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Balzhausen

31.05.2019

68er-Bewegung: Als es in Balzhausen eine Kommune gab

Das ehemalige Strehle-Anwesen in den 70er Jahren. Das Schild links unten („Des is koi Wirdschaft“) weist darauf hin, dass es keine Gastwirtschaft war.
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Das ehemalige Strehle-Anwesen in den 70er Jahren. Das Schild links unten („Des is koi Wirdschaft“) weist darauf hin, dass es keine Gastwirtschaft war.
Bild: Alf Leber/Peter Wieser

Plus Alf Leber war einer der Bewohner im Strehle-Anwesen. Er erzählt, wie in der Kommune gelebt wurde und was die Balzhauser dazu sagten.

Was hat Balzhausen mit Berlin oder mit Hamburg gemeinsam? In den 70er Jahren waren in den Großstädten Kommunen sehr verbreitet. Sie waren die Nachfolge der Proteste aus der 68-er Zeit, Ausbruch aus elterlichen Kleinfamilien und nicht zuletzt: In einer Wohngemeinschaft lebt es sich günstiger. In Balzhausen gab es ebenfalls eine Kommune – im Strehle-Anwesen, dem heutigen Dorftreff beim Strehle.

Alf Leber, Jahrgang 1951, Diplom-Psychologe in Ruhestand und heute in Straßberg bei Bobingen lebend, war einer der Bewohner. Vor Kurzem berichtete er bei einem Vortrag im Dorftreff beim Strehle über die Zeit, die er dort verbrachte. Wie kam Balzhausen zu einer Kommune? Alf Leber zeigte an diesem Donnerstag zunächst Bilder vom Garten, dem damaligen Stadel und den Verzierungen an den Balkenköpfen. „Ein tolles Gebäude“, wie er im Gespräch und beim Vortrag sagt. Der damalige Besitzer des Strehle-Anwesens hatte es 1972 von der Familie Strehle geerbt, führte noch zwei Jahre die Gastwirtschaft, bevor er auszog. Ein Augsburger habe es, nachdem es zwei Jahre leer stand, dann für 300 Mark gemietet. In einer Studentenkneipe habe er zuvor Gleichgesinnte angesprochen, dieses als Wochenendhaus zu nutzen. So seien die ersten Bewohner, Einzelpersonen und Paare, etwa 20 Personen, nach Balzhausen gekommen, erzählt Alf Leber.

„Viel Arbeit, die aber nichts abgeworfen hat“

Er selbst habe Abitur gemacht, den Kriegsdienst verweigert, Psychologie studiert, als LKW-Fahrer gejobbt, sogar eine Fahrradselbsthilfewerkstatt habe er betrieben. „Viel Arbeit, die aber nichts abgeworfen hat“, verrät er schmunzelnd. Man habe sich mit den absurdesten Ideen auseinandergesetzt, eben anders sein wollen.

68er-Bewegung: Als es in Balzhausen eine Kommune gab

1975 war er 24, als es mit der sogenannten Wochenendgemeinschaft nach und nach los ging. Bereits nach drei Monaten kam der erste Schock: Der Besitzer stand vor der Tür und fragte, ob man denn nicht einmal Miete bezahlen wolle. „Geld hatte keiner“, erzählt Leber. Viele hätten sich künstlerisch beschäftigt – Kunst, bei der nichts herausgesprungen sei.

Das Problem seien immer die Finanzen gewesen. Alles sei irgendwie idealistisch geregelt gewesen, nur habe das meistens nicht funktioniert. Geregelt war auch die Verpflegung: Das Frühstück kostete eine Mark, das Mittagessen 3,50, eine Halbe Bier immerhin 80 Pfennig und ein Weizenbock ganze 1,30. Auch die Müllbeseitigung war so eine Sache, nachdem der Balzhauser Müllplatz geschlossen wurde: Auf einmal kam das Müllauto und das kostete ebenfalls wieder Geld.

