar, Inszenierung: Gregor Turecek
  • Die Laborantin, Dystopie von Ella Road, Premiere im März, Inszenierung: Robert Teufel
  • Ein deutsches Mädchen (Wiederaufnahme), nach der Autobiographie von Heidi Brenneckenstein, Termine folgen, Inszenierung: Mirko Böttcher.

STUDIO

  • Dienstags bei Kaufland von Emmanuel Darley, zweite Produktion der Reihe „Monologe ohne alles“, Premiere im September, Inszenierung: Kathrin Mädler

JUNGES THEATER

  • In einem tiefen dunklen Wald, Stück nach dem Kinderbuch von Paul Maar, Premiere im Februar, Großes Haus, Inszenierung: Julia Dina Heße
  • Jugendstück 13/14+, als dritte Produktion im Rahmen der Reihe „Monologe ohne alles“ geplant
  • SONDERPROJEKTE
  • Helden/Heldinnen, theatrale Stadtraumbespielung und Rundgang mit Ensemblemitgliedern des LTS, Termine Mitte Juli/Ende August
  • Judith, Monolog nach dem Drama von Friedrich Hebbel, in der Reihe: Werkstatt - Ensemble macht Theater, von und mit Elisabeth Hütter, Premiere im April

37. BAYERISCHE THEATERTAGE

  • Ersatztermin Das in diesem Jahr entfallene Festival unter dem Motto „Wir können auch anders“ wird von 12. bis 23. Mai in geplanter Form „als kuratiertes, zeitgenössisches Theaterfest“ nachgeholt.
  • Laut Intendantin Kathrin Mädler werden alle Produktionen wieder eingeladen. Solche, die in den teilnehmenden Häusern nicht wiederaufgenommen werden, werden durch ins Programm passende Stücke ersetzt.

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