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Landkreis Günzburg

30.05.2015

Asylbewerber warten auf eine ungewisse Zukunft

Im Asylbewerberheim in Deffingen sind vor allem afrikanische Familien untergebracht, die teilweise seit über drei Jahren auf ihren Asylbescheid warten.
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Im Asylbewerberheim in Deffingen sind vor allem afrikanische Familien untergebracht, die teilweise seit über drei Jahren auf ihren Asylbescheid warten.
Bild: Bernhard Weizenegger

Knapp 800 Flüchtlinge leben im Landkreis Günzburg. Doch wie wohnen sie? Was bewegt sie? Ein Besuch in den Unterkünften Deffingen und Krumbach.

Warten. Viel mehr können die meisten der fast 800 Asylbewerber im Kreis Günzburg nicht tun. Richard Wiedemann, der sich im Landratsamt unter anderem um das Unterbringen der Flüchtlinge kümmert, muss den Menschen in der neuen Unterkunft an der Adolf-Kolping-Straße in Krumbach immer wieder sagen, dass er und seine Kollegen dafür nichts können, weil sie gar nicht zuständig sind.

Doch die Flüchtlinge nutzen die Gelegenheit, mit irgendjemandem von irgendeinem Amt sprechen zu können. Sie seien dankbar, hier zu sein, sagen sie. Sie seien dankbar, dass ihnen geholfen werde. Aber immer nur Warten auf die Entscheidung, ob Asyl gewährt wird. Das zermürbt sie sichtlich. Wiedemann wiederholt wieder und wieder, dass er die Sorgen an Landrat Hubert Hafner weitergeben werde, aber das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zuständig ist.

Die Nürnberger Behörde entscheidet, ob jemand in Deutschland bleiben darf oder in seine Heimat zurückkehren muss. Das kann bis zu mehreren Jahren dauern. Für die meisten Menschen im früheren Bürogebäude an der Adolf-Kolping-Straße in Bahnhofsnähe stehen die Chancen immerhin nicht schlecht, dass sie zumindest erst einmal in der Bundesrepublik bleiben können. Schließlich stammen 37 aus Syrien, wo durch den jahrelangen Bürgerkrieg und den Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat Chaos herrscht. Drei Afghanen wohnen auch hier. Genauso wie 18 Albaner. Diese werden mit Sicherheit nicht bleiben dürfen. Denn wie eine der Familien selbst sagt, sind sie nicht nach Deutschland gekommen, weil sie verfolgt werden, sondern weil sie sich ein besseres Leben erträumen. Das aber hat mit Asyl nichts zu tun.

Von Italien aus sind dieser Mann und diese Frau mit ihren vier Kindern in einem Zug nach Bayern gekommen, weil es zu Hause keine Chance auf Arbeit gebe. Zuerst versuchten sie ihr Glück in Griechenland, doch das fanden sie dort nicht. Nun also Deutschland. „Es ist ein großes und wichtiges Land“, übersetzt ein anderer Asylbewerber aus dem Griechischen ins Türkische, was der Hausmeister wiederum ins Deutsche dolmetscht. Vorbereitet auf dieses Land haben sie sich nicht. Sie wollen nur arbeiten. Und besser als in Albanien gefällt es ihnen schon jetzt hier. Doch was passiert, wenn sie zurück geschickt werden? „Dann sehen wir schwarz für uns.“

Sorgen um die Familie daheim

Die Flüchtlinge aus Syrien würden sich zumindest über irgendeine Entscheidung freuen. Die dauernde Ungewissheit ist für sie unerträglich, zumal die Zeit gegen sie läuft. Die Männer, die in einem Raum mit mehreren Stockbetten und Spinden aus Metall wohnen, haben Familie zu Hause. Jederzeit kann den Ehefrauen und Kindern etwas passieren. Die Männer sind hier, um sie nachzuholen. Doch wann sie ihre Lieben wiedersehen, weiß niemand. Erst einmal bleiben ihnen nur die Erinnerungen und Fotos. Einer der Männer zieht wie zum Beweis sein Mobiltelefon aus der Tasche und zeigt das Bild seiner Tochter. Sie wurde vor wenigen Tagen geboren. Und er konnte nicht dabei sein.