Lange Haare und eben anders. Alf Leber bei der Ernte auf dem Mähdrescher vom ehemaligen Nachbarn „Sepp“.
Bild: Alf Leber/Peter Wieser

Vieles wurde improvisiert. Alf Leber hatte sich damals von der Post einen VW-Bus gekauft – für 100 Mark und ohne Motor. Den hatte er sich vom Schrottplatz für weitere 100 Mark besorgt. Im Gebäude renovierte die Kommune das Bad, baute sogar eine Sauna ein. Auch ein Teil des Daches wurde frisch gedeckt und die Fassade gestrichen – alles mit geringstmöglichem finanziellem Aufwand. Es soll sogar vorgekommen sein, dass plötzlich Fremde im ehemaligen Gastraum standen, in der Meinung, dass das Anwesen immer noch eine Gastwirtschaft sei. Also wurde ein großes Schild aufgestellt, auf dem stand: „Des is koi Wirdschaft“.

Telefongespräche von Mitbewohnern wurden abgehört

„Da steht einer vom Verfassungsschutz“, habe einmal eine Mitbewohnerin gesagt, als sie am Fenster des Gastraums gestanden sei. „Dass man wegen „uns Kaschper“ gleich den Verfassungsschutz schickt, das hat keiner geglaubt“, erzählt Alf Leber schmunzelnd. Tatsächlich sei man durch Zufall darauf gestoßen, dass über fünf Jahre die Telefongespräche zweier Mitbewohner abgehört wurden. Leute, die nicht so recht ins Schema passten, seien damals offensichtlich tatsächlich unter Beobachtung gestanden.

Ab den 70er Jahren bis Anfang 2000 gab es in Balzhausen eine Kommune. Alf Leber, ehemaliger Mitbewohner, berichtet aus dieser Zeit.
Bild: Alf Leber/Peter Wieser

Große Kontakte zu den Dorfbewohnern gab es anfangs nicht. „Viele von uns waren ja nur am Wochenende da“, erzählt Alf Leber weiter. Mit den Jahren sei die Akzeptanz dann besser geworden. „Wir müssen froh sein, dass wir die Kommune haben“, soll es geheißen haben. Wohl hätte es noch schlimmeres geben können, als eine Kommune. „Man hat ja nicht reingesehen“, sagt eine Balzhauserin. Etwas anders war es bei den Nachbarn, wie bei Josef Haugg, dem „Sepp“, mit dem es sogar zu einer gewissen Freundschaft kam. „Mir sind gut auskommen“, sagt er. Alf Leber half sogar bei der Ernte mit, saß auf dem Mähdrescher oder half bei kleineren Reparaturen und kam auf diese Weise an manchem Sonntagmittag in den Genuss eines Schweinebratens. „Manchmal isch’ ma scho a bissle narrat worden von der Musik, bluatig laut, und sogar getrommelt ham die“, erinnert sich Irma Rehm. Kräftig gefeiert wurde nämlich auch, vor allem, wenn Freunde oder gar die eine oder andere Band aus Augsburg zu Gast waren. „Aber so waren sie scho ok, die Leut’“, fügt Irma Rehm lachend hinzu.

Das Aus für Balzhausens Kommune kam in den 90ern

In den 90er Jahren kam nach und nach das Aus für die Kommune. 2002 teilte der Vermieter der Kommune mit, dass er das Anwesen verkaufen und den Mietvertrag kündigen werde. Im selben Jahr gab es ein Abschiedsfest mit allen Bewohnern, auch den Ehemaligen. 2008 kaufte die Gemeinde das Anwesen, nach umfangreichen Planungen und Sanierungen ist heute der „Dorftreff beim Strehle“ daraus geworden.

„Es rückt sich manches zurecht“, sagt eine Besucherin des Vortrags. Die Kommune und die „langhaarigen Kerle“ seien für Balzhausen halt schon „a bissle“ was Exotisches gewesen, fügt ein Balzhauser schmunzelnd hinzu.

Lesen Sie zur 68-Bewegung in der Region auch: Bewegte Frisuren und heiße Musik

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