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Ursberg

27.07.2019

Besonderer "Kapitän" in Ursberg: So prägte Konrad Bestle die Förderschule

Ein Leben für und mit Menschen mit Behinderung: Konrad Bestle in seinen Anfangsjahren an der Schule.
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Ein Leben für und mit Menschen mit Behinderung: Konrad Bestle in seinen Anfangsjahren an der Schule.
Bild: Archiv DRW

Plus Konrad Bestle hat die Förderschule für geistige Entwicklung in Ursberg vier Jahrzehnte lang geprägt. Jetzt geht er in Ruhestand. Ein Porträt.

Unverkennbar Konrad Bestle. Groß und stattlich gebaut. Ausgestattet mit einem Kinn- und Backenbart, der so manchem Kapitän auf hoher See zur Ehre gereichen würde. Es fehlt eigentlich nur noch die Pfeife im Mundwinkel, die er als überzeugter Nichtraucher aber konsequent ablehnen würde. Das Bild passt trotzdem: Bestle war so etwas wie ein Kapitän, der viele Jahrzehnte auf der Brücke seiner Schule stand. Und er hatte wertvolle Passagiere: Kinder mit einem sehr schwierigen Start ins Leben, Eltern, die sich in ihrer Not an ihn wandten, Kolleginnen und Kollegen, die gemeinsam mit ihm den fachlichen Kurs des Schuldampfers bestimmten. Für sie alle hielt er das Steuerrad, für sie setzte er sich ein, für sie kämpfte er – fast 40 Jahre lang. Zu seinem Abschied sagt er: „Diese Schule war mein Leben.“

Zu Konrad Bestles Verabschiedung gibt es bei uns eine weitere große Geschichte und einen Kommentar:

Ursberg: Konrad Bestles beeindruckende Leistung

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Konrad Bestle - ein besonderer "Kapitän" in Ursberg

Konrad Bestle hat früh seine Chance bekommen, an entscheidender Stelle eine Schule zu prägen – und er hat sie beherzt genutzt. Gesucht hat er sie nicht. „Karriere“ ist ein Fremdwort für ihn. Seine Berufung erlebte er als 15-Jähriger. Er hatte eine Cousine mit Down-Syndrom. „Damals habe ich miterlebt, wie sich die Familie damit schwer tat und nicht offen über das behinderte Kind sprach.“ 1974 arbeitet er in den Ferien im Pflegebereich in Ursberg. Es folgten Praktikum, das Lehramtsstudium mit den Schwerpunkten „Lernbehinderten- und Geistigbehindertenpädagogik“, 1980 das Referendariat an der Ursberger Förderschule, die sein Lebenswerk werden sollte. Bereits 1985 mit Anfang 30 wird er stellvertretender Schulleiter, 1987 übernimmt er als erster weltlicher Chef die Schulleitung von Sr. M. Evangelista Höfer CSJ von der St. Josefskongregation. Sie schenkte dem jungen Lehrer Vertrauen. Dieses Vertrauen hat er selbst stets auch in den Lehrernachwuchs investiert. „Personalsuche ist Schatzsuche. Man muss Talente finden und ihnen Raum zur Entwicklung geben.“ Folgerichtig holte er das Studienseminar Schwaben für angehende Förderschullehrer an die Schule nach Ursberg. Noch Anfang der 1980er Jahre musste man kämpfen für das Recht eines Kindes mit geistiger Entwicklungsverzögerung, eine Förderschule besuchen zu dürfen. Auf rauer See befand er sich freilich nicht nur zusammen mit Schulbehörden und Ministerien. Bei den Verhandlungen um die Gründung der Schule St. Martin im gleichnamigen Ursberger heilpädagogischen Heim für Kinder und Jugendliche musste um jeden Teller und jede Tasse gefeilscht werden. Und immer wieder die Frage: Was dient dem Kind? Wie kann eine zeitgemäße Förderung aussehen auch außerhalb der Kernschulzeit? Also gründete Bestle „so ganz nebenher“ die Heilpädagogische Tagesstätte am Standort Ursberg und baute diese von zwei auf derzeit 18 Gruppen aus. Grundlage seines Engagements war für den gläubigen Katholiken eine feste Überzeugung: „Keiner ist verloren. Gott ist da für jeden.“ Ein Satz, den er angesichts so vieler erschütternder und schwerer Lebensgeschichten von Kindern und Familien formulierte und an dem er unentwegt festhielt.

Eine ungeheuer große Spannbreite

Bis heute ist die Spannbreite der Bedarfe der Schüler des Förderzentrums ungeheuer groß. Sie reicht von schwerstbehinderten Kindern, die nur noch wenig Lebenszeit haben bis zu hochbegabten Kindern mit einer ebenso hohen Verhaltensoriginalität. Viele von ihnen bringen zudem ihre ganz besondere Familiengeschichte mit. Einige waren als Baby Übergriffen von Erwachsenen ausgesetzt, wurden misshandelt und körperlich und seelisch tief verletzt. „Wir sind keine Schule, die man sich freiwillig aussucht“, sagt er. „Bei uns zählen die individuellen Erfolge des einzelnen Kindes. Nur damit können wir überzeugen.“

Und für diese besondere Aufgabe braucht es besondere Lehrerpersönlichkeiten. Konrad Bestle ist einer der letzten Vertreter jener Lehrergeneration, die ganze Generationen geprägt haben. „Ein guter Lehrer muss anwesend sein, belastbar“, ist sein Credo. Aber Bestle weiß auch um die Belastung des Berufs, für die persönliche Gesundheit wie für die Familie. Er kennt die „Sonntagsunruhe“ eines Lehrers, der befürchtet, er habe etwas bei der Unterrichtsvorbereitung übersehen. Und deshalb macht er sich Sorgen um die neue Generation von Pädagogen. Seine Botschaft an die Schulbehörden: „Die berufliche Überbelastung von Lehrern darf nicht einkalkuliert werden.“ Für Konrad Bestle verschmolzen Privat- und Dienstzeit stets ineinander. „Es war mir wichtig, keinen großen Abstand zu meinem beruflichen Umfeld zu haben. Als Ursberger kann ich in meiner Freizeit Menschen mit Behinderung völlig ungezwungen begegnen. Das ist für mich ein wichtiger Aspekt von Inklusion.“

Die Familie, die oft zurückstecken musste, war Teil dieser Lebensarbeitswelt. Als eines Tages das Jugendamt bei Bestle anruft, weil es kurzfristig eine Bleibe für einen Jungen im Rollstuhl mit Spastik sucht, nimmt ihn Bestle nach kurzer Rücksprache mit seiner Frau Hermine in sein Heim auf. Er hat da immerhin schon vier eigene Kinder. Daraus sind 24 Jahre geworden. Pflegesohn Marian, der heute in Augsburg lebt, ist festes Familienmitglied geworden. Für sein Engagement bekam er 2006 die Silberdistel unserer Zeitung.

Was er im Ruhestand vorhat: Konrad Bestle lässt es auf sich zukommen. Pläne hat er keine. „Ich werde nicht am Fenster stehen und rufen ‚Lasst mich wieder rein’“, beruhigt er lachend seine Kollegen. Vielleicht sind es die vermeintlich kleinen Dinge des Lebens, die die größte Veränderung signalisieren. Öfter mal einen Cappuccino mit seiner Frau und seinem Pflegesohn Marian auf dem Rathausplatz in Augsburg trinken – das wäre durchaus ein Anfang.

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