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Vöhringen

03.07.2020

Warum es der AFS heute schwerer hat

Bild: Imago Images/M. Gann

Lore Bletschacher engagiert sich seit Jahrzehnten in einem Austauschprogramm für Schüler. Doch die Aufgabe wird schwieriger, sagt sie.

Wenn Lore Bletschacher von ihrem ersten Besuch in den Vereinigten Staaten berichtet, stahlt sie, lacht, sprudelt über vom Erlebten, als sei sie erst gerade zurückgekommen. Die Erinnerungen sind so frisch wie am ersten Tag. Dabei liegt diese Reise weit über 50 Jahre zurück.

Die gebürtige Österreicherin, die seit Jahren in Illerberg zu Hause ist, hatte ein Stipendium vom American Field Service (AFS) erhalten. Sie durfte für ein Jahr als Austauschschülerin nach Amerika reisen. Das war 1956. Was für heutige Schüler noch immer ein besonderes Erlebnis ist, war zu dieser Zeit noch wirklich wie „ein Besuch in einer anderen Welt“, wie es Bletschacher formuliert.

Es ist schwer, Gastfamilien zu finden

Seit Jahrzehnten engagiert sich Lore Bletschacher für den AFS. Sie hat im Laufe der Jahrzehnte für 200 Jugendliche Gastfamilien gefunden. „Heute ist die Bereitschaft nicht mehr sehr groß, seine Familie für einen Gast zu öffnen. Der Enthusiasmus der ersten Jahre ist vorbei.“ Ein wenig Enttäuschung schwingt in ihrer Stimme mit, wenn sie von ihrer heutigen Familiensuche spricht. „Niemand mag sein Haus mehr öffnen.“ Diese Beobachtung hat Bletschacher in den vergangenen Jahren und damit auch ganz unabhängig von der aktuellen Pandemie gemacht, wegen der viele Austauschprojekte ohnehin auf Eis liegen.

Viele Absagen seien mit dem Argument begründet worden, dass die Frau des Hauses auch arbeite, sagt Bletschacher und fügt trocken an: „Ja, in Amerika stehen die Frauen auch in einem Beruf.“ Dort scheint die Bereitschaft, einen Gastschüler aufzunehmen, dennoch wesentlich größer. Dieses Sich-Verschließen hiesiger Familien stimmt sie ein wenig traurig. „Denn gerade die Chance intensiver am Leben in einem anderen Land teilzunehmen, eröffnet auch andere Sichtweisen und somit mehr Verständnis für anderes.“ Das ginge am besten in einer Familie. „Ziel war es, ein Familienmitglied zu sein, mit allen Pflichten und Aufgaben. Darin lag die Absicht des Gründers des American Field Service.

Lore Bletschacher

Das war Stephen Galatti. Er hatte das Elend vor Augen, wenn Verwundete im Ersten Weltkrieg von freiwilligen Helfern mit Sanitätswagen von den Schlachtfeldern geholt wurden. Das setzte sich im Zweiten Weltkrieg fort. Die Veteranen aus diesen Kriegszeiten beschlossen, ein Jugendaustauschprogramm ins Leben zu rufen. Sie verbanden damit die Vision, das Verständnis zwischen den Kulturen zu fördern, um damit den Weltfrieden zu sichern. Von 1948 bis 2018 haben rund 33.000 deutsche Jugendliche an diesem AFS-Programm teilgenommen. Ungefähr 23.500 internationale Gastschüler kamen zum einjährigen Besuch nach Deutschland. Im Laufe der Jahrzehnte fand dieser Austausch nicht nur zwischen den USA und Deutschland statt. Es gab auch Besuche hin und her zwischen zahlreichen anderen Nationen. Als 1948 die ersten deutschen Schüler in die USA kamen, wirkten die unzerstörten Städte in Amerika wie ein Weltwunder im Vergleich zu den Trümmerhaufen im eigenen Land.

Der Trend geht zu kürzeren Auslandsaufenthalten

„Wir reisten noch mit dem Schiff, heute wird geflogen“, sagt Lore Bletschacher aus ihrer Erfahrung. Auch dauert mancher Aufenthalt im Ausland nicht mehr ein Jahr, sondern verkürzt sich auf wenige Monate. Inzwischen gibt es eine Vielzahl an Organisationen, die Jugendlichen ermöglichen, einige Zeit im Ausland zu verbringen.

Im Gegenzug ist die Teilnahme an dem Programm teurer geworden. Bletschacher spricht von einem Betrag von rund 10000 Euro. Gastfamilien erhalten nichts. Dass sich da manche Familien in Zurückhaltung üben, sei verständlich. Dass ein solcher USA-Aufenthalt inzwischen so teuer ist, liegt laut Bletschacher daran, dass sich nur noch wenige ehrenamtlich für den AFS engagieren, die professionellen Kräfte müssen bezahlt werden. „Früher konnte man davon ausgehen, dass Teilnehmer am Austausch sich hinterher als ehrenamtliche Helfer einbrachten. Das ist heute nicht mehr der Fall“, sagt Lore Bletschacher. Bedauerlich findet sie, dass die Kontakte zwischen den Familien nur noch kurze Zeit aufrechterhalten bleibt. Damit erlischt der Kerngedanke, der dem ASF zugrunde liegt.

Schüleraustausch am IGV noch immer beliebt

Von einem „ungebrochenen Trend zum Schüleraustausch“ sprich Birgit Ballasch vom Illertal-Gymnasium. Aber da geht es mehr um den individuellen Austausch im Ausland. Da muss es nicht mehr ein ganzes Jahr sein, kürzere Zeiten sind beliebt geworden, etwa für ein Viertel- oder ein Halbjahr ins Ausland zu gehen. Zurückgegangen sei allerdings am IGV der Besuch von Gastschülern. Gepflegt werde jedoch der Austausch mit Schulen in Piove di Sacco/Italien und mit Koszalin in Polen.

Die Schule, so Ballasch, informiere regelmäßig über Wege ins Ausland. Eine Zusammenarbeit mit einer Organisation gebe es allerdings nicht. ASF-Vertreterin Bletschacher hofft auf bessere Zeiten, in denen sich der Trend wieder in die andere Richtung bewegt. Sie sieht in der Begegnung der Menschen eine Chance, Toleranz zu praktizieren. Denn das Eintauchen in ein anderes Leben kann dazu beitragen, Vorurteile abzubauen.

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