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Babenhausen

04.10.2020

Wie gut ist die ärztliche Versorgung im Raum Babenhausen?

Wie gut ist die ärztliche Versorgung im Unterallgäu? Die Ansichten gehen auseinander.
Bild: Christin Klose/dpa (Symbolbild)

Plus Einer Berechnung zufolge ist der Landkreis Unterallgäu ausreichend mit Ärzten versorgt. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit.

Die ärztliche Versorgung im Unterallgäu ist rein rechnerisch gut. Das sagte Oliver Legler vom bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) kürzlich vor Bürgermeistern aus dem Landkreis. Die Bewertung stützt sich auf eine vom sogenannten Gemeinsamen Bundesausschuss vorgegebene Bedarfsplanungsrichtlinie. Im Verlauf der Diskussion wurde diese allerdings kritisiert: Sie sei unrealistisch und nicht mehr zeitgemäß.

Nach der vertragsärztlichen Bedarfsplanung soll ein Hausarzt 1609 Einwohner versorgen. Diese Ziffer sei „irgendwann erfunden“ worden. Bei einem Versorgungsgrad von 110 Prozent dürften sich keine weiteren Mediziner in einem Bereich als Hausarzt niederlassen. Ein Wert von 75 Prozent hingegen würde eine Unterversorgung bedeuten, so Legler. Das Unterallgäu ist in Bezug auf die hausärztliche Versorgung, die möglichst wohnortnah sein soll, in vier Planungsbereiche eingeteilt.

Acht Ärzte haben ihren Sitz in Babenhausen

Memmingen Nord: Die Verwaltungsgemeinschaft Babenhausen ist diesem Gebiet zugeordnet. Eckpunkte sind im Norden Kettershausen, im Westen Heimertingen, im Süden Sontheim und im Osten Kammlach. Rund 30.000 Menschen lebten zum Jahreswechsel in diesem Teil des Landkreises – und 20 Ärzte praktizieren dort, jeweils zur Hälfte Männer und Frauen. Acht der Mediziner haben ihren Sitz in Babenhausen. Der Versorgungsgrad beträgt laut Kassenärztlicher Vereinigung in Bayern 108,71 Prozent (Stand: August 2020).

Memmingen Süd: In diesem Bereich sind 50 Ärzte tätig. Er umfasst das südwestliche Unterallgäu – zwischen Legau, Holzgünz und Markt Rettenbach – sowie die kreisfreie Stadt Memmingen. Hier ist der Versorgungsgrad mit 89,31 Prozent im Vergleich am schlechtesten. Die mit Abstand meisten Mediziner praktizieren in Memmingen (30).

Mindelheim: Der Versorgungsgrad liegt hier bei 110,13 Prozent. Das Gebiet, zu dem neben der Kreisstadt etwa auch Pfaffenhausen, Dirlewang und Tussenhausen gehören, zählt 26 Ärzte. Es gilt als „aktuell überversorgt“.

Bad Wörishofen: Mit 23 Ärzten hat dieser Bereich, der unter anderem auch Ettringen und Türkheim einschließt, einen Versorgungsgrad von 104,80 Prozent.

Für Fachärzte gibt es im Landkreis Unterallgäu und der Stadt Memmingen nur eine Planungsregion. Je nach Fachrichtung ist der Versorgungsgrad wie folgt angegeben; die Zahlen sind gerundet:

  • Augenärzte: 119 Prozent.
  • Chirurgen und Orthopäden: 122 Prozent.
  • Frauenärzte: 119 Prozent.
  • Hautärzte: 129 Prozent.
  • Hals-, Nasen- und Ohrenärzte: 86 Prozent.
  • Kinderärzte: 109 Prozent.
  • Nervenärzte: 114 Prozent.
  • Psychotherapeuten: 114 Prozent.
  • Urologen: 109 Prozent.

Dieser Berechnung zufolge sind nur HNO-Ärzte im Unterallgäu gesucht. Auch bei den Anästhesisten (rund 110 Prozent), Fachinternisten (142 Prozent), Kinder- und Jugendpsychiatern (114 Prozent) und Radiologen (116 Prozent) besteht demnach kein weiterer Bedarf.

Woringens Bürgermeister Jochen Lutz war bei dem Treffen mit seinen Kollegen von diesen Rechenkünsten wenig überzeugt. „Das kann nicht die Realität sein“, meinte er. Das könne die Bevölkerung angesichts langer Wartezeiten bis zu einem Behandlungstermin nicht nachvollziehen.

Wunsch junger Ärzte: Beruf und Freizeit besser in Einklang bringen

Handlungsbedarf besteht tatsächlich, weil jeder dritte Arzt im Unterallgäu 60 Jahre und älter ist. Im Gebiet Memmingen Nord beispielsweise liegt das Durchschnittsalter bei etwa 57 Jahren. Konkret sind neun der 20 Ärzte Ü60.

Hinzukommt, wie der Experte ausführte, ein verstärkter Wunsch junger Ärzte, Beruf und Freizeit besser in Einklang zu bringen. Letztlich führe das dazu, dass mehr Ärzte gebraucht werden, weil diese weniger lang arbeiten wollen. Viele Hausärzte stehen laut Legler kurz vor dem Ruhestand und suchen nach einem Nachfolger. Für junge Ärzte sei eine klassische Hausarztpraxis aber häufig nicht attraktiv. Um zum Beispiel Familie und Beruf besser vereinbaren zu können, seien neue Arbeitsmodelle, zum Beispiel in Gemeinschaftspraxen, notwendig. Hierfür könnten die Kommunen geeignete Rahmenbedingungen schaffen – auch wenn für die eigentliche Sicherstellung der ärztlichen Versorgung die Kassenärztliche Vereinigung zuständig sei.

Was können Gemeinden tun?

Die einzelnen Gemeinden können Legler zufolge Ärzte vernetzen, medizinische Versorgungszentren gründen und interkommunale Strategien entwickeln. Ein geeignetes Forum, um die gemeindeübergreifende Zusammenarbeit voranzubringen, sei die Gesundheitsregion, die der Landkreis Unterallgäu mit der Stadt Memmingen anstrebe. Gemeinden, welche dabei beraten werden wollen, könnten sich ans Kommunalbüro für ärztliche Versorgung am LGL wenden.

Lesen Sie dazu auch: Gibt es genügend Notärzte im Landkreis Neu-Ulm?


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