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Memmingen

15.08.2019

Wenn Papa und Mama getrennte Wege gehen

Damit Kinder regelmäßig Kontakt zu beiden Eltern haben können – auch wenn sich diese weit voneinander entfernt haben – gibt es die Möglichkeit des „begleiteten Umgangs“. In Memmingen ist dies mithilfe des Kinderschutzbundes möglich.
Bild: Bernd Hohlen (Symbolbild)

Begleiteter Umgang ermöglicht Kindern den Kontakt zu beiden Eltern. Die Fälle werden immer komplizierter.

„Seit Kurzem können wir die Papa-Tage auf jeden x-beliebigen Tag legen. Oder wir haben in den Schulferien zwei Tage hintereinander“: Wie sehr er das genießt, ist dem 63-jährigen Memminger anzuhören. Lange waren Unternehmungen mit seiner Tochter – wie etwa kürzlich ein Ausflug auf dem Iller-Radweg – schlicht ausgeschlossen. Zu weit hatten sich die geschiedenen Eltern der damals Elfjährigen voneinander entfernt, der Wunsch des Vaters nach mehr Kontakt zu seinem Kind beschäftigte am Ende das Familiengericht. Es riet zum „begleiteten Umgang“ für den Mann und seine Tochter: der Beginn eines anderthalbjährigen Weges gemeinsam mit dem Kinderschutzbund (KSB) in Memmingen.

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Der „begleitete Umgang“ kommt laut Sozialpädagogin Nicole Ried meist im Auftrag des Jugendamts oder nach gerichtlicher Empfehlung zustande: Er dient dazu, dass das Kind in einer krisenhaften Trennungssituation beide Elternteile sehen kann. Entscheidend dafür, ob der Umgang zustande kommt und andauert, sind laut der Sozialpädagogin Wunsch und Wohl des Kindes. Auf beides haben die Fachkräfte des Kinderschutzbunds beziehungsweise ehrenamtliche Begleiter ein Auge. Liegen Extremfälle wie häusliche Gewalt oder Verdacht auf sexuellen Missbrauch vor, so kann der Umgang abgebrochen oder gar nicht erst aufgenommen werden.

In verfahrene Situationen kommt Bewegung

Normalerweise finden die Termine in den Räumen an der Memminger Herrenstraße statt – doch Ausnahmen sind möglich. Nach Eingangsgesprächen mit allen Beteiligten wünschte sich die Tochter des 63-jährigen Memmingers, draußen etwas zu unternehmen. So standen etwa Federballspielen im Stadtpark, eine Badminton-Stunde in der Ottobeurer Sportwelt oder ein Bummel über den Weihnachtsmarkt auf dem Programm. „Natürlich ist ein bestimmter Rahmen gesteckt und man kann sich nicht so bewegen, wie man will“, sagt der 63-Jährige: „Aber ich habe das gerne in Kauf genommen, weil ich mir erhofft habe, dass es irgendwann anders wird.“ Nicole Ried begleitete die beiden, hielt sich aber im Hintergrund. So habe er das Gefühl gehabt, „dass ich mit meiner Tochter allein sein konnte“, sagt der Vater. An der Begleitung und an behutsam geführten Gesprächen habe auch seine Tochter sich nicht gestört. Die meisten Kinder kämen damit gut zurecht, sagt Ried – auch dank der Vorbereitung durch Fachkräfte und erziehendes Elternteil.

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Nicht zuletzt auf die „kompetente und einfühlsame“ Art der Sozialpädagogin und ihre Vermittlung bei Gesprächen mit seiner Ex-Frau führt der Memminger zurück, dass nach und nach immer mehr möglich wurde, dass er und seine Tochter häufiger und länger Zeit miteinander verbringen konnten.

Kinder im Loyalitätskonflikt

Die anfänglichen Bedenken der Kindsmutter, die Enttäuschung des Vaters darüber, dass seinem Empfinden nach vor Gericht die Sichtweise von Vätern kaum Gewicht besitzt, die Verletzungen auf beiden Seiten und eine verunsicherte Elfjährige im Loyalitätskonflikt: In diese verfahrene Situation kam Bewegung. Der 63-Jährige erinnert sich an ein Telefonat, bei dem er dies spürte. Zuvor sei seine Tochter oft zurückhaltend und kurz angebunden gewesen: „Und auf einmal sagte sie: Papa, ich hab dich ganz doll lieb.“ Inzwischen übernachtet die Zwölfjährige – in Absprache mit ihrer Mutter – auch bei ihrem Vater. Der Schritt, beim Kinderschutzbund Hilfe zu suchen, habe sich bewährt, sagt er.

Während der Treffen achten die Begleiter darauf, welche Signale vom Kind ausgehen und darauf, dass vereinbarte Regeln eingehalten werden. Versprechungen oder Drohungen gegenüber dem Kind sind laut Ried tabu. Der Begleiter schreitet auch ein, „wenn der andere Elternteil schlecht gemacht oder das Kind ausgehorcht wird“.

Insgesamt steige der Bedarf, die einzelnen Fälle gestalteten sich komplizierter. So sind die Fachkräfte laut Ried durch Gespräche mit Eltern, Jugendamt und Ehrenamtlichen zeitlich derart gefordert, dass die Pauschale des Auftraggebers die Kosten nicht abdeckt. Eine Rolle spielten etwa Begleiterscheinungen wie die psychische Erkrankung eines Elternteils. Auch seien manche Paare damit überfordert, auf einmal eine Familie zu sein: Heutzutage sei es dann einfacher als früher, sich zu trennen. „Nicht selten hängt die ganze Familie mit drin und alle reden rein.“

Ried nennt einen Fall, bei dem das Kind direkt aus dem Krankenhaus in eine Pflegefamilie kam, weil beide Eltern nicht in der Lage waren, sich um das Baby zu kümmern. Der Umgang findet mit der Großmutter statt. „Sie wollte das Kind unbedingt bei sich haben, aber aus Sicht des Jugendamts war das keine gute Idee.“ Seit sechs Jahren begleitet der Kinderschutzbund diesen Fall – „das wird voraussichtlich auch noch länger dauern“.

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