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Landkreis Günzburg

04.06.2018

Bewegte Frisuren und heiße Musik

Die Band Glass Onion in den 70er-Jahren auf dem Krumbacher Waldsportplatz. Von links: Bebo Kindl, Fred Miller, Arnold „Solo“ Schmid, Willi „Stubs“ Studnitz und Franz „Ali“ Alstetter (heute Vorsitzender des Bezirks 11 des Allgäu-Schwäbischen Muisikbundes).
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Die Band Glass Onion in den 70er-Jahren auf dem Krumbacher Waldsportplatz. Von links: Bebo Kindl, Fred Miller, Arnold „Solo“ Schmid, Willi „Stubs“ Studnitz und Franz „Ali“ Alstetter (heute Vorsitzender des Bezirks 11 des Allgäu-Schwäbischen Muisikbundes).
Bild: Adi Ross

1968 und die Jahre danach haben auch unsere Region maßgeblich verändert. Es war mehr als nur ein politischer Umbruch.

Ein Rock-‘n’-Roll-Sänger? Man könnte es fast meinen bei diesem Anblick. Doch es ist – der Pfarrer. Markus Holzheu, seit 1969 Krumbachs neuer Stadtpfarrer. Holzheu gilt in seiner theologischen Ausrichtung als eher konservativ. Er ist gewissermaßen alles andere als ein Rock-‘n’-Roller. Doch allein sein Aussehen ist ein bemerkenswerter Kontrast zum erhaben-staatsmännischen Auftreten seines Vorgängers Karl Weiß. Und allein schon das lässt uns den Geist der Zeit, die viele mit dem Jahr 1968 umschreiben, spüren.

1968: Das scheint vordergründig die große Umwälzung in Großstädten wie Paris und Berlin zu sein, der Aufbruch der Studenten, der Protest gegen den Vietnamkrieg. Doch wer näher auf diese Zeit blickt, spürt schnell, dass die Veränderungen nicht auf die Städte beschränkt blieben. Und sichtbar wird, dass der Umbruch nicht auf ein Jahr reduziert werden kann. Er ist vielmehr ein Prozess, der in den 60er-Jahren beginnt und weit in die 70er-Jahre hineinreicht. Beispielhaft steht dafür der politische Umbruch in Günzburg 1970. Es „begann ein Wahlkampf um den Posten des Oberbürgermeisters, wie ihn Günzburg noch nie erlebt hatte“, schreibt der Günzburger Chronist Franz Reißenauer. Am Ende siegt Dr. Rudolf Köppler. Dass ein Jurist Bürgermeister wird, ist keine Überraschung. Doch Köppler stammt aus Berlin. Und er wird von einer Wählerinitiative unterstützt, die von Stadtrat Karl Theodor Engelhardt getragen wird, der dabei war, von der CSU zur SPD überzuwechseln. Es ist eine Zeit, in der auch in der Kommunalpolitik bisweilen nichts mehr so zu sein schien, wie es lange war.

Gegensätze prallen aufeinander. Die Gesellschaft wird kirchenkritischer, aber 1968 wird in Krumbach die Kirche Maria Hilf, eine der größten Kirchenbauten der Nachkriegszeit im süddeutschen Raum, eingeweiht. Doch parallel dazu gehen lange kirchliche Traditionen zu Ende. 1968 schließt in Krumbach der Orden der Englischen Fräulein die Mädchenmittelschule mit Internat. Die Schwestern werden in einer Festveranstaltung im Krumbacher Stadtsaal feierlich verabschiedet. Wie der Krumbacher Ortschronist Walter Gleich berichtet, wird zum 1. September 1969 das Flüchtlingsamt, das 1945 eingeführt wurde, „aufgelöst“.

Bewegte Frisuren und heiße Musik

Tausende von Heimatvertriebenen waren während der Endphase des Zweiten Weltkriegs und danach in das Gebiet des heutigen Landkreises Günzburg gekommen. Im Bereich Günzburg (vor dem Krieg rund 39000 Einwohner) waren es rund 18000. Im Altkreis Krumbach (1939 etwa 24500 Einwohner) waren es circa 14000. Ihre Eingliederung in die Gesellschaft, oft mit dem Begriff „Integration“ umschrieben, gilt Mitte der 60er-Jahre auch in der Region als weitgehend abgeschlossen. Auch das lässt sozusagen Luft für eine gesellschaftliche Neuausrichtung.

Bemerkenswert ist, dass es zwischen der Entwicklung der modernen Konsumgesellschaft und der Vertreibung eine ungewöhnliche Verbindung gibt. Rudolf Wanzl, der aus dem Sudetenland stammt, eröffnet nach der Vertreibung in Leipheim eine Fabrik, die sich auf Einkaufswagen spezialisiert. In Günzburg wird mit „Famila“ der erste Supermarkt eröffnet. In Krumbach sind es „Gubi“ und „Allkauf“.

Die späten 60er- und frühen 70er-Jahre stehen in diesem Bereich für einen massiven Umbruch und das Verschwinden der „Tante-Emma-Läden“. Auch in Sachen Mobilität gibt es in dieser Zeit drastische Veränderungen. Der Krumbacher Unternehmer Gerd Deisenhofer beispielsweise lässt 1972 in Lagerlechfeld die erste Texaco-Selbstbedienungs-Tankstelle (SB-Tankstelle) in Europa einrichten. Wie es zu erwarten war, ist zu „1968“ ein ganzer Berg an „Jubiläumsliteratur“ erschienen.

Eine der weniger bekannten, aber interessantesten Darstellungen ist das Buch „Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte“ der Historikerin Christina von Hodenberg. Sie arbeitet heraus, dass es auch abseits der großen Städte massive gesellschaftliche Veränderungen gab.

Für angeregte Gespräche sorgt heute der Blick auf Bilder aus dieser Zeit. „Ich hatte damals sehr lange Haare und einen Vollbart“, erinnert sich Franz Alstetter aus Wiesenbach lachend. Heute ist der 70-Jährige Vorsitzender des Bezirks 11 des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes. Damals, Ende der 60er und in den frühen 70er-Jahren, rockte er für die Band Glass Onion. Schlaghosen, Miniröcke, groß karierte Jacken oder ausladende Frisuren: All das gehörte auch auf dem Land zum Straßenbild.

Und das beschränkte sich keineswegs auf die viel zitierten „Hippies“, sondern – das konnte eben auch der Pfarrer sein. Nicht zuletzt solche Episoden machen den Blick auf diese Zeit so spannend.

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