Newsticker
Bundes-Notbremse tritt am Freitag in Kraft
  1. Startseite
  2. Lokales (Illertissen)
  3. Was Greimeltshofen mit einer italienischen Piazza gemeinsam hat

Kirchhaslach

25.02.2021

Was Greimeltshofen mit einer italienischen Piazza gemeinsam hat

Herretshofen ist ein Angerdorf. Was das bedeutet und was der Name über die Geschichte des Ortes verrät.
Foto: Ralph Manhalter

Plus Herretshofen und Greimeltshofen sind typische Beispiele für Angerdörfer. Was diese auszeichnet – und was die Ortsnamen über die Entstehungsgeschichte verraten.

Der aufmerksame Passant erkennt den Unterschied schon wenige Meter nach dem Ortsschild: Weite erfüllt den Raum. Keine Sägezahnbebauung, wie sie in den meisten der mittelschwäbischen Orte vorherrschend ist. Stattdessen inmitten des Dorfes eine große Grünfläche, mit Bäumen und zwischenzeitlich zu den angrenzenden Höfen gehörende Gärten. Was wir vor uns sehen, zählt zum Typus der Angerdörfer. Im Süden ist diese Siedlungsform im Vergleich zur Mitte und zum Osten Deutschlands nur selten vertreten. Umso erstaunlicher, dass wir auf dem Gebiet der politischen Gemeinde Kirchhaslach gleich zwei dieser Kleinode verorten können: Greimeltshofen und Herretshofen.

Platzartiger Charakter in den beiden Kirchhaslacher Ortsteilen

Bei einem Angerdorf handelt es sich um eine Dorfform, die sich dadurch auszeichnet, dass die Höfe und Häuser um einen zentralen Platz - eben den Anger - angeordnet sind. In unseren Fällen, in Herretshofen und Greimeltshofen, ist diese Fläche begrünt und diente einst als Weide für Gänse oder Schafe. Auch das Dorfleben schien sich einst auf dem Anger als zentralem Treffpunkt abgespielt zu haben. Greimeltshofen weist noch eine zusätzliche Besonderheit auf, was den kleinen Ort von jenen der Umgebung unterscheidet. Die Bebauung steht hier mit der Traufseite zur Straße und somit natürlich auch zum Anger. Das verleiht dem Dorfbild etwas Geschlossenes, Platzartiges. Im benachbarten Herretshofen hingegen herrscht die traditionell schwäbische Giebelbebauung vor, wobei auch hier die Grünfläche zwischen den Häuserfronten stärker und markanter ausgeprägt ist.

Herretshofen - ein Ortsteil von Kirchhaslach - ist ein typisches Angerdorf.
Foto: Ralph Manhalter

Das althochdeutsche „angar“, wovon sich der Dorftypus ableitet, kann mit Weide oder Grasfläche übersetzt werden. Ehemals befand sich der Anger im Besitz der Dorfgemeinschaft, gehörte somit zur „Allmende“, zum Gemeingut aller Höfe im Ort. Das heutige Wort „allgemein“ mag sich davon ableiten.

Auf dem Anger gab es auch häufig einen Dorfteich oder ein Fließgewässer. Sowohl Herretshofen als auch Greimeltshofen liegen an kleinen Bächlein, die den Ort in der Mitte, zum Teil offen, meistens jedoch verdeckt, durchfließen. Folgt man der Forschung, so war die Anlage des Dorfangers eben dieser Begebenheit geschuldet. Nicht selten von Überschwemmungen bedroht, dagegen hervorragend als Weideplatz geeignet, überließen die frühen Bewohner die Flächen in Gewässernähe den Tieren. Die Häuser errichtete man auf den schon höher liegenden Terrassen.

Erst in jüngerer Zeit wurden einzelne Flächen des Angers, so beispielsweise in Greimeltshofen, auch bebaut. Dagegen weist gerade dieser Ort ein weiteres Charakteristikum des Siedlungstyps auf: Kirchen oder Kapellen wurden vorzugsweise ebenfalls gerne inmitten der Freiflächen errichtet. Hier mag der Gedanke an eine italienische Piazza gar nicht so abwegig erscheinen.

Ortsnamen verraten viel über die Entstehungsgeschichte

Eine weitere Gemeinsamkeit beider Orte ergibt sich mit der ersten urkundlichen Nennung. Im Jahr 1363 wurden die Höfe an der Hasel „Grymatzhofen“, die Häuser auf der Hochfläche „Herlatzhofen“ genannt. Wenn auch selbstverständlich davon auszugehen ist, dass die Siedlungen schon einige Zeit vorher bestanden haben, so fällt die schriftliche Erwähnung in eine späte Phase der hochmittelalterlichen Waldrodungen: Die Anbaumethoden der Bauernschaft konnten einige bedeutende Innovationen verzeichnen, was wiederum eine steigende Lebenserwartung und langfristig eine kontinuierliche Bevölkerungszunahme zur Folge hatte.

Manche Dörfer entstanden durch die Rodung von Waldgebieten.
Foto: Patrick Pleul, dpa (Symbolfoto)

Bislang gemiedene Gebiete erfuhren eine Urbarmachung, indem sich Bauern dort niederließen und Äcker sowie Wiesen anlegten. Die klassischen Rodungsdörfer sind heute noch an der Endsilbe "-reut(h)" oder "-schwang" erkennbar. Unsere beiden Orten gehören hingegen zur „Hofen“-Gruppe, die im ersten Teil des Wortes einen Personennamen beinhaltet: Hartrat und Grimwald sollen die beiden fernen Taufpaten der heutigen Siedlungen geheißen haben, meint der Ortsnamenforscher Wolf-Armin von Reitzenstein.

Zurück zum Angerdorf. Vielleicht sieht er so aus, der Wunschtraum so mancher Städter. Trotz unbestreitbarer Schwierigkeiten des bäuerlichen Lebens strahlten und strahlen diese beiden Orte noch etwas aus, das für kein Geld der Welt zu haben ist: Geborgenheit und Idylle.

Lesen Sie auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren