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Landkreis Neu-Ulm

11.09.2018

Wie Telefonbetrüger mit miesen Tricks auf Beutezug gehen

Bei Anruf Betrug: Zuletzt hat die Polizei in der Region viele Betrugsfälle verzeichnet, teilweise wurden hohe Geldsummen erbeutet. Die Ermittler erläutern, wie die Kriminellen vorgehen. <b>Foto: Martin Gerten/dpa</b>
Bild: Martin Gerten/dpa

Im August hat die Polizei in der Region einen Rekordwert an Fällen verzeichnet. In Senden und Illertissen wurde viel Geld gestohlen. Was die Ermittler wissen.

Spät am Abend legt eine ältere Frau in Elchingen 8500 Euro vor ihre Haustür. Eine andere überreicht in Senden 30000 Euro an einen Unbekannten. Und in Illertissen hebt ein Rentner 62000 Euro ab und übergibt sie einer Fremden. Alle drei Senioren werden dadurch zu Opfern von gerissenen Betrügern. Die Ersparnisse sind weg, die Bestürzung ist groß. Die Fälle ereigneten sich im August: Kriminellen hatten sich gegenüber den älteren Menschen am Telefon als Polizisten und Verwandte ausgegeben. Mit Erfolg (Lesen Sie dazu auch: Falsche Verwandte ergaunert 80.000 Euro von Senioren ).

So unglaublich diese Geschichten auch klingen mögen, sie sind wahr. Sie zeigen, wie geschickt Betrüger heutzutage vorgehen. Und wie massiv. Die Beutezüge in Elchingen, Senden und Illertissen waren längst nicht die einzigen Fälle in der Region: Im August verzeichnete die Polizei einen starken Anstieg bei der Zahl solcher Betrugsversuche. Vor allem falsche Polizisten trieben ihr Unwesen: Im Schutzbereich des Präsidiums Schwaben Süd/West mit Sitz in Kempten (von Lindau bis Neu-Ulm) wurden 186 Delikte gemeldet, 65 waren es allein bei der Kriminalpolizei (Kripo) Neu-Ulm. Daneben gab es im gleichen Monat 15 Betrugsfälle mit vermeintlichen Verwandten. Das sind Spitzenwerte im Jahr 2018. Die Dunkelziffer dürfte noch weit darüber liegen. Die Ursache? „Schwer zu sagen“, sagt Jürgen Salzmann, der Sprecher der Kripo Neu-Ulm. Er geht er davon aus, dass die Medienberichte über die ersten Fälle viele Menschen hellhörig gemacht haben. Deshalb seien wohl mehr verdächtige Beobachtungen gemeldet worden. (Lesen Sie dazu auch: Vorsicht, Betrug: Im Zweifelsfall lieber mal auflegen ).

Warum haben die Täter mit solchen Maschen immer noch Erfolg? Das sei für Ermittler durchaus frustrierend, räumt Salzmann ein. Sie wünschten sich grundsätzlich ein stärker ausgeprägtes Misstrauen. Die Opfer seien aber meist nicht einfältig. Denn die Betrüger arbeiteten mit perfiden Tricks, sagt Salzmann. Die falschen Polizisten spielten mit dem Authoritätsbewusstsein und der Gesetzestreue der Angerufenen – und der Angst ums eigene Vermögen. Erzählt werde nämlich oft eine Räuberpistole von einem angeblich bevorstehenden Einbruch und von der Notwendigkeit, zuvor noch schnell die Wertsachen in Sicherheit zu bringen.

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Der Enkeltrick funktioniert nicht nur in Illertissen

Aber auch beim sogenannten „Enkeltrick“ wird eine erfundene Geschichte aufgetischt: Gewiefte Anrufer geben sich als Verwandte oder Bekannte aus. Und das äußerst geschickt. Salzmann spricht von einer „Gesprächsführungstaktik“. So meldeten sich die Kriminellen nicht mit einem Namen, sondern mit einem knappen „Ich bin’s“. Dann versuchten sie das Vertrauen des Angerufenen zu gewinnen, stellten Fragen, hakten nach. Solange bis der einen Namen ins Spiel bringe. Oft gäben Betrugsopfer später bei der Befragung durch die Polizei an, der Anrufer habe alles gewusst und überzeugend gewirkt. Bei genauer Analyse des Gesprächsverlauf zeige sich dann aber, dass sie den Tätern unbewusst vieles verraten haben, erklärt Salzmann. Ist so eine Vertrauensbasis aufgebaut, schildern die Kriminellen eine erfundene Notlage und bitten um Geld. Und das nicht nur einmal.

„Sie manchen Stress und Druck, insistieren, rufen immer wieder an“, schildert Florian Wallner, der Pressesprecher des Präsidiums Schwaben Süd/West in Kempten das Vorgehen. Immer wieder klingele das Telefon: Die Täter versuchten, ihre auserkorenen Opfer zu beschäftigen, verteilten Aufgaben und ließen die Angerufenen „gar nicht mehr zur Ruhe kommen“. Geschweige denn zum Nachdenken darüber, für wen sie da vielleicht gerade ihr Konto plündern. Die Angerufenen würden durch psychologische Tricks regelrecht kontrolliert, sagt Wallner. Die Opfer seien der Auffassung, dass die geschilderten Situationen echt sind. Dass sich wirklich ein Verwandter in schlimmer Geldnot befinde. Oder ein Auto kaufen wolle. Schließlich folge der Gang zur Bank. So war es Ende August bei den Fällen in Senden und Illertissen. Die Beute: insgesamt 80000 Euro.

Betrüger überlassen nichts dem Zufall

Die Betrüger überlassen nichts dem Zufall: Die Telefonanrufe gingen von organisierten Banden aus, die dazu teilweise eigene Callcenter im ausland betreiben, sagt Wallner. Und die „grasen“ dann Landstriche mit Anrufen ab. Das zeige sich etwa daran, dass innerhalb kleiner Bereiche und weniger Tage mehrere Anrufe registriert werden. Auch bei den falschen Polizisten war das so.

Besonders perfide aus Sicht der echten Polizei: Wenn die Betrüger bei ihrem Anruf durch ein spezielles Computerprogramm im Display der Angerufenen die Notrufnummer 110 anzeigen lassen, oder sogar die der zuständigen Polizeidienststelle. Das sei also kein Grund für falsches vertrauen, sagt Polizist Salzmann. Im Zweifel: Auflegen. Und die echte Polizei anrufen.

Brauchen wir angesichts der Betrugsfälle mehr Misstrauen? Ja, sagt unser Redakteur Jens Carsten. Auch wenn´s schwer fällt. Seinen Kommentar lesen Sie hier: Nach Betrugsfällen: Bürger sollten misstrauisch sein.

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