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Illertissen

08.11.2019

Was unsere Klar.Texterin von Westafrika lernte

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Täglich grüßte das Murmeltier – auch in Ghana: Sophie bei der Feldarbeit.

Klar.Texterin Sophie Richter hat ein Jahr auf einer Farm in Ghana gearbeitet. Was sie erlebt hat und warum sie nun, zurück im Landkreis Neu-Ulm, viele unserer Werte kritisch hinterfragt.

Ein Jahr lang habe ich auf einer Farm in Ghana gearbeitet. Entwicklungshilfe in Westafrika, nennt sich das. Was ich dort eigentlich gemacht habe? Und vor allem: Was ich den Menschen beigebracht habe? Fragen wie diese bekomme ich häufig gestellt. Antworten zu geben, ist gar nicht so einfach. Auch jetzt nicht, nachdem ich seit ein paar Wochen zurück in meiner Heimat im Landkreis Neu-Ulm bin.

Vorab: Ich möchte niemanden kritisieren, der mich das fragt. Es hat sich gewissermaßen etabliert, viele afrikanische Länder als unterentwickelt zu bezeichnen, westliche Länder hingegen als entwickelt. Dieses Schema sollte meiner Meinung nach jedoch aufgebrochen werden. Denn mein Freiwilligendienst war vieles, aber sicherlich keine Entwicklungshilfe, auch wenn es offiziell so genannt wird. Dieses Wort suggeriert die Hilfsbedürftigkeit der anderen Seite. Tatsächlich war es aber eher ich selbst, die sich in Ghana entwickeln durfte. Ich möchte daher erzählen, was ich während meiner Zeit in Ghana erlebt habe und anregen, unser Wertesystem zu hinterfragen.

Auf dem Speiseplan stand auch das traditionelle ghanaische Gericht Kenkey.

In dem westafrikanischen Land traf ich auf ein ganz anderes Umfeld als in meiner Heimat. Täglich arbeitete ich auf einer Farm. Wir züchteten zum Beispiel Pilze oder ernteten in Handarbeit Moringa-Blätter, trockneten diese und pressten aus den Samen der Pflanze Öl.

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Diese Art von Farmarbeit ist in Ghana recht verbreitet, allerdings nicht sehr angesehen. Die Menschen dort leben in einfachsten Verhältnissen, viele haben mit schwierigen Situationen zu kämpfen. Unglücklich sind sie deshalb nicht, haben im Gegenteil überwiegend eine positive Lebenseinstellung. Ich habe viel Herzlichkeit und Offenheit erfahren – auch weil dort offenbar andere Werte zählen. Schon bald kamen mir manche Dinge, die in Deutschland als sehr wichtig angesehen werden, zum Teil fast lächerlich vor.

Ein Beispiel: Nicht jeder Ghanaer hat ein eigenes Auto. Klar, durchaus bedingt durch das geringe Einkommen. Aber im Gespräch mit den Menschen merkte ich: Sie empfinden es auch nicht als etwas Erstrebenswertes. Ein Auto bedeutet schlicht Mobilität und ist, zumindest im Moment, kein Statussymbol, wie man es in vielen westlichen Ländern beobachten kann. Dementsprechend ist das bei uns bekannte Problem, dass nur eine Person in einem riesigen Geländewagen eine Kurzstrecke fährt, in Ghana kaum existent. Fahrgemeinschaften fahren erst, wenn das Auto wirklich voll ist und selbst auf dem Land gibt es ein soweit ausgebautes Bussystem, dass ich immer überall hinkam.

Ghana, ein Staat in Westafrika, hat fast 29 Millionen Einwohner. Das wichtigste Exportgut der Republik ist Gold – trotzdem sind dort viele Menschen arm.