Das Warten ist nicht das einzige, was sie bedrückt. Gerne würden sie so gut wie möglich Deutsch lernen. Doch dabei sind sie auf Ehrenamtliche angewiesen, die ihre Hilfe in der neuen Unterkunft erst einmal organisieren müssen. Gerne würden sie etwas mit Deutschen unternehmen. Aber auch hier müssen die Angebote erst zusammengestellt werden. Gerne würden sie arbeiten. Doch ohne Sprachkenntnisse... Auch würden Ärzte sie nicht als Patienten haben wollen. So hatten sie sich das alles nicht vorgestellt. Dankbar, in Sicherheit zu sein, sind sie trotz allem.

Bürger sollten sich für die Asylbewerber interessieren

Das gilt auch für die Asylbewerber in der Unterkunft im Günzburger Stadtteil Deffingen. In einem früheren Gasthaus sind 36 Flüchtlinge untergebracht, die meisten von ihnen stammen aus diversen afrikanischen Staaten. Doch auch hier ist das Warten das größte Problem. „Die Leute müssen einfach zu lange in Ungewissheit leben, das produziert nun einmal Konflikte“, sagt Vermieterin Claudia Adomeit-Yilmaz, die mit ihrem Mann früher das Gasthaus führte.

Den Flüchtlingen werde von den Behörden nicht einmal erklärt, wie sie sich in Deutschland verhalten sollten und welche Regeln gelten, etwa bei der Müllentsorgung. Und von den Einwohnern würde sie sich wünschen, dass sie sich mehr für die Situation der Asylbewerber interessieren, um sie zu verstehen und Vorurteile abzubauen. „Anfangs wurde ich regelrecht von den Leuten geschnitten, heute grüßen sie mich immerhin wieder. Es hat sich eingespielt.“

Es werden weitere Unterkünfte nötig sein

Eine Einschätzung, die sowohl Rita Jubt von der Ehrenamts-Initiative „Deffingen hilft“ als auch Silvia Schreiner-Metzele, Koordinatorin im Landratsamt für die Ehrenamtlichen im Asylbereich, teilen. Auch Achim Fißl, Integrationsbeauftragter der Stadt Krumbach, sieht bei den Flüchtlingen den Willen zur Integration und bei den Bürgern den Willen zum Helfen. Einig sind sich alle aber auch darin: Die Asylbewerber brauchen mehr professionelle Hilfe. Die Diakonie Neu-Ulm kann aber wegen der vielen Menschen nur einmal pro Woche in die Unterkünfte fahren, sonst müssen sie zur zentralen Beratung kommen.

Weniger zu tun geben wird es jedenfalls nicht. „Wir werden noch weitere Unterkünfte im Landkreis eröffnen müssen“, kündigt Richard Wiedemann vom Landratsamt an. Doch wann sie wo wen unterbringen muss, erfährt die Behörde selbst erst kurz zuvor. Die Lage bleibt schwierig. Und wenn die Asylbewerber erst einmal anerkannt sind, wird es auch nicht unbedingt besser. Denn bezahlbaren Wohnraum gibt es schon für viele Deutsche nicht.

Was den Asylbewerbern zusteht

Im Kreis gibt es vier Gemeinschaftsunterkünfte der Regierung und 16 dezentrale Unterkünfte, für die der Kreis zuständig ist. Die neueste wird am Günzburger Bahnhof bezogen. Sie ist für 45 Personen ausgelegt. In Dürrlauingen leben unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Einem Erwachsenen wird ein Betrag von 325,61 Euro pro Monat ausgezahlt. Der Lebenspartner erhält 293,01, weitere im selben Haushalt lebende Erwachsene 260,10 Euro. Jugendliche von 14 bis 18 Jahren bekommen 266,11 Euro, von sechs bis 14 Jahren 236,80 und bis sechs Jahre 209,23 Euro. Die Kosten für Strom und Heizung sind eingerechnet. Nur wer außerhalb einer offiziellen Unterkunft wohnt, bekommt noch Geld für Strom und Heizung. Die Regelsätze orientieren sich an Hartz IV. Anerkannte Asylbewerber werden wie Hartz-IV-Empfänger behandelt und erhalten das entsprechende Geld. Der Regelsatz liegt bei 399 Euro.

Drei Monate nach der Ankunft gilt ein Arbeitsverbot. Dann wird zwölf Monate lang geprüft, ob ein Deutscher oder EU-Bürger für eine Arbeitsstelle geeignet ist. Danach sind nur noch Zeitarbeitsstellen tabu. Die Regelung soll auch Befürchtungen vorbeugen, die Flüchtlinge würden jemandem die Arbeit wegnehmen.

Infos Zum Thema Asyl gibt es Informationen beim Landratsamt.

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