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Gannertshofen

16.01.2019

Warum ein altes Energiesparprojekt jetzt bayernweit Beachtung findet

Weil eine Schüler-AG Mängel bei der Sanierung ihrer Schule festgestellt hat, hat sich die Gruppe intensiv mit dem Thema beschäftigt. Sie haben eine Lösung erarbeitet, wie dieses Problem künftig besser vermieden werden kann.
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Weil eine Schüler-AG Mängel bei der Sanierung ihrer Schule festgestellt hat, hat sich die Gruppe intensiv mit dem Thema beschäftigt. Sie haben eine Lösung erarbeitet, wie dieses Problem künftig besser vermieden werden kann.

Für einen landkreisweiten Wettbewerb gründete Lehrerin Margit Fluch 1998 eine Schüler AG. Nun gewann die Gruppe einen mit 10000 Euro datierten Umweltpreis.

Die Frage von Margit Fluch scheint zunächst ungewöhnlich: „Würden Sie sich in ein neues Auto setzen, wenn Sie davon ausgehen müssten, dass nur bei jedem zehnten Fahrzeug dieses Typs die Bremsen überprüft wurden?“ Die Gannertshoferin zieht einen drastischen Vergleich: „Heizungs- und Lüftungsanlagen in öffentlichen Gebäuden werden abgenommen und dem Nutzer übergeben, obwohl wesentliche Komponenten und Funktionen nur stichprobenartig getestet wurden – mit dramatischen Folgen für die Nutzer und die Umwelt“, erläutert die pensionierte Studienrätin.

Zur Preisverleihung war die Gruppe in die Staatskanzlei eingeladen

Für diese Erkenntnis habend die ehemalige Lehrerin und ihre Schülergruppe, die energie-AG, den mit 10000 Euro dotierten Umweltpreis der Bayerischen Landesstiftung erhalten. Das Projektteam, bestehend aus Margit Fluch und ihren ehemaligen Schülern des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums in Neu-Ulm, Dr. Carolin Ernst, Dr. Markus Ernst, Dr. Martin Fluch und Sabine Sorger, war bis 2017 tätig. Die Auszeichnung wurde ihnen kürzlich während einer Feierstunde in der Staatskanzlei in München von dem Stiftungsratsvorsitzenden Albert Füracker und dem Vorstandsvorsitzenden, dem ehemaligen Staatsminister Josef Miller, übergeben.

Fluch gründete die energie-AG 1998 anlässlich eines Energiesparwettbewerbs mit acht Schülern der 8. bis 11. Klasse. „Ziel des Wettbewerbs war eigentlich, Energie im eigenen Schulhaus einzusparen“, erinnert sich die ehemalige Physiklehrerin. „Die Gruppe hatte dabei festgestellt, dass trotz frisch sanierter Heizungsanlage an ihrer Schule mehr als 30 Prozent der Energie quasi zum Fenster hinaus geheizt wurde. In anderen Räumen dagegen war es zu kalt. Außerdem funktionierte die eingebaute Nachtabsenkung nicht.“ Ihnen kam der Gedanke, dass es sich bei den Mängeln am Bertha-von-Suttner-Gymnasium nicht um einen Einzelfall, sondern um ein strukturelles Problem handelt. Um das zu beweisen hat die AG eine Umfrage an allen 400 Bayerischen Gymnasien durchgeführt.

Ein wissenschaftliches Projekt bestätigte die Überlegungen der Schüler

Später haben die mittlerweile erwachsenen Mitglieder des Projektteams an 70 Schulen eine wissenschaftlich begleitete Temperaturmessaktion organisiert und ausgewertet. So habe die energie-AG schließlich erreicht, dass ihr Lösungsvorschlag für die mangelhafte Sanierungsqualität als sogenanntes „Erfolgscontracting“ vom Bundeswirtschaftsministerium aufgegriffen und als Forschungsprojekt genehmigt wurde. Beim Erfolgscontracting geht es um die Art der Ausschreibung von Bauprojekten. Dabei solle nicht die geplante Anlage selbst ausgeschrieben werden, sondern der Komfort und die Energieeinsparung, die damit erreicht werden solle, erklärt Fluch.

Erprobt wurde das „Erfolgscontracting“ in den Jahren 2008 bis 2015 bei der Pilotsanierung des Gymnasiums Marktoberdorf. Als Ergänzung zu diesem Forschungsprojekt plante und begleitete die energie-AG ein Umweltbildungsprojekt. Die Marktoberdorfer Schüler wurden in die Kontrollaufgaben des Bauamtes einbezogen. Mit Hilfe eines Meldesystems sollten sie die zuständige Firma bei der Mängelbeseitigung unterstützen, erklärt Fluch. Mit Hilfe dieses Projektes hätten die Neu-Ulmer Gymnasiasten gezeigt, wie sinnlos eine stichprobenartige Erfolgskontrolle sei.

Stichproben reichen nicht zur Erfolgskontrolle

Fluch macht deutlich: „Mit Stichproben kann man nicht alle Qualitätsmängel ermitteln, sondern nur ihre Häufigkeit.“ Die entscheidende und preiswürdige Erkenntnis des Projektteams sei allerdings nicht diese allseits bekannte Tatsache gewesen, sondern die verblüffende Folgerung des Teams daraus: Auch die Firmen wissen, dass es bei dieser Abnahmekontrolle keine Fehlersuche gibt. Um in ihren Angeboten nicht von anderen Firmen ausgestochen zu werden, verzichten sie auf Qualitätssicherung, die das Projekt am Ende teurer machen würde. Fluch zieht daraus folgendes Fazit: „Die stichprobenweise Kontrolle bei der Abnahme sorgt nicht für Qualität – Sie verhindert sie.“

Laut Fluch hat das Projektteam nicht nur das Kontrollproblem aufgedeckt, sondern auch eine Lösung dafür erarbeitet. Deren Charme liege darin, dass sie nicht eine kostentreibende Ausweitung der technischen Abnahmeprüfungen ist, sondern eine kostengünstige Ergänzung der bestehenden Ausschreibungs- und Abnahmepraxis darstellt, zitiert die Physiklehrerin aus der Begründung für die Preiswürdigkeit des Projekts. Die Schüler hatten außerdem gefordert, dass es einfach abrufbare und leicht interpretierbare Messdaten gibt, sodass die Nutzer die Möglichkeit haben, selbst zu kontrollieren, ob alles wie geplant funktioniert.

Der Umweltpreis der Landesstiftung ist dabei nicht die erste Auszeichnung: Unter anderem wurde ihnen 2005 die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber und 2008 der Bayerische Energiepreis verliehen. Auch das Bundeswirtschaftsministerium förderte das Projekt.

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