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Balzheim / Illertissen

02.04.2020

Wie Selbstgestricktes Schwerstkranken hilft

Ruth Wetzel nutzt jede Gelegenheit, um ihre Söckchen zu stricken. Ob bei Reisen, beim Krimischauen oder bei schönem Wetter im Garten: Über den Verkauf ihrer kleinen Kunstwerke sind bereits mehrere tausend Euro zusammengekommen.
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Ruth Wetzel nutzt jede Gelegenheit, um ihre Söckchen zu stricken. Ob bei Reisen, beim Krimischauen oder bei schönem Wetter im Garten: Über den Verkauf ihrer kleinen Kunstwerke sind bereits mehrere tausend Euro zusammengekommen.
Bild: Ruth Wetzel

Plus Ruth Wetzel verkauft seit etwa zehn Jahren selbst gestrickte Lesezeichen-Socken. Den Erlös spendet sie an eine besondere Illertisser Einrichtung.

Leuchtendes Blau, rote Streifen, violette Ringel: Bei den Söckchen von Ruth Wetzel sieht keiner aus wie der andere. Bunte Wolle in fröhlichen Farben hat sie dazu motiviert, mit dem Stricken anzufangen.

Die Balzheimerin kann auch erklären, warum das so ist. „Farben aktivieren“, sagt die 62-Jährige. Bei den Sockenpaaren, die sie gestrickt hat, sind immer wieder Wollreste angefallen. Die Idee, was sie mit diesen Resten anfangen sollte, kam ihr kurze Zeit später.

Alte Wolle dient schließlich einem guten Zweck

Bei ihrer Tätigkeit als freiberufliche Altentherapeutin ist Wetzel viel in der Fortbildung tätig. Als sie vor einigen Jahren einen Vortrag über Demenz im Benild-Hospiz in Illertissen hielt, berührte sie die Einrichtung und ihre Aufgabe auf besondere Art und Weise. „Es ist unvorstellbar, dass Menschen beim Sterben alleine gelassen werden“, sagt die 62-Jährige. Im Hospiz erfahren die Patienten in ihren letzten Tagen eine wichtige, wertschätzende Betreuung.

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Die Einrichtung feiert derzeit ein Jubiläum. Lesen Sie dazu: Wo letzte Wünsche in Erfüllung gehen: Hospiz wird fünf Jahre alt

Wetzel entschied, dass sie das Hospiz unterstützen wollte: „Wenn es mir einmal so gehen sollte, wäre ich froh um so eine Betreuung.“ Zusammen mit Bettina von Westphalen, der Besitzerin des Ladens „Buch und Musik“ in Illertissen, kam sie auf die Idee, die angefallenen Wollreste zu verwerten: zu Lesesocken. Ein schmaler, hoher Schaft, unten ein kleiner Fuß, manchmal mit angenähtem Knopf oder mit Glitzerband verschönert.

Wetzel geht auch auf Kundenwünsche ein

Im Gespräch mit Kunden hat sich das Aussehen und auch die Nutzung stetig verändert. „Mittlerweile nähe ich die Öffnung oben nicht mehr zu“, erklärt Wetzel. So könnten in einem Söckchen auch kleine Geschenke verpackt werden. Neben dem Verkauf in „Buch und Musik“ bietet Wetzel die Söckchen auch auf Märkten an, wie etwa der Illertisser Gartenlust.

Bunte Söckchen in allen Farben mit wilden Mustern: Das sind Ruth Wetzels Lesesocken.
Bild: Ruth Wetzel

Sie erinnert sich an viele schöne Begegnungen. Viele Menschen wollten mehr Informationen über die Hospizarbeit. „Ein älterer Herr war einmal ganz erstaunt über die Söckchen“, erzählt Wetzel. So einen Socken hätte er eigentlich nicht gebraucht. „Aber er fand die Idee so toll, dass er gespendet hat.“

Gelegenheiten zum Stricken gibt es viele

Ob beim Reisen im Bus oder beim Tatort am Sonntagabend: Die 62-Jährige nutzt jede Möglichkeit zum Stricken. An einem Abend schafft sie manchmal sogar drei Socken. Auch bei Ausflügen und größeren Reisen hat sie ihr kleines Nadelspiel und Wolle im Handgepäck dabei. „Für mich ist Stricken pure Entspannung“, sagt sie. „Und es ist umso schöner mit dem Wissen, dass ich damit Menschen helfe, die im Sterben liegen.“ Das Hospiz sei auf Spenden angewiesen. Auch wenn ihre Socken Wetzel zufolge nur ein Tropfen auf heißem Stein wären. Trotzdem ist die Summe, die in den vergangenen zehn Jahren zusammen gekommen ist, nicht unbeträchtlich. 5100 Euro seien es insgesamt. Einmal im Jahr, meistens im Frühling, übergibt Wetzel das Geld an das Hospiz.

Mit ihrer Spende wurde bereits ein besonderer Rollstuhl gekauft, oft fließt das Geld in den Bildungsbereich. Auch Benefizkonzerte und Ausstellungen, ebenso wie Aroma- oder Musiktherapie, werden häufig durch Spenden finanziert. Die genaue Verwendung verfolgt Wetzel allerdings nicht. „Die Fachkräfte wissen am besten, wie und wo sie das Geld einsetzen.“ Sie selbst freut sich immer über Wollspenden, die im Laden „Buch und Musik“ für sie abgegeben werden können.

Jeder kann sich an den Lesesocken versuchen

Mit ihren bunten Söckchen will Wetzel auch andere motivieren, kreativ zu werden. Auf ihre Lesesocken gebe es kein Patent, jeder könne sich daran versuchen. Gerade während der Ausgangsbeschränkung durch Corona täte es gut, Ideen umzusetzen, die Freude machen, sich und auch anderen. „Das können auch nur Kleinigkeiten sein, die von Herzen kommen“, sagt Wetzel.

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