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Günzburg/Kreis Augsburg

09.12.2020

Bewährungs- und Geldstrafen für Apotheker nach "Deal": Es bleiben Fragen offen

Der angeklagte Apotheker (links) mit seinen Rechtsanwälten Walter Rubach und Christoph Mayer, sowie dessen Ehefrau (rechts) und Schwager mit Rechtsanwalt Moritz Bode.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Zwei Apotheker aus Jettingen und dem Kreis Augsburg haben ohne Genehmigung Arzneimittel hergestellt und verkauft. Nach einem Deal gestehen sie - es bleiben aber Fragen offen.

Lange hat es gedauert vom Anfangsverdacht gegen einen Apotheker aus Jettingen-Scheppach bis zu einem Prozess – fast eineinhalb Jahre. Und als es an diesem 9. Dezember schließlich soweit ist, wird die Verhandlung am Amtsgericht Günzburg schon wieder unterbrochen. Die Rechtsanwälte des Mannes und seiner mitangeklagten Ehefrau und seines Schwagers bitten zum Rechtsgespräch hinter verschlossenen Türen. Zwei Stunden später sollte daraus ein „Deal“ werden.

Im Austausch gegen Geständnisse lassen sich Gericht und Staatsanwaltschaft auf ein bestimmtes Strafmaß gegen das Trio ein. Das erspart allen Beteiligten eine umfangreiche Beweisaufnahme, in der zahlreiche Zeugen und Sachverständige hätten gehört werden müssen. Das hätte den Prozess über Wochen, vielleicht sogar Monate in die Länge gezogen. So fällt das Urteil noch am selben Tag.

Prozess in Günzburg: Apotheker räumen Vorwürfe ein

Die Angeklagten räumen über ihre Rechtsanwälte die Vorwürfe so ein, wie sie in der Anklage stehen. Demnach hatte der Jettinger Apotheker im Keller seines Wohnhauses 2018 selbst Medikamente hergestellt und als Nahrungsergänzungsmittel im Gesamtwert von 13.500 Euro in seiner Apotheke verkauft, ohne die erforderliche Zulassung zu besitzen. Experten des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) attestierten fünf der bei einer Durchsuchung sichergestellten Präparate geminderte Qualität und stuften zwei gar als gesundheitlich bedenklich an.

Eine Kriminalbeamtin beschreibt vor Gericht schlechte hygienische Zustände in dem Keller, spricht von einem beißenden Geruch und einem klebrigen Fußboden. Von den untersuchten 60 Präparaten sei kein einziges ohne Mangel gewesen, sagt die Polizeibeamtin. Es gab damals, im September 2019, eine Rückrufaktion für die Präparate. Von ernsthaften Schäden für Konsumenten ist allerdings nichts bekannt.

Apotheker-Ehepaar aus Jettingen hatte gar keine Doktor-Titel

Auch der Schwager hatte ohne Erlaubnis selbst Medikamente hergestellt und verkauft, allerdings unter, wie die Ermittlerin sagt, „professionelleren Bedingungen.“ Auch die Ehefrau, die in Jettingen selbst eine Apotheke betreibt, soll laut Anklage gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen und Medikamente ohne Zulassung in ihrem Laden verkauft haben. Dieser Vorwurf wurde im Rahmen des „Deals“ fallengelassen. Was ihr und ihrem Ehemann blieb, war das Führen eines falschen Doktortitels.

Auf ihrer Internetseite und sogar im Handelsregister hatte das Ehepaar sich jeweils Doktor genannt, ohne je promoviert zu haben. Die Promotionsurkunden der beiden waren gefälscht. Sie bedauere, dass sie sich dazu habe hinreißen lassen, lässt die Angeklagte über ihren Verteidiger Stefan Mittelbach erklären. Die Initiative sei von dritter Seite gekommen. Eine weitere Aufklärung gibt es nicht.

Antwalt des Apothekers beklagt vor Gericht "öffentliche Vernichtung" seines Mandanten

Überhaupt bleiben ohne eine ausführliche Beweisaufnahme einige Fragen offen. Vor allem die Frage nach dem Warum wird nicht beantwortet. Zwar stehen alle drei zu ihren Taten. Wie aber kam es so weit? Staatsanwalt Daniel Theurer spricht von einem großen Vertrauensvorschuss den die Kunden ihnen entgegenbrachten. Den hätten die Apotheker enttäuscht. Warum, diese Frage bleibt unbeantwortet. Stattdessen beklagt Rechtsanwalt Walter Rubach in Namen seines Mandanten die „öffentliche Vernichtung“, die schon vor dem Prozess stattgefunden habe. So verlor der Mann nach eigener Aussage eine Anstellung, nachdem bekannt geworden war, dass gegen ihn Anklage erhoben wurde. Seither ist er arbeitslos. Lediglich der Schwager findet am Ende noch eigene Worte des Bedauerns. Er habe eigentlich nur den Leuten helfen wollen, sagt er.

42 Aktenordner füllte das Verfahren gegen die Apotheker.
Bild: Bernhard Weizenegger

Letztlich wird er zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten verurteilt und muss die an den Arzneimitteln verdienten 8000 Euro als Wertersatz zahlen. Hinzu kommt eine Geldauflage von 7000 Euro. Der Jettinger Apotheker erhält ein Jahr auf Bewährung, einen Wertersatz von 13.500 Euro und 150 Arbeitsstunden. Seine Frau kommt mit einer Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu je 100 Euro, insgesamt 18.000 Euro davon.

Amtsgericht Günzburg: Richterin spricht von "Selbstüberschätzung"

Richterin Daniela König spricht bei der Urteilsverkündung von Selbstüberschätzung bei den Angeklagten. Aus finanziellen Interessen heraus hätten sie das mit den Verstößen nicht so genau genommen. „Sie haben die Bodenhaftung verloren. Jetzt stehen Sie vor den Scherben Ihrer Existenz“, sagt König. Wie sich das Urteil auf die Zulassung der drei auswirkt, bleibt abzuwarten. Diese Entscheidung fällt die Landesapothekerkammer.

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