Auch die Einstellung der Ghanaer im alltäglichen Leben unterscheidet sich meiner Erfahrung nach grundlegend von unserer. Die Menschen, mit denen ich arbeitete, ließen sich kaum stressen, orientierten sich nicht an dem, was andere denken oder was man noch besser machen könnte. Da fehlt doch die Disziplin, habe ich am Anfang gedacht. Aber dann schafften wir es doch jeden Tag, gemeinsam das ganze Feld umzuackern und mehrere Hunderttausend Cashew-Pflanzen zu ziehen. Wer zu müde war, ruhte sich aus. Dann wurde aber auch wieder fleißig gearbeitet, von fehlender Arbeitsmoral und -bereitschaft keine Spur. In den westlichen Ländern würde das vielleicht als Work-Life-Balance umworben werden.

Durch die Arbeit auf der Farm habe ich auch eine andere Einstellung zu Lebensmitteln entwickelt. Ich finde es schade, dass die Wertschätzung der Menschen in der westlichen Gesellschaft für ihr Essen gefühlt oft gering ist. Viel zu oft zählt: hauptsache billig. Mit der Klimakrise wächst zum Glück auch das Bewusstsein für die Notwendigkeit ökologischer, nachhaltiger Lebensweisen, auch in der Landwirtschaft.

Dass in dieser Hinsicht auch in Afrika einiges getan wird, zeigt das Global Ecovillage Network. Das ist ein Netzwerk von Farmern und Organisationen, die sich nach eigenen Angaben mit Aufklärung, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit für eine nachhaltige Entwicklung und die Stärkung der Gesellschaft einsetzen. Das Netzwerk ist in 32 afrikanischen Ländern vertreten, in Ghana gibt es seit 2012 einen Ableger: das „Ghana Permaculture Institut“ (GPI). Dort war ich als Freiwillige eingesetzt. Aktuell kämpft GPI für ein Gesetz, das die ökologische Landwirtschaft in der Politik verankern soll. Denn momentan gibt es in Ghana noch keinen Markt für biologische Lebensmittel.

Ghana erhielt am 6. März 1957 als erstes Land Afrikas die Unabhängigkeit.

Ein anderes Beispiel im Bereich Umweltschutz ist die „Green Africa Youth Organisation“. Seit 2014 vernetzt sich die Organisation global und setzt sich für eine nachhaltige Lebensweise und Umweltschutz ein. Konkret gibt es bereits Pilotprojekte für nachhaltige Dorfgemeinschaften mit Kreislaufwirtschaft, also fast vollständiger Eigenständigkeit und viel Recycling. Die Organisation veranstaltet viele Aktionen mit Jugendlichen, zum Beispiel Müll sammeln am Strand oder Workshops, um Abfall in neuwertige Produkte umzuwandeln. Ich habe Desmond, einen der Mitbegründer der Organisation, getroffen und war beeindruckt, wie sehr er hinter der Sache steht. Angefangen bei dem eigenen Stoffbeutel in der Hosentasche oder der Wasserflasche aus Glas, um unnötigen Plastikmüll zu vermeiden. Vieles von dem, was ich in Ghana gesehen habe, will ich auch in Zukunft selbst umsetzen.

Generell habe ich in dem Jahr gelernt, selbst viele Dinge zu hinterfragen. Auch bei vielen begleitenden Seminaren der „Kurve Wustrow“, der Organisation, die mein Freiwilligenjahr organisiert hat. Bei den Veranstaltungen habe ich mich auch mit Themen beschäftigt, die in der Schule nur am Rande behandelt werden, zum Beispiel Postkolonialismus, Rassismuskritik und Privilegien. Ich bin sehr dankbar für all die Erfahrungen, die ich in Ghana machen durfte, bin viel zum Reflektieren gekommen, über mich selbst und die Welt. Und ich bin froh um jedes Erlebnis und jede Erfahrung, negativ und positiv.

Es ist mir deshalb ein Anliegen, andere Sicht- und Lebensweisen, die ich kennenlernen durfte, aufzuzeigen, Anregungen zum Nachdenken zu geben, unser Wertesystem teilweise zu hinterfragen und neue Perspektiven zu sehen. Ich möchte nicht werten, was gut oder schlecht ist, aber: Egal wo, ist nicht ein nachhaltiges Leben mit ökologischer Landwirtschaft ein wirklich sinnvolles anzustrebendes Ziel?

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